Wenn die Grenzen sich verflüssigen...

Interuniversitärer Studierendenkongress zum interdisziplinären Themenkomplex „Transformationen: Tier-Mensch-Maschine“

Von Laura Schöps

Ein Kongress organisiert von Studenten - für Studenten: Am 22. und 23. Juni 2012 fand der bereits dritte Studierendenkongress aus einer Kooperationsreihe der Komparatistik der Universität Paderborn und dem Lehrstuhl für Literatur und Medien der Otto-Friedrich-Universität Bamberg statt und schuf erneut die Rahmen-bedingungen für eine bemerkenswerte und außergewöhnliche Vortragsreihe. Hierfür reisten die Paderborner KongressteilnehmerInnen für zwei volle Tage nach Bamberg, um auf der Veranstaltung zusammen mit den Bamberger StudentInnen ihre Forschungsergebnisse zu präsentieren. Bereits seit Beginn des Sommersemesters 2012 hatten die Studierenden beider Hochschulen in parallel angelegten Seminaren die drei großen Themenkomplexe - sogenannte Panels - der Veranstaltung vorbereitet und wurden in Gruppen mit der Organisation des Kongresses betraut. Bei dieser umfangreichen Aufgabe wurden sie natürlich von den jeweiligen Dozentinnen Dipl. Medienwiss. Judith Wimmer vom Lehrstuhl für Literatur und Medien der Universität Bamberg und Nerea Vöing M.A. von der Komparatistik der Universität Paderborn geleitet und unterstützt, um die Rahmenbedingung des Studierendenkongresses so nah wie möglich an einem "echten" wissenschaftlichen Kongress zu halten. Dies bedeutete zum Beispiel das Gestalten von Broschüren und Plakaten, Moderationsaufgaben während der Veranstaltung und Versorgung der Kongressgäste mit Speisen und Getränken. Besonders freuten sich die Studenten über die Teilnahme des Keynote-Speakers Sven Stollfuß M.A. von der Philipps-Universität Marburg, der extra angereist war, um den Kongress am Freitagabend mit einem beeindruckenden Vortrag aus seiner Forschung über "Posthumane Visionen - Entwürfe in Wissenschafts- und Populärkultur" zu bereichern. Anerkennend räumte er ein, selbst zum ersten Mal an einem Studierendenkongress teilgenommen zu haben und lobte sowohl Konzeption und Organisation der Veranstaltung als auch die wissenschaftliche Qualität der Vorträge.

Anlass für die Wahl der auf den ersten Blick abstrakt anmutenden Thematik der Transformationsprozesse von Tier, Mensch und Maschine sind vor allem die wiederkehrende massenmediale Aktualität, die vielfältigen Möglichkeiten klassische und besonders poststrukturalistische Kulturtheorien kontrovers zu diskutieren und die beinahe omnipräsente Reflexion in Literatur und Film. Zur Betrachtung dieses extrem umfangreichen Themenkomplexes wurde dieser in drei Bereiche aufgeschlüsselt: das erste Panel behandelte die "Menschwerdung", das zweite Panel beschäftigte sich dann reziprok mit der "Tierwerdung", und das dritte Panel war den "Mensch-Maschine-Hybriden" vorbehalten. Mit Menschwerdungsprozessen beschäftigte sich en detail der Vortrag des Bamberger Studenten Max Schnell, der auf Basis von Darwins Evolutionstheorie die narzisstische Kränkung des westlichen Kulturkreises durch dessen Abstammungslehre analysierte, indem er Schlüssel- und Symbolfigur des Affen in indigenen, alternativen Rezeptionskonzepten darstellte. Des Weiteren durchleuchtete er den biologischen Diskurs im Hinblick auf den Protagonisten German Fell aus Raabes Die Akten des Vogelsangs, wobei sich am Ende die Frage stellte, ob die Fähigkeit zur Selbstreflexion tatsächlich ein evolutionäres Kriterium für den Menschen als Subjekt und den Affen als Objekt bedeuten kann. Nach einer kurzen Pause eröffnete Lukas Herbst ebenfalls aus Bamberg das zweite Panel: "Tierwerdung". Er präsentierte in seinem Vortrag "Wird Flucht Fluch?" das poststrukturalistische Konzept des Werdens nach Deleuze und Guattari in Verknüpfung mit der kreativen Fluchtlinie und dem Eskapismus der Romanfigur Gregor Samsa aus Kafkas Die Verwandlung. Nach der Analyse der drei den Protagonisten dominierenden ödipalen Strukturen von Automatismen, Bürokratie und der Zeit kam er zu der Schlussfolgerung, dass Gregor den Prozess der Tierwerdung nicht in aller Konsequenz durchlebt hat und damit das Konzept der Flucht tatsächlich zum Fluch wurde. In einem zweiten Vortrag im Panel der Mensch-Tier-Transformation beschäftigte sich die Bamberger Studentin Clea Schnitzlein mit der kulturhistorischen Betrachtung der Katzenfigur und dezidiert mit deren Rolle im Film Cat People. Sie dient als zentrales Identifikationsmuster für die Protagonistin Irena, die an der Kontroverse ihrer osteuropäischen Abstammung und dem Integrationsdruck in die logozentrische, amerikanische Leitkultur scheitert und nach und nach selbst zum "Katzenmenschen" transformiert. Sie erfüllt damit in einer "clash of cultures"-Situation das Minoritätenprinzip von Deleuze und Guattari, aber die Kollision des Rationalen mit dem Übernatürlichen bedeutet gleichsam ein tödliches Scheitern dieser Tierwerdung.

