Architektur und Demokratisierung:
Vergessene Zeugen alliierter Intervention im
besetzten Deutschland nach 1945

Internationale Tagung, 4.-6. Juni 2020 in Bamberg

Organisation:  Lehrstuhl für Denkmalpflege / Dr. habil. Johanna Blokker

In den Jahren 2019 und 2020 feiert Deutschland 70 Jahre seit seiner Nachkriegsteilung in West und Ost und 30 Jahre seit der Wiedervereinigung. Diese zwei Jubiläen bieten erneut Gelegenheit für eine Untersuchung der Prozesse, die 1949 zur Gründung der beiden deutschen Staaten führten, sowie der Prämissen, auf denen sie fußte und die 1990 bestätigt schienen: Prämissen wie die historische Notwendigkeit der Demokratie, der Wert des Internationalismus und die Möglichkeit einer friedlichen und stabilen Weltordnung. Angesichts der aktuellen Infragestellung dieser Ideen nicht nur hier, sondern in ganz Europa und darüber hinaus erscheint eine solche Überprüfung heute so relevant wie selten zuvor.

Auch die Architektur muss Teil dieser Diskussion sein. Sowohl die BRD als auch die DDR waren Visionen eines neuen, anderen und besseren Deutschland, das zum Teil durch Planung und Bau realisiert werden sollte. Die Rehabilitierung des Landes nach dem Nationalsozialismus und dem totalen Krieg – die Reform seiner politischen und sozialen Systeme, die Neuausrichtung seiner Wirtschaft, und nicht zuletzt die „reorientation" seiner Bevölkerung auf die von den Siegermächten unterschiedlich definierten Werte der Demokratie – sollte sich sowohl wörtlich als auch bildlich im Gefüge seiner wiederaufgebauten Städte ausdrücken.

Diese Arbeit wurde zwar weitgehend von den Deutschen selbst geleistet, war aber durchaus auch ein internationales Projekt, das von den alliierten Besatzungsmächten gefördert und überwacht wurde. Durch Unterstützung für bestimmte deutsche Initiativen im Bereich des Bauens, durch die Präsentation der eigenen Städte und Strukturen als Vorbilder, und durch die Bereitstellung erheblicher finanzieller und materieller sowie intellektueller Ressourcen für demokratiefördernde Projekte und Programme mit einer baulichen oder planerischen Dimension versuchten die militärischen und zivilen Behörden der Vereinigten Staaten, Großbritanniens, Frankreichs und der Sowjetunion den Charakter des deutschen Wiederaufbaus im Einklang mit ihren jeweiligen ideologischen und politischen Zielen zu beeinflussen.

Das Erbe dieser Bemühungen ist heute in der Landschaft des wiedervereinten Deutschlands überall zu finden. Veranstaltungen wie die Berliner Ausstellung „Geschenke der Amerikaner" 20091 erinnern gelegentlich daran; in diesem wie in anderen Kontexten sind es jedoch meist nur die offenkundigsten Ausdrücke der Ideologie sowie die großen Design-Highlights, die Beachtung finden. Unterdessen wird die überwiegende Mehrheit der alliierten Eingriffe in die gebaute Umwelt Deutschlands – diejenigen, die den Hauptteil der Demokratisierungsarbeit leisten sollten – weiterhin übersehen. Tatsächlich ist die architektonische Landschaft auf beiden Seiten der ehemaligen Binnengrenze und weit über Berlin hinaus mit Strukturen übersät, die mal auf mehr, mal auf weniger sichtbare Weise von den Versuchen der Besatzungsmächte zeugen, dauerhafte, supranationale Werte- und Interessengemeinschaften um das dehnbare Konzept der Demokratie zu bilden.

Call for Papers (Druckversion)(351.8 KB)
Frist:  15. Januar 2020


Die geplante Tagung „Architektur und Demokratisierung" will diesen Missstand beheben. Ermutigt durch parallele Bemühungen in Österreich2 und ausgehend von der These, dass „Demokratie sichtbar gemacht werden muss, damit sie angeeignet werden kann"3, soll die Veranstaltung mehr Aufmerksamkeit auf vergessene oder weniger bekannte Artefakte der westlichen und sowjetischen kulturpolitischen Intervention in die architektonische Landschaft Deutschlands lenken, um die Schaffung eines umfassenderen und detaillierteren Bild von dieser Aktivität zu ermöglichen.

