Laufende Dissertationsprojekte

Die Chauseen des Fränkischen Reichskreises - Indikator eines frühneuzeitlichen Strukturwandels?

Die verschiedensten Infrastrukturen prägen unseren heutigen Alltag, ohne dass wir ihnen besondere Aufmerksamkeit schenken – vorausgesetzt es kommt zu keinen Störfällen. Laut dem Historiker Dirk van Laak gelten sie dabei sogar als „Maßstab für vermeintliche Modernität“. Doch wo liegen die Wurzeln moderner Infrastrukturen? Diese Frage untersucht das Dissertationsprojekt anhand der Chausseen des Fränkischen Reichskreises. Dabei sollen nicht nur der Bau der frühneuzeitlichen Kunststraßen sondern auch ihre Nutzung und ihr Unterhalt im Fokus des Promotionsvorhabens stehen. Als Quelle hierzu dienen insbesondere die im Bamberger Staatsarchiv lagernden Bestände des ehemaligen Kreisarchives des Fränkischen Reichskreises, mit deren Hilfe der Frage nachgegangen wird, welche Akteure aus welchen Motiven heraus an Bau, Nutzung und Unterhalt der Chausseen beteiligt waren. Somit wird nicht auf eine rein deskriptive Rekonstruktion des frühneuzeitlichen Chausseenetzes im Fränkischen Reichskreis hingearbeitet, sondern es soll vielmehr erörtert werden, inwiefern die Chausseen als Indikator eines frühneuzeitlichen Strukturwandels angesehen werden können und welche Bedeutung ihnen für die Konstituierung des Raumes „Franken“ zukam.

Bearbeitung: Jost Dockter M.A.


Schlagwort: Anarchismus. Bücher und ihre historische Geographie

In meiner Arbeit erforsche ich, wie sich Bücher über Anarchismus von Werken der frühen Anarchist:innen um 1800 bis zu den heutigen anarchist studies in den nationalen Sammlungsinstitutionen global verteilt haben.  
Das Buch wird dabei als materialisierter Wissensspeicher, Erinnerungsmedium, kulturelles Artefakt und als Beweis für die Existenz intellektueller und ökonomischer Netzwerke verstanden.
Die historische Kontextualisierung und Auswertung der digitalen Einträge der Bücher in den lokal differenzierten Datenbanken dient mir zu der Beantwortung der Frage, wie und wo sich Ideen, trotz zu befürchtender politischer Verfolgung, erhalten und revitalisieren. Durch die Verortung der Veröffentlichungen über die Verlags- sowie Bibliotheksorte und über die historische Einordnung durch das Jahr der Veröffentlichung spannt sich in der Menge der Datensätze ein breites raum-zeitliches Netzwerk auf. Diese Wissens- und Ideenzirkulationen werde ich mithilfe eines Historical GIS (HGIS) visualisieren.

Meine Forschung ist somit an den Schnittstellen von Historischer Geographie, Buchgeschichte, Anarchismusgeographien, Netzwerkforschung und Digital Humanities angesiedelt.

Bearbeitung: Anna Regener M.A.


Raumpolitik in der Weimarer Republik. Die Tschechoslowakei und der Peripherie-Diskurs in der Bayerischen Ostmark

Die bisherige Forschung zu Ostbayern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts konzentriert sich vor allem auf die Zeit des Nationalsozialismus. Mit der Gründung des NS-Gaus Bayerische Ostmark wurden ab 1933 die ehemaligen Kreise Oberfranken, Oberpfalz und Niederbayern zusammengefasst und in den Fokus nationalsozialistischer Raumpolitik gerückt. Ziel war zunächst die Errichtung eines Bollwerks gegen die Slavengefahr aus dem Osten und die Verbesserung der Lebensqualität der Bevölkerung in der Grenzregion. Diese litt nicht zuletzt durch die Folgen der Weltwirtschaftskrise unter hoher Arbeitslosigkeit und großer Armut.

Ankerpunkt für die nationalsozialistische Argumentation war die Auffassung, dass die politischen Akteure der Weimarer Republik der Grenzregion zu wenig Beachtung schenkten und dadurch den Raum auch geopolitisch vernachlässigten: Sie sahen in der Tschechoslowakei eine systematische Unterdrückung der deutschsprachigen Bevölkerung im sogenannten Sudetenland und zugleich die angebliche Vorbereitung einer Invasion der Tschechen in das Deutsche Reich. Erst eine Neuausrichtung der ländlichen Strukturpolitik in der Bayerischen Ostmark würde, so das gängige Narrativ, die militärischen Gefahren reduzieren und zudem die Situation der Landbevölkerung in den Dörfern und Kleinstädten Ostbayerns zum Besseren wenden.

