Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften

Ältere deutsche Literaturwissenschaft

Interview mit Felicitas Hoppe

Felicitas Hoppe im Gespräch mit Kai Lorenz

anlässlich ihres Besuches in Bamberg vom 15.-17. Mai 2013

KL: Liebe Frau Hoppe, Sie waren schon 1997 und 2003 in Bamberg zu Gast - was verbinden Sie mit unserer Stadt?

FH: Bamberg hat für mein eigenes Schreiben einen ganz besonderen Stellenwert, denn hier kam ich erstmals in den Kontakt mit dem Iwein, dem Text Hartmanns von Aue, den ich später in der Jugendbuchfassung veröffentlicht habe. Ich freue mich außerordentlich auf den Besuch; es beginnt schon damit, dass ich die Bahnstrecke von Berlin nach Bamberg sehr mag. Die Stadt selbst habe ich nicht nur als schön und einladend in Erinnerung, auch die Lesungen und Diskussionen waren äußerst lebendig und interessant, man merkt, dass es hier eine sehr aktive Literaturszene gibt.

KL: Wie war das genau mit dem Iwein?

FH: Ich durchstreifte die kleinen Gässchen, stattete ETA Hoffmanns Apfelweibchen einen Besuch ab und besuchte natürlich auch die Buchhandlungen und Antiquariate. In einem der Läden lag der Iwein. Schon nach wenigen Versen war ich fasziniert, sowohl von der Geschichte als auch der Sprache.

KL: Der Hoppe’sche Iwein ist ein ungeheuerer Erfolg und wird weithin als Lektüre an Universitäten und Schulen gelesen - könnten Sie sich vorstellen, noch weitere Stoffe des Mittelalters neu zu erzählen?

FH: Die Nachfrage ist in der Tat groß – und der Reiz auch. Anderseits besteht die Gefahr der Wiederholung, da diese Texte einander strukturell eben ähnlich sind, es braucht entsprechend mehr erzählerische Varianz. Natürlich sind auch nicht alle mittelalterlichen Texte gleichermaßen dafür geeignet, ich halte aber besonders den Erec Hartmanns von Aue für einen weithin unterschätzten Roman.

KL: Sie haben auch in Ihren anderen Werken immer wieder Figuren und Elemente aus dem Mittelalter aufgegriffen.

FH: Ich war schon seit meiner ersten Lesung in Bamberg fasziniert von der Geschichte des Âventiureritters, der durch Not geläutert zum Erfolg gelangt. In diesem Sinne ist ParadieseÜbersee gewissermaßen mein erster Iwein. Auch Johanna liegt mit Jeanne D’Arc eine Figur des Mittelalters zugrunde.

KL: Sie springen in Ihren Texten mit einer ganz eigenen Leichtfüßigkeit zwischen den Perspektiven und Deutungen der eigenen Erzählräume hin und her und eröffnen dem Leser damit die unterschiedlichsten Möglichkeiten.

FH: Es freut mich sehr, dass Sie das so sehen. Gerade Paradiese Übersee lebt auch von diesen Perspektivenverschiebungen und der Entfernung von jeglicher Deutungshoheit. Ich sehe Paradiese aber gerade deshalb weniger als postmodernes Werk als ein Werk, das sich eben auch aus den Erzählformen des Mittelalters speist, auch wenn das in den Literaturwissenschaften bis jetzt wenig wahrgenommen wurde.  Auch in Johanna spielen die Erzählräume eine entscheidende Rolle – es stellt sich immer die Frage nach der Teilnahme am Geschehen, beim Schreiben erfahre ich den Raum zugleich gestaltend und beobachtend.

KL: Sie mögen Pinocchio – welche anderen Kinderbücher nehmen Sie gerne wieder zur Hand?

FH: Ich lese gerne Märchen, auch Mio mein Mio von Astrid Lindgren fällt mir sofort ein. In den Kinderbüchern kommen Typisierungen oft stark zum Ausdruck, ähnlich wie auch bei den Figuren der Artusromane. An Pinocchio mag ich, dass er neugierig ist und bei allen Schwierigkeiten die Fähigkeit hat, zu nehmen, was das Leben vorgesehen hat – er ist natürlich auch äußerst verführbar, aber bei allem Wollen ist er trotzdem auch auf Erkenntnis aus, also darauf, etwas zu lernen.

KL: Welches Buch nehmen Sie auf die Bahnfahrt nach Bamberg mit?

FH: Ich habe einen Stapel mit Büchern für diese Gelegenheiten und entscheide mich dann spontan kurz vor der Abreise, welches ich mitnehme – wahrscheinlich wird es diesmal BO von Rainer Merkel sein.

KL: Wenn Sie Zeit hätten, noch eine Sprache zu lernen um Bücher im Original lesen zu können, wofür würden Sie sich entscheiden?

FH: Durch mein Studium im den USA fällt mir das Englische nicht schwer – ich würde wohl die Chance nutzen, um mein inzwischen verblasstes Russisch aufzubessern. Die russische Literatur fasziniert mich bis heute.

KL: Angenommen, Sie dürften sich einen historischen Schriftsteller für einen Abend einladen – wen suchen Sie sich aus?

FH: (lacht) Das ist eine schwere Frage, man müsste auch überlegen, wen man lieber nicht persönlich treffen wollte. Ich denke aber, ich würde mich für Hartmann von Aue entscheiden.