Laufende Dissertationsprojekte

Die Chauseen des Fränkischen Reichskreises - Indikator eines frühneuzeitlichen Strukturwandels?

Die verschiedensten Infrastrukturen prägen unseren heutigen Alltag, ohne dass wir ihnen besondere Aufmerksamkeit schenken – vorausgesetzt es kommt zu keinen Störfällen. Laut dem Historiker Dirk van Laak gelten sie dabei sogar als „Maßstab für vermeintliche Modernität“. Doch wo liegen die Wurzeln moderner Infrastrukturen? Diese Frage untersucht das Dissertationsprojekt anhand der Chausseen des Fränkischen Reichskreises. Dabei sollen nicht nur der Bau der frühneuzeitlichen Kunststraßen sondern auch ihre Nutzung und ihr Unterhalt im Fokus des Promotionsvorhabens stehen. Als Quelle hierzu dienen insbesondere die im Bamberger Staatsarchiv lagernden Bestände des ehemaligen Kreisarchives des Fränkischen Reichskreises, mit deren Hilfe der Frage nachgegangen wird, welche Akteure aus welchen Motiven heraus an Bau, Nutzung und Unterhalt der Chausseen beteiligt waren. Somit wird nicht auf eine rein deskriptive Rekonstruktion des frühneuzeitlichen Chausseenetzes im Fränkischen Reichskreis hingearbeitet, sondern es soll vielmehr erörtert werden, inwiefern die Chausseen als Indikator eines frühneuzeitlichen Strukturwandels angesehen werden können und welche Bedeutung ihnen für die Konstituierung des Raumes „Franken“ zukam.

Bearbeitung: Jost Dockter M.A.


Die Bücher der Anarchist_innen. Eine historisch-geographische Analyse anarchistischer Wissensproduktion und -verteilung

Anarchismus als wissenschaftliche Theorie der Herrschaftskritik lebt trotz Verfolgung und Verbannung der jeweiligen Verfechter_innen seit den 1840ern in zahlreichen Büchern als Idee fort.  Praktische Anwendung findet das anarchistische Prinzip der gleichmäßigen Verteilung von Macht heute in Wohnprojekten und basisdemokratischen Beteiligungsformen in Betrieben und in lokalen und autonomen Kooperationen. Auch der aktuelle Ruf nach einer gerechteren Klimapolitik schließt den Wunsch nach Umverteilung von Macht und Ressourcenbeteiligung ein. 

Die Arbeit versucht nun die Entwicklung der Wissensbestände und des Wissenstransfers zum Thema Anarchismus zu analysieren. Der Zugang hierzu ist das gedruckte Buch (bzw. dessen bibliographischer Eintrag), welches als dinglicher Nachweis bestehender Netzwerke zwischen Wissenschaftler_innen, Verlagen und Aktivist_innen gedeutet wird. 

Analysetool wie auch Wissensquelle sind die Büchersammlungen von Nationalbibliotheken, die seit dem Wechsel auf digitale Austauschformate über die jeweiligen Portale zugänglich und abrufbar sind. Bibliographische Metadaten, die auch Forschungsgegenstand der Bibliometrie sind, sollen verknüpft werden mit der spezifischen Lokalität und dem Entstehungszeitpunkt des Buches. Entsprechende Darstellungen wurden bereits im Feld der ‚knowledge visualisation‘ erprobt. Der Zugang zum wissenschaftlichen Anarchismus, sich stets in transnationaler Zirkulation befindend, über die Nationalbibliotheken spiegelt die Widersprüchlichkeit der frühen Anarchisten in ihrem Verhältnis zur Nation und nationalen Widerstands- und Unabhängigkeitsbewegungen. So schrieben die anarchistischen Geographen Elisée Reclus wie auch Pjotr Kropotkin Werke mit nationalem Bezug und erzeugten oder verstärkten so die Vorstellungen nationaler Zugehörigkeiten und nationalen Wesenszügen der jeweiligen Bewohner_innen. Gleichzeitig setzten sie sich gegen eben jene Überhöhung nationalen Stolzes und vor allem gegen die etablierten politischen Hierarchien und Ausbeutungsverhältnisse des 19. Jahrhunderts ein. 