Obwohl diese nationalsozialistische Erzählung so wirkmächtig wurde und sie sich mit dem Einmarsch Hitlers in die Tschechoslowakei sowie mit der Abtretung des Sudetenlandes an das Deutsche Reich nach dem Münchener Abkommen 1938 in Realpolitik verwandelte, stellt die bisherige Forschung zu Ostbayern kaum die Frage nach der Vorgeschichte zu diesen Entwicklungen. Dies verwundert schon deshalb, weil es bis auf einige Ausnahmen bis heute fast selbstverständlich erscheint, dass die Zeit zwischen 1918 und 1933 als Vorspiel des Nationalsozialismus betrachtet wird. Die wenigen einschlägige Publikationen blicken dann aber doch fast ausschließlich auf nationalistische und patriotische Akteure und Diskurse in der Weimarer Republik, blenden das große Feld der ländlichen Raumpolitik in der Bayerischen Ostmark nach dem Ersten Weltkrieg aber weitestgehend aus.

Das Dissertationsprojekt schließt diese Lücke, indem es eine historisch-geographische Politikfeldanalyse der ländlichen Raumpolitik in der Weimarer Republik am Beispiel der Bayerischen Ostmark vornimmt. Dabei zeichnet das Projekt nach, wie die politischen Entwicklungen in der Tschechoslowakei und der Peripherie-Diskurs in Ostbayern miteinander verbunden waren. Indem die Institutionen und Strukturen (Polity), die politischen Akteure, Interessen und Netzwerke (Politics) und schließlich die politischen Inhalte und Diskurse (Policy) rund um die Politik für die Bayerische Ostmark untersucht werden, entsteht ein Gesamtbild der ostbayerischen Grenzregion in der Weimarer Republik, das den Facettenreichtum der Politik für ländliche Räume deutlich macht.

Das Projekt arbeitet heraus, wie Ländlichkeit im politischen Mehrebenensystem der Weimarer Republik verhandelt wurde und welche Raumbilder dabei zur Geltung kamen. Es fragt danach, welche Rolle das Phänomen Grenze für die raumpolitischen Diskurse und Maßnahmen in Ostbayern spielte sowie wann und wie grenzüberschreitende Bezüge in die Tschechoslowakei auf die Raumpolitik in der Bayerischen Ostmark Einfluss hatten. Schließlich wird der Fall Bayerische Ostmark zum generellen Ostgrenzen-Diskurs in der Weimarer Republik in Relation gesetzt und vor der internationalen Diskussion um die Entwicklung ländlicher Räume in der Zwischenkriegszeit bewertet.

Bearbeitung: Patrick Reitinger


Das hydraulische Ancien Régime. Historisch-geographische Aspekte der vormodernen Versorgung mit fließendem Wasser in Nürnberg und Prag

Ziel der Arbeit ist es an den Beispielen Prag und Nürnberg zu untersuchen, auf welche Art und Weise eine strukturelle Mangelgesellschaft, die Großstadt mitteleuropäischer Prägung in der Vormoderne (ca. 1450-1850) den Zugang zur Ressource fließendes Wasser organisierte, welches Wissen über das Wasser bestand, welche Konflikte auftraten und wie diese gelöst wurden.

Auf der einen Seite ist die historisch-geographische Stadtforschung der Bezugspunkt, andererseits schöpft die Arbeit aus dem Ansatz der städtischen Umweltgeschichte, die sich allerdings nur selten über das 19. Jahrhundert hinaus in ältere Zeiten gewagt hat. Auf geographischer Seite sind es u.a. Arbeiten von Erik Swyngedouw, Matthew Gandy und Karen Bakker, die den engeren Bezugsrahmen im Kapitel WASSER-THEORIE darstellen, auf historischer Seite sind Martin Melosi, Carl Smith, Leslie Tomory und Mark Jenner als wichtige Bezugspunkte zu nennen.

Das zweite Hauptkapitel WASSER-WISSEN vermittelt die Grundzüge des Wissens über Wasser, das in der Vormoderne verfügbar war und bei dem davon ausgegangen werden kann, dass es auch eine gewisse Bedeutung für den alltäglichen Wassergebrauch besaß: Was unterschied in der Vormoderne „gutes“ von „schlechtem“ Wasser? Unter der Überschrift WASSER-TECHNIK folgt eine Übersicht über die Entwicklung der Wasserkünste, mit denen in Nürnberg und Prag vom ausgehenden Mittelalter bis um 1850 fließendes Wasser gefördert wurde.

