Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften

Geschichte Mittel- und Osteuropas

Forschungsprojekte

DFG-Projekt

Im Dienst des Zaren: Lebens- und Karrierewege der imperialen Verwaltungselite im ausgehenden Zarenreich (1855-1914) /
Serving the Tsar: Life Courses and Career Patterns of the Administrative Elite in Late Imperial Russia (1855-1914)

Das Forschungsvorhaben widmet sich den imperialen Lebensläufen hoher Staatsbeamter der zarischen Provinzverwaltung in der zweiten Hälfte des 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert. Anhand exemplarischer imperialer Biographien werden zwei thematische Kernbereiche untersucht: Zum einen die Muster beruflicher und räumlicher Mobilität der Verwaltungselite, zum anderen die Selbstbilder dieser Staatsbeamten.

Bei ersterem gilt es, die Beförderungs- bzw. Versetzungskriterien der zarischen Administration herauszuarbeiten und das Rotationssystem zu rekonstruieren, das die Provinzverwaltung im ausgehenden Zarenreich kennzeichnete und in dessen Folge die Karrieren der Staatsbeamten von häufigen Ortswechseln, kurzen Dienstzeiten in den jeweiligen Positionen und Gebieten sowie einem fast reichsumspannenden Einsatz geprägt waren. Das Forschungsprojekt fragt nach den Folgewirkungen dieser administrativen Praxis für den Staatsausbau, den Einflussmöglichkeiten, die für externe Amtsträger vor Ort bestanden, und den translokalen Vernetzungen von Reichsgebieten, die durch die provinzübergreifende Mobilität der Beamten hergestellt wurden.

Beim zweiten geht es darum, die erfassten verwaltungsstrukturellen Gegebenheiten in Zusammenhang mit den Selbstentwürfen der Amtsträger zu stellen und nach der Genese ihrer Reichsbilder, Loyalitätsmuster und Identitätsmerkmale zu fragen. Gerade der Blick auf die individuellen Biographien und auf die damit verbundenen Selbstzeugnisse erlaubt Einsichten in die mentalen Horizonte der Protagonisten. Dabei spiegeln ihre Selbstentwürfe nicht nur die imperialen Kontextsetzungen wider, sondern veranschaulichen auf exemplarische Weise auch, inwieweit die Protagonisten der zarischen Staatsverwaltung versuchten, ihre Handlungsspielräume zu erweitern, Deutungshoheit aus beruflicher Erfahrung und Mobilität abzuleiten und aktiv in die Debatten um die richtige Reichsverfassung einzugreifen. Somit geben die durch hohe räumliche Mobilität gekennzeichneten Karrieren einerseits Einblick in die Strukturmuster der Staatsbürokratie, andererseits erlauben sie ebenso, deren Ausdeutungen durch die Akteure und damit die Identitätsentwürfe dieser homines imperii herauszuarbeiten.

Das Forschungsprojekt fragt insofern – Überlegungen der new imperial history sowie der neueren Biographik aufgreifend – nach den Wechselwirkungen von imperialen und berufsspezifischen Rahmenbedingungen, den individuellen Gestaltungsspielräumen sowie den handlungsleitenden Selbstbildern der Protagonisten, die in der Provinzverwaltung im ausgehenden Russischen Reich tätig waren. Eine solche Perspektive verspricht einen innovativen Blick auf den zarischen Staatsapparat, seine Handlungsweisen und seinen Wandel. Zudem erweitert das Projekt das Verständnis vom späten Russischen Reich grundlegend, indem es die Wechselbezüge von Staatausbau, Mobilitätsmustern, imperiumsweiten Austauschbeziehungen und Akteursperspektiven dicht beschreibt.

Dieses Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.

 

Dissertationsprojekt

Der sowjetische Auslandstourismus in die "kapitalistischen Länder" des Westens und die "sozialistischen Bruderstaaten" von 1953-1982

Das Dissertationsprojekt zielt darauf ab, den Tourismus aus der Sowjetunion in die "sozialistischen Brüderländer" und die "kapitalistischen Länder" des Westens als Emanzipationsprozess der Bevölkerung von der Deutungsmacht der politischen Elite zu beschreiben. Er hatte das Potenzial dazu, die in der sowjetischen Öffentlichkeit vorherrschenden Bilder vom "Westen", dem "Kapitalismus", den "Bruderländern" und einem angemessenen Lebensstandard nachhaltig zu verändern. In diesem Kontext stellt sich die Frage, ob der Auslandstourismus zur Erosion des Vertrauens der sowjetischen Bürger in die politische Führung führte. Bei dem Promotionsvorhaben geht es mithin darum, den sowjetischen Auslandstourismus in den sozialistischen und kapitalistischen Westen in all seinen Verbindungen zum Kalten Krieg, zum Politikbetrieb und Propagandakonzept der UdSSR und zur Wahrnehmungswelt der sowjetischen Bürger zu beschreiben. Es soll dabei aufgezeigt werden, wie die Touristen ihr eigenes Bild der "Brüderländer" und des "Westens" von außen in die Sowjetunion hineintrugen und somit zum gesellschaftlichen Wandel beitrugen.