Als ergänzenden Zugang und als Vergleichswert zum Verständnis von Nation und zu den Nationalbibliotheken sollen die Bestände der anarchistischen Spezialbibliotheken und -sammlungen und die Verlage einbezogen werden. Diese haben selbst jeweils ihre eigenen Geschichten und Verortungen vorzuweisen. Eine zu überprüfende These zur räumlichen Verteilung wäre hier, dass antiautoritäre Wissenschaft und Konzepte sich nur an Orten entfalten konnten, die entsprechende Haltungen zuließen, beziehungsweise sich an Orten weiterentwickelten, die als Exil aufgesucht wurden. 

Bearbeitung: Anna Regener M.A.


Der Einfluss der politischen Entwicklungen in der Tschechoslowakei auf die Raumpolitik in Ostbayern (1918-1933)

Die bisherige Forschung zu Ostbayern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts konzentriert sich vor allem auf die Zeit des Nationalsozialismus. Da die Angliederung der deutschsprachigen Gebiete in der Tschechoslowakei zum erklärten Ziel Adolf Hitlers gehörte, geriet die ostbayerische Grenzregion ab 1933 in den besonderen Fokus der nationalsozialistischen Raumpolitik. Hierbei ging es vor allem darum, die Lebensqualität in den ländlich-peripheren Gebieten mit gezielten strukturpolitischen Maßnahmen zu verbessern. Verbunden wurde dies mit einer explizit völkisch-nationalistischen Agenda: Ostbayern sollte vor einer angeblich drohenden Invasion der Tschechochslowakei in das Deutsche Reich besonders geschützt werden. Zudem sollte die Region so ertüchtigt werden, dass sie als besonderes Bollwerk gegen die Slaven fungieren konnte. 

Zwei Narrative sind in dieser Zeit also prominent: Die Nationalsozialisten würden die vermeintlich traditionelle ökonomische und soziale Schwäche der ländlich-peripheren Grenzregion durch geeignete raumpolitische Maßnahmen (endlich) überwinden und der Tschechoslowakische Staat gelte als zentraler Aggressor, den man entschieden zurückweisen müsste. Dazu kam ab Mitte der 1930er Jahre die zunehmend aggressivere Agenda Hitlers, die deutschsprachigen Grenzgebiete im sogenannten Sudetenland zu besetzen, was im Anschluss an das Münchener Abkommen von 1938 dann auch gelang. Diese beiden zentralen Narrative konnten sich auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs weiter fortsetzen. In der Zeit des Kalten Kriegs galt die ostbayerische Grenzregion als äußerst periphere Randlage am Eisernen Vorhang. Die nun durch die Kommunistische Partei geführte Tschechoslowakei wirkte in der Logik des Ost-West-Konflikts nicht als Verbündeter der Bundesrepublik Deutschland. Zudem waren vor allem die sogenannten Vertreibungen der Sudetendeutschen im unmittelbaren Anschluss an den Zweiten Weltkrieg zentrales Konfliktpotential für eine mögliche deutsch-tschechoslowakische oder bayerisch-tschechische Annäherung. Dies änderte sich auch nach der Samtenen Revolution nur langsam. 

Alle diese historischen Transformationen, gewaltsamen Ereignisse und konfliktreichen Verstrickungen lenken die wissenschaftliche Aufmerksamkeit zum bayerisch-tschechischen Verhältnis fast ausschließlich auf die Geschichte nach 1933. Für den Fall, dass tatsächlich einmal die Entwicklungen während der Weimarer Republik mit in den Blick genommen werden, geschieht dies fast nur unter dem Vorzeichen einer vermeintlichen "Zwischenkriegszeit", eine Zeit also, die zwischen den Katastrophen des Ersten Weltkriegs und des Zweiten Weltkriegs nur eine Brückenfunktion hinein in die nationalsozialistische Herrschaft hatte. Neueste, vor allem kulturhistorische Arbeiten zur Weimarer Republik machen jedoch deutlich, dass diese Zeit keinesfalls nur von ihrem Ende her gedacht werden sollte (vgl. Sabina Becker, Experiment Weimar. Eine Kulturgeschichte Deutschlands 1918-1933, Darmstadt 2018). Vielmehr lassen sich eine Vielzahl an Belege finden, dass die 15 Jahre zwischen der Revolution 1918 und der Machtergreifung Hitlers 1933 von einer nicht zu unterschätzenden Offenheit geprägt waren. Diese Forschungsperspektive gilt es auch in die Politische Geschichte zu übertragen.