Das dritte Hauptkapitel betrachtet die WASSER-ÖKONOMIE der Beispielstädte Prag und Nürnberg in vergleichender Perspektive. Aus einer Vielzahl schriftlicher, bildlicher und kartographischer Quellen wird die WASSER-INFRASTRUKTUR rekonstruiert. In den Mittelpunkt des Interesses rückt in beiden Städten die Versorgung mit fließendem Wasser, weil sich hieran die Kommodifizierung eines Teils der städtischen Wasser-Allmende nachzeichnen lässt, die zu teilweise langwierigen Konflikten führte. Ein grundsätzlicher Unterschied bestand zwischen beiden Städten darin, dass sich in Prag nach jedem Eigentumswechsel der neue Hausbesitzer erneut um die gebührenpflichtige „Legitimation“ für den Genuss des „Gemeindröhrwassers“ bemühen musste, während in Nürnberg ein Wasseranschluss grundsätzlich als Ewigkeitsrecht vergeben bzw. erworben wurde. Dementsprechend betrafen die WASSER-KONFLIKTE in Prag häufig die Gebührengestaltung, während sich in Nürnberg zahlreiche Streitfälle um Wasserbezugsrechte und die Quantität (selten die Qualität) des zufließenden Wassers zwischen benachbarten „Wassergästen“ entzündeten. In beiden Städten wird als zusätzliche Dimension der im Namen von kommunalen bzw. privaten Interessen geführte Diskurs um die Verteilung der und den Zugang zur Ressource Wasser herausgearbeitet.

Im Schlusskapitel werden aus dem Vergleich der beiden Fallbeispiele Aussagen über die Strukturen des hydraulischen Ancien Régime abgeleitet. Es wird gezeigt, dass die vormoderne Wasserversorgung Züge einer „moralischen Ökonomie“ (E. P. Thompson) aufwies.

Bearbeitung: Florian Ruhland M.A. M.A. LIS


Historischer Raum und Hausbau im Umfeld der Waldburg-Wolfeggischen Bauleutezunft 1625 bis 1862

Ziel der Arbeit ist es am Beispiel der Hausbautätigkeit im Umfeld der ehemals im allgäu-oberschwäbischen Raum angesiedelten Waldburg-Wolfeggischen Bauleutezunft die Wechselwirkungen zwischen landschaftlichen, administrativen, rechtlichen, wirtschaftlichen, politischen und anthropogenen Bedingungen des ländlich-grundherrschaftlichen Hausbaus von der Gründung der Bauleutezunft 1625 bis zur Abschaffung der Zünfte im Königreich Württemberg 1862 im Verlauf der in diesem Untersuchungszeitraum aufgetretenen historisch-räumlich fassbaren zeitgeschichtlichen Veränderungs- und Umbruchphasen wie etwa dem Dreißigjährigen Krieg, Mediatisierung und Territorialisierung etc. zu untersuchen.

Fachlicher Bezugspunkt ist hierbei einerseits die historisch-geographisch orientierte Hausforschung, wie sie beispielsweise durch Forschungsarbeiten von Heinz Ellenberg oder Benno Furrer repräsentiert wird, sowie die sich hieraus ergebenden Perspektiven auf die Zusammenhänge zwischen Ressourcenlandschaft, Bauen, Territorialität, Zerstörung und Wiederaufbau, Kameralismus, Industrialisierung, Handwerk, welche im Rahmen breitgefächert angelegter historisch-archivalischer Forschung verfolgt werden. Die sich hieraus ergebenden historisch-räumlichen Bedingungen sollen in ihrer Auswirkung auf den Hausbau befragt werden, auf qualitativer Ebene die wichtigsten Einflussfaktoren ermittelt, in ihrer Bedeutung bewertet und wenn möglich kartographisch visualisiert werden. 

Andererseits werden diese Einflussfaktoren auf den Hausbau zusammenschauend auch auf der Ebene der materiellen Kultur anhand von Untersuchungen an der überlieferten historisch-ländlichen Architektur im räumlichen als auch personellen Umfeld der Waldburg-Wolfeggischen Bauleutezunft auf der Basis von Baubefunden geprüft und dokumentiert werden, wobei hierbei methodisch und inhaltlich aus den Fächern Europäische Ethnologie, Bauforschung und Baugeschichte sowie der Disziplin Historische Hausforschung geschöpft wird, und hierdurch eine ergänzende kulturmorphologisch-sachbezogene Perspektive auf den Hausbau im Umfeld der Bauleutezunft geschaffen wird. Für das Dissertationsprojekt relevante räumliche Perspektiven der Historischen Hausforschung bilden sich in Forschungsarbeiten von Tilmann Marstaller, Thomas Eißing, Konrad Bedal, Herbert May und Georg Habermehl ab.

Als Ergebnis des Dissertationsprojekts soll die historisch-geographische Forschungsperspektive auf den Hausbau vergangener Zeiten weiterentwickelt werden, um hiermit die Entwicklungsbedingungen der Bautätigkeit am historisch-ländlichen Haus im Umfeld der Waldburg-Wolfeggischen Bauleutezunft im 17., 18. und 19. Jahrhundert fassbar zu machen und damit im Rahmen einer Fallstudie einen Beitrag zur Erweiterung des bestehenden Wissens über die Zusammenhänge zwischen historischem Raum und Hausbau in Süddeutschland in der frühen Neuzeit zu leisten.

Bearbeitung: Philipp Scheitenberger M.A. M.A.