Universität

Aktuelles

Sich seine Arbeitszeit völlig frei einteilen zu können, stellt Arbeitnehmer vor große Herausforderungen. (Foto: Stefan Bayer/pixelio.de)

Maike Andresen forscht bereits seit ihrer Habilitation zum Modell der Arbeitszeitfreizeit.

Wissenschaft & Praxis

Das (Un-)Glück der Arbeitszeitfreiheit

BWL-Professorin Maike Andresen forscht über wenig bekanntes Arbeitszeitmodell

Die Arbeitszeitfreiheit ist ein seltenes Phänomen, das in Deutschland aufgrund arbeitsrechtlicher Bestimmungen bisher wenig ausgeübt und daher auch wenig erforscht wird. Das sogenannte „results-only work environment“ (ROWE) - Modell, in Deutschland unter dem Namen „Arbeitszeitfreiheit“ bekannt, überlässt den Arbeitnehmern eines Unternehmens komplette Gestaltungsfreiheit in Bezug auf Arbeitsdauer und -zeitpunkt.

Ob der Mitarbeiter seine Arbeit im Büro, zu Hause oder anderswo erledigt, wie viele Stunden er an welchen Tagen arbeitet und wann seine Arbeitszeit beginnt beziehungsweise endet, entscheidet er selbst. „Hauptsache, die Ergebnisse stimmen“, so Prof. Dr. Maike Andresen vom Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Personalmanagement an der Universität Bamberg.

Bereits in ihrer Habilitationsschrift Das (Un-)Glück der Arbeitszeitfreiheit aus dem Jahr 2009 beschäftigte sie sich mit den Auswirkungen dieses Modells auf Unternehmen und Arbeitnehmer. Seither hat sie das Thema der kompletten Arbeitszeitflexibilisierung nicht locker gelassen. In ihrem am 30. September 2014 erscheinenden Grundlagenwerk zur Personalmanagement-Praxis Assessing Added Value wirft Andresen einen umfassenden Blick auf die Arbeitszeitfreiheit, stellt Vor- und Nachteile dar und gibt Empfehlungen, wie das Modell verbessert werden kann. Ihre Kernthese: Eine Weiterentwicklung und Umsetzung des Modells lohnt sich, denn gegenüber anderen Formen der Arbeitszeitflexibilisierung bietet es entscheidenden Mehrwert.

„Ich befinde mich selbst in einem Dilemma“

Die Vorteile der Arbeitszeitfreiheit erlebt Andresen selbst in ihrem Beruf, denn für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an deutschen Universitäten ist dieses Modell bereits Alltag geworden. Bis auf vorgeschriebene neun Semesterwochenstunden, die unter den Bereich der Lehre fallen, kann sich Andresen ihre Arbeitsstunden komplett selbst einteilen. Sie hat freie Hand, wie sie die vorgegebenen Bereiche Forschung, Verwaltung, Transfer und Weiterbildung während ihrer Arbeitszeit koordiniert und wann sie Feierabend macht. Andresen schätzt diese Autonomie, die ihr die Möglichkeit bietet, ihre Arbeitskraft somit leistungssteigernd zu den bestmöglichen Bedingungen einzusetzen.

Doch die Professorin sieht auch die Nachteile und gesteht: „Ich befinde mich selbst in einem Dilemma.“ Denn bei all der Freiheit bestehe natürlich immer die Gefahr einer Selbstausbeutung. Wöchentliche Arbeitszeiten von bis zu 70 Stunden sind Normalität. Betriebliche Grenzsetzungen, wie sie üblicherweise durch Zielvereinbarungen gegeben sind, fehlen entsprechend in diesem Modell wie es an Universitäten praktiziert wird. „Dies ist ungefähr so, als wenn man einem Läufer sagt, er möge die längstmögliche Strecke in der kürzestmöglichen Zeit laufen“, erläutert die Wissenschaftlerin. Je nach Motivationslage bleibt ein Läufer stehen und ein anderer läuft, bis er tot umfällt. So praktiziert, verstößt die Arbeitszeitfreiheit gegen die klassische Mini-Max-Regel.“

Plädoyer für Zeiterfassung

Trotzdem ist sich Andresen sicher: Wenn man bestimmte Punkte beachte, könne die Arbeitszeitfreizeit für Arbeitgeber und Arbeitnehmer ein erfolgreiches Modell werden. Arbeitgebern rät sie, klare, messbare Ziele mit den Arbeitnehmern zu vereinbaren. Darüber hinaus ist es wichtig, dass Arbeitnehmer ihre Arbeitszeit freiwillig selbst dokumentiert, um  einen Überblick über das geleistete Pensum zu haben. Dies hilft dem Arbeitnehmer, sich seine Zeit besser einzuteilen und das Unternehmen kann gegebenenfalls unterstützend oder nachfordernd einwirken.

Des Weiteren kann eine solche Regelung langfristig dabei helfen, gesundheitliche Schäden zu vermeiden: „Oft sind Arbeitnehmer, die ihre Beschäftigungsdauer nicht festhalten, einer psychologischen Überforderung ausgesetzt, da sie denken, den ganzen Tag zu arbeiten“, weiß die Expertin.
Unternehmen sollten außerdem von ihren Angestellten gezielt gesundheitsfördernde und damit auch leistungssteigernde Maßnahmen einfordern: „Eine Stunde Sport pro Woche, vom Arbeitgeber kontrolliert, wäre eine gute Sache.“

„Andere Art von Führungskraft“

Besondere Bedeutung kommt in diesem Modell den Führungsverantwortlichen der verschiedenen Managementebenen zu. In der in Fachkreisen bekannten GLOBE Studie von Robert J. House landete Deutschland auf den letztem Platz in punkto Mitarbeiterorientierung: Den leitenden Personen in deutschen Unternehmen wurde eine stark aufgabenorientierte, auf Leistungserbringung ausgerichtete Führung attestiert. Soll die Arbeitszeitfreizeit gelingen, bedarf es „eines stärker personenorientierten Führungsverhaltens, bei der die Bedürfnisse des einzelnen Mitarbeiters ins Blickfeld rücken“, so die Wissenschaftlerin. 

Herausforderungen des Modells der Arbeitszeitfreiheit

Andresen fordert in ihrem Buch außerdem dazu auf, neben einer stärker personenorientierten Führung auch die Auswirkungen des neuen Arbeitszeitmodells in den Blick zu nehmen: Entstehen Wissensverluste, wenn die Arbeitnehmer nur noch unregelmäßig im Büro anzutreffen sind und weniger Kontakt zu ihren Kollegen haben? Sind alle Ebenen und Bereiche eines Unternehmens für die Umstellung auf das Modell der Arbeitszeitfreiheit geeignet? Kann also beispielsweise ein Mitarbeiter der örtlichen Entsorgungsbetriebe selbstbestimmt entscheiden, wann er den Müll bei den Haushalten abholt? Diesen Fragen geht Andresen aktuell in einem Forschungsprojekt auf den Grund, welches interkulturelle Aspekte mit berücksichtigt.

Kontakt für Rückfragen:
Prof. Dr. Maike Andresen
Tel. +49 (0) 951 / 863 2570
Tel. +49 (0) 951 / 863 2571 (Sekr.)
maike.andresen@uni-bamberg.de

Hinweis

Diesen Text verfasste Julia Kerzel für die Pressestelle der Universität Bamberg. Er steht Journalistinnen und Journalisten zur freien Verfügung.

Bei Fragen oder Bilderwünschen kontaktieren Sie die Pressestelle bitte unter der Mailadresse medien(at)uni-bamberg.de Tel: 0951-863 1023.