Das Dissertationsprojekt widmet sich daher der Vorgeschichte der beiden Narrative, die dann ab 1933 so wirkmächtig werden sollten. In der grundsätzlichen Annahme, dass alles auch ganz anders hätte sein können, rekonstruiert das Projekt die Raumpolitik in Ostbayern zur Zeit der Weimarer Republik, um zu zeigen, welche raumpolitischen Maßnahmen bereits vor der Machtergreifung der Nationalsozialistischen in der Region durchgeführt wurden. Hierbei soll herausgearbeitet werden, welche Rolle die Diskurse um Ländlichkeit und Peripherie während der Weimarer Republik für die politischen Akteure gespielt haben. Nachdem Raumpolitik in Ostbayern nach 1933 immer mit der besonderen Grenzsituation zur Tschechoslowakei begründet wurde und explizit völkisch-nationalistisch aufgeladen war, schaut das Projekt auf die diskursive Rahmung der raumpolitischen Agenden in der Weimarer Republik, um herauszuarbeiten, ob und, wenn ja, ab wann die politischen Entwicklungen in der Tschechoslowakei einen Einfluss auf die Raumpolitik in Ostbayern vor 1933 hatten.  

Bearbeitung: Patrick Reitinger M.A.


Das hydraulische Ancien Régime. Historisch-geographische Aspekte der vormodernen Versorgung mit fließendem Wasser in Nürnberg und Prag

Ziel der Arbeit ist es an den Beispielen Prag und Nürnberg zu untersuchen, auf welche Art und Weise eine strukturelle Mangelgesellschaft, die Großstadt mitteleuropäischer Prägung in der Vormoderne (ca. 1450-1850) den Zugang zur Ressource fließendes Wasser organisierte, welches Wissen über das Wasser bestand, welche Konflikte auftraten und wie diese gelöst wurden.

Auf der einen Seite ist die historisch-geographische Stadtforschung der Bezugspunkt, andererseits schöpft die Arbeit aus dem Ansatz der städtischen Umweltgeschichte, die sich allerdings nur selten über das 19. Jahrhundert hinaus in ältere Zeiten gewagt hat. Auf geographischer Seite sind es u.a. Arbeiten von Erik Swyngedouw, Matthew Gandy und Karen Bakker, die den engeren Bezugsrahmen im Kapitel WASSER-THEORIE darstellen, auf historischer Seite sind Martin Melosi, Carl Smith, Leslie Tomory und Mark Jenner als wichtige Bezugspunkte zu nennen.

Das zweite Hauptkapitel WASSER-WISSEN vermittelt die Grundzüge des Wissens über Wasser, das in der Vormoderne verfügbar war und bei dem davon ausgegangen werden kann, dass es auch eine gewisse Bedeutung für den alltäglichen Wassergebrauch besaß: Was unterschied in der Vormoderne „gutes“ von „schlechtem“ Wasser? Unter der Überschrift WASSER-TECHNIK folgt eine Übersicht über die Entwicklung der Wasserkünste, mit denen in Nürnberg und Prag vom ausgehenden Mittelalter bis um 1850 fließendes Wasser gefördert wurde.

Das dritte Hauptkapitel betrachtet die WASSER-ÖKONOMIE der Beispielstädte Prag und Nürnberg in vergleichender Perspektive. Aus einer Vielzahl schriftlicher, bildlicher und kartographischer Quellen wird die WASSER-INFRASTRUKTUR rekonstruiert. In den Mittelpunkt des Interesses rückt in beiden Städten die Versorgung mit fließendem Wasser, weil sich hieran die Kommodifizierung eines Teils der städtischen Wasser-Allmende nachzeichnen lässt, die zu teilweise langwierigen Konflikten führte. Ein grundsätzlicher Unterschied bestand zwischen beiden Städten darin, dass sich in Prag nach jedem Eigentumswechsel der neue Hausbesitzer erneut um die gebührenpflichtige „Legitimation“ für den Genuss des „Gemeindröhrwassers“ bemühen musste, während in Nürnberg ein Wasseranschluss grundsätzlich als Ewigkeitsrecht vergeben bzw. erworben wurde. Dementsprechend betrafen die WASSER-KONFLIKTE in Prag häufig die Gebührengestaltung, während sich in Nürnberg zahlreiche Streitfälle um Wasserbezugsrechte und die Quantität (selten die Qualität) des zufließenden Wassers zwischen benachbarten „Wassergästen“ entzündeten. In beiden Städten wird als zusätzliche Dimension der im Namen von kommunalen bzw. privaten Interessen geführte Diskurs um die Verteilung der und den Zugang zur Ressource Wasser herausgearbeitet.

