Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften

Islamische Kunstgeschichte und Archäologie

Projektdaten

Projekttitel: Was Schrift vermittelt. Text-Bild-Verhältnisse in islamischen Kulturen der frühen Neuzeit
Geldgeber: Deutsche Forschungsgemeinschaft, Projektnummer 344870700
Förderzeitraum: 10/2017-09/2020
Antragsteller: Prof. Dr. Lorenz Korn
Mitarbeiter: Emine Küçükbay, Dr. Berenike Metzler

DFG-Projekt: Was Schrift vermittelt. Text-Bild-Verhältnisse in islamischen Kulturen der frühen Neuzeit

Das Projekt

Die Spannung zwischen dem religiös begründeten "Bilderverbot" und dem vielseitigen Umgang mit figürlichen Darstellungen im weltlichen Bereich islamischer Kulturen hat in jüngster Zeit Untersuchungen angeregt, die verschiedene Aspekte und Charakteristika islamischer Bildkunst behandeln. Dafür stellen pictorial turn, visual culture und Bildwissenschaft potenziell wichtige theoretische Rahmenbedingungen dar. Ein erweiterter Bildbegriff sollte Teil dieser Diskussion sein; gleichwohl ist Kalligraphie in diesem Kontext noch weitgehend unberücksichtigt geblieben. Mit dem hier vorliegenden Forschungsvorhaben soll der hybride Charakter islamischer Kalligraphie zwischen Bild und Text erkundet werden. Es nimmt zwei inhaltlich und methodisch verschiedene Aspekte ins Visier und legt einen Schwerpunkt auf die frühe Neuzeit.

Teilprojekt a) Literarische Aushandlung religiöser Normativität

Das erste Teilprojekt untersucht, wie religiöse Normativität literarisch ausgehandelt und künstlerisch ausgeformt wurde. Es behandelt das ästhetische und ethische Potenzial, das muslimische Autoren, und damit auch Kalligraphen, der Schriftkunst zuschrieben. Arabische und persische Quellen des 14.-16. Jahrhunderts, insbesondere kalligraphische Handbücher und Alben sowie Biographien von Kalligraphen, können über das Denken von Künstlern und Auftraggebern ebenso Auskunft geben wie über religiöse Konzepte, vor deren Hintergrund sich die Kalligraphie entwickelte.

Teilprojekt b) Die ḥilye: Künstlerische Ausformung religiöser Normativität?

Für das zweite Teilprojekt geht es darum, die Gattung der hilye-Einzelblattgrafiken als charakteristisches Produkt osmanischer Kalligraphie (und Frömmigkeit) des späten 17. Jahrhunderts zu erklären. Eine Untersuchung verschiedener hilyes sowie weiterer Text- und Bildquellen soll Fragen von Norm und Abweichung, den Präferenzen in der textlichen und formalen Entwicklung der hilye ebenso ansprechen wie den soziokulturellen Kontext, in dem sich Entwicklung und Gebrauch der hilye vollzogen.

Ein Beitrag zur Geschichte des Blicks in islamischen Kulturen der frühen Neuzeit

In beide Teilprojekte fließen umfangreiche Vorarbeiten auf verschiedenen Gebieten der islamischen Kunstgeschichte ein. Während Gegenstand, Material und Methoden der Teilprojekte sich komplementär ergänzen, behandeln beide gleichermaßen Fragen zur Ikonizität der Kalligraphie und ihres graphischen Arrangements und zu der Art und Weise, wie mit religiös motivierten Aussagen zur Kunst umgegangen wurde; die Verankerung in einer bestimmten Epoche kann einen Beitrag zu der Frage leisten, inwiefern bestimmte Phänomene als charakteristisch für islamische Kulturen allgemein gelten können oder ob sie an bestimmte Epochen gebunden sind. Die Frage des individuellen Beitrags der Künstler wird im Hinblick auf den theoretischen Diskurs berührt, aber auch anhand von Beispielen von Innovationen in der Entwicklung der hilye. Insgesamt soll die Untersuchung der kalligraphischen Werke und der Literatur zur Kalligraphie eine Lücke in der Kenntnis islamischer visueller Kultur schließen und einen Beitrag zur Geschichte des Blicks im Osmanischen Reich und in benachbarten islamischen Kulturen der frühen Neuzeit leisten.