Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften

Ehemalige Professur für Sprachwissenschaft/DaF (Prof. Glück)

Böhmakeln

‚Deutschlernen von unten‘: Das Böhmakeln

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts strömten massenweise tschechichsprachige Zuwanderer  aus den Ländern der Böhmischen Krone nach Wien, ins Zentrum der österreichisch-ungarischen Donaumonarchie. Die Gründe lagen im wesentlichen in einer heimischen Agrarkrise und in einem mit der Industrialisierung einsetzenden Bauboom und Arbeitskräftemangel. Dort arbeiteten sie als sogenannte Ziegelböhmen in Ziegeleien, als Schuster, Schneider, Schmiede oder in anderen Handwerken. Typische Frauenberufe waren Dienst- und Stubenmädchen, Kinderfrau und Köchin. Die tschechischen Zuwanderer konnten mehrheitlich kein Deutsch und waren gezwungen, sich selbst im alltäglichen Umgang mit ihren deutschsprachigen Arbeitgebern und Kollegen die notwendigen Deutschkenntnisse anzueignen. Das Ergebnis dieses ungesteuerten, überwiegend mündlichen Spracherwerbs war das Böhmakeln, also ein (bairisches oder Wiener) Deutsch, das je nach Sprachstand unterschiedlich stark mit dem Tschechischen gemischt wurde. Nach 1918 sind sehr viele Tschechen in die neugegründete Tschechoslowakei remigriert, die Dagebliebenen haben sich rasch assimiliert - die Träger des Böhmakelns sind verschwunden. Das Böhmakeln wurde aber auf der Bühne - im Theater und im Kabarett -  und in Wienerliedern aufgegriffen, wo der Topos des Tschechen verbunden mit bestimmten Klischees (musikalisch, liebt gutes Essen, rundes Gesicht mit breiter Nase etc.) komische Wirkungen erzielte. Durch dieses Nachahmen des Böhmakeln auf der Bühne gibt es sekundäre Zeugnisse dieser verschwundenen Mischsprache.

Das Projekt verfolgt das Ziel, diese und andere Zeugnisse des Böhmakelns zu sammeln, zu dokumentieren und linguistisch aufzuarbeiten.

Laufzeit: Sept. 2013 bis Sept. 2015, gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.