Im Schlusskapitel werden aus dem Vergleich der beiden Fallbeispiele Aussagen über die Strukturen des hydraulischen Ancien Régime abgeleitet. Es wird gezeigt, dass die vormoderne Wasserversorgung Züge einer „moralischen Ökonomie“ (E. P. Thompson) aufwies.

Bearbeitung: Florian Ruhland M.A. M.A. LIS


Historischer Raum und Hausbau im Umfeld der Waldburg-Wolfeggischen Bauleutezunft 1625 bis 1862

Ziel der Arbeit ist es am Beispiel der Hausbautätigkeit im Umfeld der ehemals im allgäu-oberschwäbischen Raum angesiedelten Waldburg-Wolfeggischen Bauleutezunft die Wechselwirkungen zwischen landschaftlichen, administrativen, rechtlichen, wirtschaftlichen, politischen und anthropogenen Bedingungen des ländlich-grundherrschaftlichen Hausbaus von der Gründung der Bauleutezunft 1625 bis zur Abschaffung der Zünfte im Königreich Württemberg 1862 im Verlauf der in diesem Untersuchungszeitraum aufgetretenen historisch-räumlich fassbaren zeitgeschichtlichen Veränderungs- und Umbruchphasen wie etwa dem Dreißigjährigen Krieg, Mediatisierung und Territorialisierung etc. zu untersuchen.

Fachlicher Bezugspunkt ist hierbei einerseits die historisch-geographisch orientierte Hausforschung, wie sie beispielsweise durch Forschungsarbeiten von Heinz Ellenberg oder Benno Furrer repräsentiert wird, sowie die sich hieraus ergebenden Perspektiven auf die Zusammenhänge zwischen Ressourcenlandschaft, Bauen, Territorialität, Zerstörung und Wiederaufbau, Kameralismus, Industrialisierung, Handwerk, welche im Rahmen breitgefächert angelegter historisch-archivalischer Forschung verfolgt werden. Die sich hieraus ergebenden historisch-räumlichen Bedingungen sollen in ihrer Auswirkung auf den Hausbau befragt werden, auf qualitativer Ebene die wichtigsten Einflussfaktoren ermittelt, in ihrer Bedeutung bewertet und wenn möglich kartographisch visualisiert werden. 

Andererseits werden diese Einflussfaktoren auf den Hausbau zusammenschauend auch auf der Ebene der materiellen Kultur anhand von Untersuchungen an der überlieferten historisch-ländlichen Architektur im räumlichen als auch personellen Umfeld der Waldburg-Wolfeggischen Bauleutezunft auf der Basis von Baubefunden geprüft und dokumentiert werden, wobei hierbei methodisch und inhaltlich aus den Fächern Europäische Ethnologie, Bauforschung und Baugeschichte sowie der Disziplin Historische Hausforschung geschöpft wird, und hierdurch eine ergänzende kulturmorphologisch-sachbezogene Perspektive auf den Hausbau im Umfeld der Bauleutezunft geschaffen wird. Für das Dissertationsprojekt relevante räumliche Perspektiven der Historischen Hausforschung bilden sich in Forschungsarbeiten von Tilmann Marstaller, Thomas Eißing, Konrad Bedal, Herbert May und Georg Habermehl ab.

Als Ergebnis des Dissertationsprojekts soll die historisch-geographische Forschungsperspektive auf den Hausbau vergangener Zeiten weiterentwickelt werden, um hiermit die Entwicklungsbedingungen der Bautätigkeit am historisch-ländlichen Haus im Umfeld der Waldburg-Wolfeggischen Bauleutezunft im 17., 18. und 19. Jahrhundert fassbar zu machen und damit im Rahmen einer Fallstudie einen Beitrag zur Erweiterung des bestehenden Wissens über die Zusammenhänge zwischen historischem Raum und Hausbau in Süddeutschland in der frühen Neuzeit zu leisten.

Bearbeitung: Philipp Scheitenberger M.A. M.A.