Historische Geographie grenzüberschreitender räumlicher Erinnerungspraktiken nach 1945 - Ortswüstungen im bayerisch-böhmischen Grenzraum

Vorbereitungsprojekt, gefördert durch die Ständige Kommission für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs (FNK) der Otto-Friedrich-Universität Bamberg im Förderzeitraum 2018 und durch die Bayerisch-Tschechische Hochschulagentur aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat

In den westlichen Grenzregionen der Tschechoslowakei lebten 1945 rund 2,72 Millionen Deutsche, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs diese Gebiete verlassen mussten. Zeitgleich mit der Aussiedlung der Deutschen fand die Wiederbesiedlung der Region statt. Dabei wurden vor allem diejenigen Orte, die zu nah an der neu entstandenen Grenze lagen, vollständig abgerissen. Seit Anfang der 2000er Jahre interessiert sich die Forschung zunehmend für diese Wüstungen. Auf deutscher und tschechischer Seite existieren bereits große Datenbanken, die Informationen zu den verschwundenen Orten zusammenführen. Für die ehemals Vertriebenen und ihre Familien spielen diese Orte eine wichtige Rolle. Sie sind ein Symbol für das selbst empfundene Unrecht, das die Aussiedlung nach dem Zweiten Weltkrieg mit sich brachte. Zugleich erschwerte die Thematik die politischen Beziehungen zwischen dem Freistaat Bayern und der Tschechischen Republik bis vor wenigen Jahren sehr. Erst seit kurzem finden Annäherungen statt, bei denen die Vertreibungen und die damit verbundenen sogenannten Beneš-Dekrete in der gemeinsamen Kommunikation möglichst ausgespart bleiben.  

Ein Fokus bisheriger historisch-kulturwissenschaftlicher Forschung zu den verschwundenen Orten in der ländlichen bayerisch-böhmischen Grenzregion lag vor allem auf der diskursiven Sichtbarmachung dieser Orte über Gespräche und publizistische Verschriftlichungen von Erinnerungen. Daneben steht eine zum Teil unsystematische Ansammlung an Daten zu den Orten, die in umfangreichen Datenbanken gespeichert sind, bisher jedoch nur zum Teil ausgewertet wurden. Was fehlt, ist eine Verbindung der konkreten Orte, die sich mittlerweile gut kartieren lassen, und der Datenbankbestände mit einer genauen Betrachtung der Erinnerungspraktiken, die sich rund um die verschwundenen Orte ausgebildet und zum Teil auch wieder in die Orte und Landschaften eingeschrieben haben. Es wird nicht nur über die Orte gesprochen, es wird etwas mit ihnen 'gemacht'. Durch dieses 'doing memory' soll nicht nur Erinnerung wach gehalten werden. Es wird über das Praktizieren rund um eigentlich gar nicht mehr Existierendes individuelles Erinnern in kollektives Gedächtnis übertragen - wobei diese Praktiken nicht an allen Orten und nicht in jeweils gleicher Intensität stattfinden. Bisherige Forschung nimmt bei der Beschäftigung mit verschwundenen Orten diese Orte als Symbol und pars pro toto für die Aussiedlungs- und Wiederbesiedlungspolitiken in der ehemaligen Tschechoslowakei in den Blick, lässt die Frage, an welche Orte durch welche Praktiken erinnert wird bzw. welche Orte durch welche Praktiken (bewusst?) vergessen werden, außen vor. Zudem blickt bisherige Forschung zumeist entweder nur auf die Gegenwart oder nur in die Vergangenheit. Das Projekt soll dagegen eine diachrone Perspektive einnehmen und sozialen Wandel in seiner konkreten räumlichen Dimension seit dem Zweiten Weltkrieg bis heute sichtbar machen. Durch die Verbindung von soziologisch-handlungstheoretischen Ansätzen mit historisch-geographischen Methoden sollen soziale Praktiken in seinem "So und nicht anders Gewordensein" (Max Weber) verstanden werden.

Das Projekt versucht eine konzeptionelle Weiterentwicklung einer Historischen Sozialgeographie, die sich bewusst an der Schnittstelle von Geographie, Geschichtswissenschaften und Soziologie bewegt.

Kontakt

Für Fragen zum Projekt wenden Sie sich gerne an Patrick Reitinger.