Kann wirklich jeder werden, was er will? fragte Mishael Milaković in seiner Antrittsvorlesung. (Fotos: Andrea Lösel)

Kann jeder werden was er will?

Volkswirt Mishael Milaković hielt seine Antrittsvorlesung

„You earn what you deserve“ – oder eben nicht. Mishael Milaković zeigte in seiner Antrittsvorlesung, dass individuelles Handeln nur in den seltensten Fällen dem kollektivem Ergebnis entspricht. Diese These – in den Naturwissenschaften schon seit Jahrhunderten etabliert – ist in der Volkswirtschaftslehre geradezu ein Novum.

„Mishael Milaković vereint in sich sämtliche Aspekte eines guten Wissenschaftlers“, würdigte Prof. Dr. Olaf Struck, Dekan der Fakultät für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Milaković zu Beginn seiner Antrittsvorlesung am 23. April. Milaković ist seit 2010 an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, wo er den Lehrstuhl für VWL, insbesondere Internationale Wirtschaft, innehat. Vorherige Stationen seiner wissenschaftlichen Karriere waren Frankfurt/Main, Southampton, New York, Pisa und Kiel. Zudem kann Milaković auf eine beeindruckende Anzahl an Preisen zurückblicken – „in Forschung und Lehre“, wie Struck betonte. Milaković publizierte in zahlreichen Zeitschriften – aus dem Bereich der Ökonomie ebenso wie dem der Physik: „Milaković befasst sich vielfach mit statistischen Verteilungssystemen – und greift hierfür häufig auf die statistische Physik zurück.“ Dass die Themen Vermögens- und Einkommensverteilung sowie Industriezusammenhänge zu Milakovićs Steckenpferden gehören, mit welchen er sich seit seinem PhD in New York kontinuierlich befasst, wurde im anschließenden Vortrag deutlich.

Individuelle Charakteristika spielen keine Rolle

Frei nach dem Kabarettisten Volker Pispers hatte Milaković seine Antrittsvorlesung mit dem Titel „Jeder kann was werden, aber eben nicht Alle“ überschrieben. Und stellte gleich zu Beginn seines Vortrags gängige Denkmuster infrage. „Unser Denken zielt vor allem auf das Individuum ab“, erklärte er. Arbeitslosen werfe man oft vor, sie seien „selbst schuld“.  Männern vom Format Bill Gates hingegen gönne man vielfach den Erfolg und das damit verbundene  Einkommen – auf Basis einer Argumentation à la „Schließlich arbeitet er hart und ist intelligent.“ Dass diese Denkzusammenhänge einer schlüssigen Grundlage entbehren, machte Milakovic im nächsten Schritt deutlich: „Das individuelle Handeln entspricht in der Regel nicht dem kollektiven Ergebnis.“

Insbesondere in den Naturwissenschaften gilt diese These bereits seit ca. 1870 als etabliert. Ganz im Gegensatz zur Makroökonomie: „Hier stehen wir noch am Anfang dieser Dynamik“, stellte Milaković klar.

Individuelle Unterschiede sind gar nicht so groß

In einem nächsten Schritt befasste sich Milaković mit unterschiedlichen Verteilungsgesetzmäßigkeiten. So lassen sich individuelle Charakteristika gemäß der Gaußschen Normalverteilung innerhalb von drei Standardabweichungen nachweisen. Ob Körpergröße, Gewicht oder auch Intelligenz – „wir sind unterschiedlich, aber nicht völlig unterschiedlich.“ Die Intelligenz jedes Individuums weiche maximal bis zu drei Standards vom Mittelwert 100 ab, so Milakovic. Fazit: „Wir überspannen keine Größenordnungen.“

Stabile Verteilungszusammenhänge – unabhängig vom Individuum

Andere Verteilungen hingegen folgen nicht der Normalverteilungsparabel. Hier verwies Milaković auf Firmenumsätze, Städtegrößen und Gehälter. Ökonomisches Einkommen umspanne beispielsweise mindestens vier Größenordnungen. Passend zum abendlichen Champions League-Spiel hatte Milaković ein Beispiel aus dem Fußball parat: „Christiano Ronaldo schießt in einer Saison nicht um ein oder zwei Größenordnungen mehr Tore. Aber sein Gehalt unterscheidet sich um ein oder zwei Größenordnungen von dem anderer Fußballprofis.“

Jedoch auch im Hinblick auf Firmenumsätze, Städtegrößen oder Nationaleinkommen produziert das System eine skalenfreie Verteilungsgesetzmäßigkeit, die sich erheblich von der Normalverteilung unterscheidet. Und die bleibt stabil. Was sich hingegen ändert, so Milaković, sei das individuelle Schicksal. Ein Kausalzusammenhang besteht nicht. Die eingangs dargelegten Denkmuster greifen daher zu kurz.

Blick auf die Großkonzerne

Einem weiteren Diktum aus dem angelsächsischen Raum folgend – „Size matters“ –,  widmete sich Milaković abschließend den Großkonzernen. Gemeinsam mit seinem Kollegen Simone Alfarano hatte Milaković die Verteilungsgesetzmäßigkeiten hinter den Profitraten von 500 Großkonzernen analysiert. Statt der Normalverteilungsparabel erhielt er die Form der sogenannten Laplace-Verteilung. "Selbst über Jahrzehnte hinweg bleibt die Verteilung stabil und befindet sich in einem sogenannten Statistischen Gleichgewicht“, fasste Milaković seine Beobachtungen zusammen. Die Profitrate der einzelnen Unternehmen fluktuiert durchaus – konzernspezifische Unterschiede finden sich jedoch lediglich im Hinblick auf die Geschwindigkeit, mit der die Profitabilität variiert.

„Dies bezieht sich wohlgemerkt auf die 500 größten Konzerne“, betonte Milaković abschließend. Für jene Unternehmen, die den Konkurrenzkampf nicht überleben, gelten andere Gesetzmäßigkeiten. Diese Gesetzmäßigkeiten herauszufinden, ist Thema seines neuesten Forschungsprojekts. Doch zunächst wartete das Buffet auf die Gäste. Grund zum Anstoßen gab es nämlich gleich doppelten: Milaković feierte am Tag seiner Antrittsvorlesung seinen 41. Geburtstag. Und lud im Anschluss alle ein: „Feiern Sie mit.“

Hinweis

Diesen Text verfasste Andrea Lösel für die Pressestelle der Universität Bamberg. Er steht Journalistinnen und Journalisten zur freien Verfügung.

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