Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften

Islamische Kunstgeschichte und Archäologie

DFG-Projekt: Der Siedlungsbezirk von Cuatrovitas im Aljarafe

Projektdaten

Projekttitel: Der Siedlungsbezirk von Cuatrovitas im Aljarafe (Sevilla, Spanien). Archäologische und naturwissenschaftliche Untersuchung einer almohadenzeitlichen Wüstung
Geldgeber: Deutsche Forschungsgemeinschaft, Förderbereich Fachkollegium 101 Alte Kulturen
Förderzeitraum: Phase I 10/2013–9/2015; Phase II: 8/2016–7/2018
Antragsteller: Prof. Dr. Lorenz Korn
Projektpartner: Prof. Dr. Magdalena Valor Piechotta, Facultad de Geografía e Historia Historia Medieval y Ciencias y Técnicas Historiográficas, Area de Historia Medieval, Universität Sevilla
Projektkoordination: Dr. Anja Heidenreich

 

Information in English(9.0 MB)

 

Das Projekt

Im Rahmen unseres Forschungsvorhabens in der Nähe von Sevilla (Spanien) widmen wir uns in einer mittlerweile zweiten Projektphase einem wüst gefallenen Siedlungsplatz, als dessen Zentrum sich die heute als Kirche überformte Hauptmoschee in einem für die Iberische Halbinsel selten komplettem Zustand überliefert hat. Im unmittelbaren Umfeld des Gebäudes schließen sich große, heute durch moderne Landwirtschaft genutzte Freiflächen an, die seit der Reconquista 1248 nicht mehr besiedelt worden sind. Alle Untersuchungen in Cuatrovitas werden in Partnerschaft mit der Universität Sevilla, Dept. Historia Medieval y Ciencias y Técnicas Historiográficas (Prof. Dr. Magdalena Valor Piechotta) unter reger Beteiligung von Studenten beider Universitäten durchgeführt. Finanziell wird das Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Die Arbeiten begannen mit einer ersten vierwöchigen Kampagne Ende Oktober 2013 und werden derzeit (Ende 2016) in einer Verlängerung mit einem Schwerpunkt auf naturwissenschaftliche Nachbarwissenschaften und auf eine verstärkte öffentliche Präsentation fortgesetzt.

Der Kirchen- bzw. Moscheebau

Aus der Perspektive des Faches Islamische Kunstgeschichte und Archäologie haben wir im Projekt zwei grundlegende Ansätze verfolgt: Ein intensives Studium des Bauwerkes, seiner zugehörigen Bestandteile (Minarett, Hof und Zisterne) inklusive fassbarer Bauphasen und ihrer bautechnischen und gestalterischen Besonderheiten. Hierzu zählten auch 3-D-Scans des aufgehenden Gebäudes und eine Georadar-Untersuchung der Bodenflächen im Innenraum und im ehemaligen Hofbereich. Befundungen im Aufgehenden und archäologische Sondagen in ausgewählten Fundamentbereichen haben die Datenerhebung komplettiert. Mit einer mathematisch-metrologischen Analyse ergaben sich auf dieser Grundlage Informationen zu den in almohadischen Maßverhältnissen bewusst gewählten Gesamtproportionen des Baues, seiner Planung und seinen Baumaterialien.

Die „Maurenhöhlen“

Wiederholt hat uns die oral history über die Maurenhöhlen in Cuatrovitas, ein angeblich unterirdisch verzweigtes Gangsystem aus islamischer Zeit, informiert. Nachdem bereits große, glockenförmige Vorratskeller in der Siedlung vereinzelt dokumentiert werden konnten – durchaus eine Besonderheit im islamischen Siedlungswesen -, gelang im April 2017 tatsächlich der Einstieg in ein Gangsystem in unmittelbarer Nähe zur Moschee. Ein Schwerpunkt unserer kommenden Kampagne wird sich daher mit der Dokumentation und Erforschung dieser künstlich gegrabenen Stollen beschäftigen.

Zwei ehemalige Siedlungen

 

Fragen nach der Morphologie und kulturgeschichtlichen Bedeutung des Platzes inklusive nach den Gründen seines Niederganges ab der Mitte des 13. Jahrhunderts bilden den zweiten Forschungsschwerpunkt. Für ein Gebiet, das vermutlich auch damals von landwirtschaftlichen Sonderkulturen stark geprägt war, lassen sich damit interessante Ansätze für die Rekonstruktion einer Kulturlandschaft und deren Wandel unter den Bedingungen der christlichen Eroberung gewinnen. Bereits erfolgt ist die großflächige geophysikalische Prospektion des Umfeldes (Fa. Eastern Atlas), die wir mit einem „traditionellen“ Survey der obertätig noch heute sichtbaren Keramikstreuung koppeln konnten. Mittels Prozessierung der Daten in ArcGIS zeigte sich ein schlüssiges Ergebnis zur Ausdehnung und den Kernzonen zweier großflächiger almohadischer Siedlungen.

Neben der klassischen Befundgrabung in den von 2013–2015 insgesamt 20 angelegten und noch weiter fortzuführenden Untersuchungsschnitten wollen wir besonders die naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden exemplarisch zur Anwendung bringen

Bereits erfolgt sind die anthropologische Auswertung der im Kirchenumfeld aufgefundenen Bestattungen, die paläozoologische Analyse von Tierknochen, eine Analyse der Fundkeramik, ausgewählte Altersbestimmungen durch C-14-Datierung und eine noch laufende Isotopenbestimmung am Knochenmaterial.

Derzeit laufen die Auswertungsarbeiten für ein fein auflösendes Pollendiagramm und eine geomorphologische Analyse. Eine Rekonstruktion von Vegetations- und Kulturlandschaft, für die es im Aljarafe noch keine Untersuchungen gibt, dürfte damit exemplarisch am Fundort erbracht weden.

Mit Abschluss der Verlängerungskampagne sollen alle Ergebnisse auf einer eigenen Homepage und in einer Dauerausstellung im Rathaus Bollullos de la Mitación zweisprachig präsentiert werden. Auch in und an der ‚Ermita de Cuatrovitas‘ selbst haben sich Möglichkeiten zur Musealisierung ergeben, mit der wir diesen durch extensive Landwirtschaft stark gefährdeten und von der Bevölkerung ungebrochen stark frequentierten Ort in seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung stärken und ausbauen wollen.

Literatur:

Anja Heidenreich – Magdalena Valor Piechotta – Alejandro Jiménez – Lorenz Korn, Cuatrovitas (Bollullos de la Mitación, Sevilla, Spanien). Neue Untersuchungen zur almohadenzeitlichen Moschee und Wüstung – Ein Beitrag zur Geschichte der Siedlungskammer Aljarafe in islamischer Zeit, Madrider Mitteilungen 56, 410–505 (2016 im Druck).

Anja Heidenreich, Cuatrovitas – Eine hochmittelalterliche Landmoschee mit Dorfwüstung westlich von Sevilla (Spanien), in: Patrick Cassitti (Hrsg.) Festschrift für Prof. Ingolf Ericsson zum 60. Geburtstag (2017, in Redaktion).