Zweitens zielt die Tagung darauf ab, die Gedanken hinter diesen Interventionen zu analysieren und zu eruieren, wie Bauen und Planen das Ziel der Demokratisierung des Nachkriegsdeutschland fördern sollten. Beitragende werden ermutigt, die folgenden Fragen zu prüfen:

• Welche Modalitäten des kulturpolitischen Einflusses schrieben die verschiedenen Besatzungsbehörden dem Bauen, Planen und Gestalten zu?

• Was verraten die aufgedeckten Beispiele über die von der jeweiligen Besatzungsmacht geförderten Konzepte der „Demokratie"? In welchem Verhältnis standen diese Konzepte zu ihren unmittelbaren Zielen für Deutschland einerseits und zu ihren größeren geopolitischen Zielen vor dem Hintergrund des sich anbahnenden Kalten Kriegs andererseits?

• Die Absichten der amerikanischen, britischen, französischen oder sowjetischen Behörden wurden oft von den Deutschen selbst verwirklicht: Wie haben diese die Absichten der Besatzer rezipiert, interpretiert und/oder transformiert im Prozess der Umsetzung?

• Welche Rolle spielten andere Kanäle des architektonischen Diskurses zwischen Besatzern und Besetzten, wie z.B. Design- oder Planungsausstellungen, Fachtagungen oder Austausch von Fachleuten, bei den Demokratisierungsbemühungen?

• Welche Beweise gibt es für Interaktion und Austausch unter den vier Besatzungsmächten selbst in Fragen hinsichtlich Architektur und Demokratisierung, und was war der Charakter und die Wirkung dieser Interaktion?

• Welche nachhaltigen Auswirkungen hatten die Interventionen der alliierten Besatzer auf das Planen und Bauen in Deutschland in den folgenden Jahrzehnten? Und umgekehrt, welche Lektionen oder Erkenntnisse nahmen die Besatzer von ihren Experimenten in Deutschland mit und wie wurden diese in ihren eigenen Ländern angewendet?

Ein dritter Schwerpunkt wird auf die Auseinandersetzung mit dem Wert dieses architektonischen Erbes der Vergangenheit als Quelle von Erkenntnissen für die Gegenwart gesetzt – sowohl als eine Reihe von Antworten auf eine frühere Krise der Demokratie als auch als eines der Mittel, mit denen die scheinbar dauerhafte Struktur der Nachkriegswelt verfestigt wurde. Besonders willkommen sind Beiträge, die Vorschläge für die Erhaltung und Präsentation dieser historischen Ressource – keineswegs solide oder dauerhaft, sondern offensichtlich sehr anfällig und zerbrechlich – anbieten und damit die Sichtbarkeit und Zugänglichkeit für heutige und zukünftige Generationen gewährleisten.

Es ist geplant, die Ergebnisse der Konferenz zu veröffentlichen.

Anträge in deutscher oder englischer Sprache werden bis zum 15. Januar 2020 erbeten, Rückmeldungen werden bis zum 31. Januar 2020 gegeben.

Abstracts mit einem Umfang von max. 300 Wörtern sind per E-Mail einzureichen an: konferenz.denkmalpflege(at)unibamberg.de


Kontakt


Anträge:  konferenz.denkmalpflege(at)unibamberg.de
Rückfragen:  johanna.blokker(at)uni-bamberg.de / +49 (0)951 863 2343


1 Geschenke der Amerikaner, 09.05. bis 30.06.2009 im Amerika-Haus Berlin, heute Sitz der Stiftung C/O Berlin.
2 Kalter Krieg und Architektur. Beiträge zur Demokratisierung Österreichs nach 1945, 17.10.2019 bis 24.02.2020 im Architekturzentrum Wien.
3 Michael Dreyer, Vorsitzender des Vereins Weimarer Republik e.V., auf dem Symposion Die Frankfurter Paulskirche. Ort der deutschen Demokratie, Frankfurt a.M., 30.09. bis 01.10.2019.