Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften

Neuere Geschichte unter Einbeziehung der Landesgeschichte

Projekt: Fremdsprachenerwerb und Fremdsprachenkompetenz in deutschen Städten des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit

Bearbeitung: Johannes Staudenmaier M.A.

 Das durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt "Fremdsprachenerwerb und Fremdsprachenkompetenz in deutschen Städten des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit" ist ein interdisziplinär angelegtes Vorhaben, das in Kooperation mit der Professur für Deutsche Sprachwissenschaft / Deutsch als Fremdsprache, Universität Bamberg (Prof. Dr. Helmut Glück), und dem Lehrstuhl für Didaktik des Englischen, Universität Augsburg (Prof. Dr. em. Konrad Schröder), durchgeführt wird.

Das Ziel des Forschungsprojekts ist eine umfassende Bestandsaufnahme der Strategien und Maßnahmen spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Fremdsprachenerwerbs von ca. 1400 bis 1800. Durch die Bearbeitung archivalischer und gedruckter Quellen werden der Fremdsprachenerwerb und -gebrauch in den beiden süddeutschen Reichsstädten Nürnberg (mit der Universität Altdorf) und Augsburg rekonstruiert.

Im Mittelpunkt des historischen Teilprojekts stehen drei thematisch zentrale und quellenmäßig gut dokumentierte Untersuchungsfelder, anhand derer die Lern- und Lehrmethoden sowie die Unterrichtsinhalte näher erkundet werden können:

Zunächst geht es um den Fremdsprachenerwerb der städtischen Eliten. Kaufmanns- und Patriziersöhne wurden ins Ausland geschickt, um entweder im Rahmen praktischer Berufsvorbereitung die Sprache zu erlernen oder – im Zuge einer zunehmenden Pluralisierung der Karrieremöglichkeiten und Lebensstile – auf "Kavalierstouren", bei denen der Erwerb kultureller Kompetenz, die Förderung von Tugenden wie Weltläufigkeit und "Höflichkeit" und die Mehrung sozialer Distinktion im Vordergrund stand. Einen guten Einblick in diese Praxis gibt die Quellengattung der für das Nürnberger und Augsburger Patriziat zahlreich erhaltenen "Familienbriefe"; aber auch autobiographische Schriften, Reiseberichte und Einträge in Familien- und Geschlechterbücher dokumentieren Aufenthalte im fremdsprachigen Ausland.

Neben dem selbständig organisierten, individuellen Spracherwerb gewannen in der Frühen Neuzeit auch die Universitäten zunehmend an Bedeutung. Eine quantitative Auswertung der Universitätsmatrikel italienischer, französischer, niederländischer, böhmischer und polnischer Hochschulen soll über das Ausmaß des Hochschulbesuchs durch Bürger der beiden Städte Aufschluss geben.

Eng mit den beiden anderen Teilprojekten verzahnt ist die Untersuchung der sogenannten Sprachmeister, in den Städten tätiger freiberuflicher Sprachlehrer. Lebensverhältnisse, Mobilität, soziale Verflechtung, Kundenkreise und sozialer Status dieser Sprachlehrer sollen anhand von Quellen wie Bürgerbüchern, Ratsprotokollen und Supplikationen möglichst umfassend rekonstruiert werden.

Im Blickpunkt der beiden sprachwissenschaftlichen Teilprojekte steht die Analyse der von den Sprachmeistern verfassten Sprachlehrwerke hinsichtlich Entstehungsbedingungen, Verbreitung, Zielgruppenorientierung und Lehrmethoden sowie ihrer sprachliche Form. Auch das institutionalisierte Lernen an den in beiden Städten angesiedelten Schulen wird näher untersucht werden.

Auf methodischer Ebene verknüpft das Projekt somit Ansätze der Sozial- und Kulturgeschichte – insbesondere der historischen Elitenforschung, der Migrations- und Handelsgeschichte – mit Fragestellungen der historischen Sprachwissenschaft und der Fremdsprachendidaktik. Die auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse bezüglich der Sprachkenntnisse und -vermittlung ergänzen das Bild von der internationalen Vernetzung der beiden Reichsstädte um einen weiteren wichtigen Faktor. Projektergebnis werden eine vergleichende Monographie sowie eine Edition ausgewählter Quellen sein.