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Viele Arbeiterkinder entscheiden sich trotz Abitur für die Berufsausbildung. (Foto: L. Klauser/fotolia.com)

Steffen Schindler forscht zur geringen Studienbereitschaft von Arbeiterkindern. (Foto: Juniorprofessur für Soziologie mit dem Schwerpunkt Bildung und Arbeit im Lebensverlauf/Universität Bamberg)

„Das Ziel ist der Statuserhalt“

Soziologe forscht zur geringen Studienbereitschaft von Arbeiterkindern

Die Zahl der Studienanfänger an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg nimmt von Jahr zu Jahr zu. Im Jahr 2010 erreichten die Studierendenzahlen erstmals die 10.000er-Marke. Im Wintersemester 2014/15 sind 13.466 Studierende an der Universität eingeschrieben. Der Trend steigender Studierendenzahlen hält an – nicht nur in Bamberg. Immer mehr Menschen eines Jahrgangs studieren, inzwischen sind es mehr als 50 Prozent.

Trotz der Rekordzahl von derzeit über 2,5 Millionen Studierenden in Deutschland gelingt Arbeiterkindern vergleichsweise selten der Weg an die Hochschule. „Der Zugang zur Hochschule ist sozial selektiv“, betont Prof. Dr. Steffen Schindler. Seit dem Wintersemester 2013/14 ist Schindler Inhaber der Juniorprofessur für Soziologie mit dem Schwerpunkt Bildung und Arbeit im Lebensverlauf. Er forscht zu Prozessen sozialer Ungleichheit beim Bildungserwerb und zu Arbeitsmarkterträgen von Bildung.

Die soziale Herkunft ist entscheidend

In Forschungsprojekten befasst er sich unter anderem mit der Frage nach dem Zusammenhang von Studienfächern mit befristeten Arbeitsverträgen oder geschlechtsspezifischen Unterschieden beim Übergang ins Studium. „Ob jemand studiert oder nicht hängt zudem maßgeblich von der sozialen Herkunft ab“, weiß Schindler.

Dies belegen auch Umfrageergebnisse, beispielsweise die jüngste Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes: Von 100 Kindern aus Akademikerfamilien studieren über drei Viertel. Von 100 Kindern aus Facharbeiterfamilien hingegen gelangt gerade einmal ein Viertel an die Hochschule.

Ganz anders erscheint auf den ersten Blick der Anteil von Arbeiterkindern mit Hochschulreife. In diesem Bereich haben sie aufgeholt. Seit den achtziger Jahren ist die Zahl der Arbeiterkinder mit Hochschulreife konstant gestiegen. Doch bis an die Hochschule setzt sich der Trend nicht fort. „Viele Arbeiterkinder entscheiden sich trotz Hochschulreife gegen ein Studium“, so Schindler.

Hochschulreife für die Berufsausbildung

Drei Fünftel und damit mehr als die Hälfte der Arbeiterkinder mit Hochschulreife studieren anschließend nicht. Woher rührt die geringe Studierbereitschaft von Arbeiterkindern – wenn sie doch mit der Hochschulreife die formalen Voraussetzungen für ein Studium erfüllen? „Die Hochschulreife hat sich zur faktischen Zugangsvoraussetzung für viele Ausbildungsberufe entwickelt“, erklärt Schindler.

Viele Berufsausbildungen, für die vor ein paar Jahrzehnten noch Haupt- oder Realschulabschluss ausreichend waren, setzen heute die Hochschulreife voraus. „Somit liegt für viele Arbeiterkinder in Hinblick auf die Berufsausbildung der Schritt zur Hochschulreife nahe, der weitere Schritt zum Studium aber nicht“, fasst Schindler seine Ergebnisse zusammen.

Und weshalb streben so viele Arbeiterkinder in die Berufsausbildung? Hier argumentiert die Bildungssoziologie mit dem Statuserhalt, einem Modell, das seit mehreren Jahrzehnten als etabliert gilt. „Es geht Schulabsolventen darum, den Status ihrer Eltern zu reproduzieren“, fasst Schindler den Ansatz zusammen. Zu vermeiden, sozial abzufallen, ist das zentrale Ziel – wichtiger noch als der soziale Aufstieg. „Wenn der Statuserhalt das Ziel ist, reicht für Arbeiterkinder die Berufsausbildung“, folgert Schindler. Umgekehrt erklärt der Ansatz die starke Studierbereitschaft von Akademikerkindern.

Chancengleichheit bei der Hochschulreife? Fehlanzeige!

Trotz der steigenden Zahl von Arbeiterkindern mit Hochschulreife – auf den zweiten Blick zeigt sich: Von wahrer Chancengleichheit kann auch beim Erwerb der Hochschulreife nicht die Rede sein. Seit den 60er Jahren wurden in Deutschland neue Möglichkeiten geschaffen, die Hochschulreife zu erwerben – außerhalb des klassischen Gymnasiums. Erlangen Arbeiterkinder die Hochschulreife, dann meist über diese alternativen Wege, über Fachschulen, Kollegs und berufsbildende Schulen.

Zumeist vergeben diese Einrichtungen die Fachhochschulreife. „Die Aussage, die Arbeiterkinder hätten bei der Hochschulreife aufgeholt, trifft somit nur mit Einschränkungen zu“, betont Schindler. Die meisten Arbeiterkinder erwerben eine Fachhochschulreife, verfügen damit aber über kein volles Abitur. Der Anteil von Arbeiterkindern an den klassischen Abiturientenzahlen ist hingegen anhaltend gering.

„Es gibt Sozialaufsteiger“

Die Benachteiligung von Arbeiterkindern im Bildungsverlauf ist ein vieldiskutiertes Thema. In der Wirtschaft wird angesichts des Fachkräftemangels immer wieder der Wunsch nach einer höheren Studienquote von Arbeiterkindern laut. Auch aus einer Ungleichheitsperspektive wird die Bildungsbenachteiligung häufig kritisiert. „Doch es gibt durchaus Sozialaufsteiger“, betont Schindler und verweist auf Schüler aus Arbeiterfamilien, die erfolgreich ein Studium absolvieren. Mit eben denen befasst sich sein neuestes Projekt. Zielfrage dessen lautet: Was führt dazu, dass bestimmten Schülerinnen und Schülern der Sozialaufstieg eben doch gelingt?

 

Für Rückfragen zum Projekt:

Prof. Dr. Steffen Schindler
Juniorprofessor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Bildung und Arbeit im Lebensverlauf
Feldkirchenstraße 21
96045 Bamberg
E-Mail: steffen.schindler(at)uni-bamberg.de
Telefon: 0951/863-2415

Hinweis

Diesen Pressetext verfasste Andrea Lösel für die Pressestelle der Universität Bamberg. Er kann für redaktionelle Zwecke verwendet werden.

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