Zum Abschluss des ersten Kongresstages begeisterte Sven Stollfuß M.A. die Teilnehmer mit seiner Präsentation über posthumane Visionen monströser Körper. Mit Beispielen wie "Nanobots", Installationen des Aktionskünstlers "Stelarc", der Figur des "Terminators" und den Borgs aus Star-Trek stellte er Denkfiguren des Cyborgs auf Basis von Haraways Manifest vor und verwendete parallel das Konzept des Monströsen und die Ästhetik des Grotesken an, um die Frage nach dem biologischen Wert des Menschen und dessen technischen Evolutionsperspektiven zu stellen. Anschließend ließen die Teilnehmer den Abend in einer der vielen Bamberger Lokalitäten bei regionalen Spezialitäten ausklingen.

Am zweiten Kongresstag stieg Phillip Falk aus Paderborn mit seinem Vortrag über den Film Blade Runner in das dritte Panel zum Thema Mensch-Maschine-Hybride ein und setzte sich in seiner Präsentation sowohl mit den Identitätskonflikten der im Film porträtierten Replikanten als auch der Frage nach der Realität von Erinnerungen als generelles Konzept unserer Welt auseinander, deren Irrealität im Film schließlich zur Auflehnung eben jener Replikanten gegen ihren Schöpfer führt. Nicht nur im Film sondern auch in der Musik und Kunstproduktion sieht der Bamberger Student Dominik Scholz mit dem außergewöhnlichen Vortrag "Von Füchsen und Kraftwerken" das Potential der Hybrid-Thematik hinterlegt. Anhand von Beispielen wie dem Konzeptalbum der Band "Kraftwerk" oder einer Videoproduktion zu einem Song der isländischen Künstlerin Björk erläuterte er die Dimensionen einer musikalischen Rezeption surreal-grotesker Transformationsprozesse hin zu Mensch-Maschinen und deren ikonographischer Darstellung in verschiedenen Cover-Artworks. In einem dritten Vortrag  entwickelte der Paderborner Student David Gense die These einer superioren Machtstellung der Spezies Mensch als Produkt der fortschreitenden Entwicklung von "Prothesen" auf und erläuterte diese Anhand einer Reihe verschiedenster Beispiele aus der Entwicklung der Menschheitsgeschichte. Außerdem stellte er die Frage, ob als Konsequenz dieser These das Konstrukt des Cyborgs als simple Progression dieser Technifizierung angesehen werden kann oder ob man das Konzept des rein biologischen Menschen und dessen zentrale Stellung in unserem Weltbild zugunsten einer neuen Spezies der Mensch-Maschine-Hybride aufgeben muss. In einem letzten Vortrag wendete die Bamberger Studentin Laura Schöps Donna Haraways Cyborg-Mythos im Bezug auf moderne Filmbeispiele an. Bei der Betrachtung der Filmbeispiele I, Robot und der US-Serie Futurama stellte sich heraus, dass sich poststrukturalistische Diskurse und das Konzept des Cyborgs als mögliche Erlöserfigur des Feminismus zwar permanent thematisiert, aber nur fragmentarisch umgesetzt werden, da die Filmbranche vor der geforderten Auflösung der Dualismen als mögliches neues Rezeptionskonzept regelrecht zurückschreckt. Im Anschluss an die Vorträge fand eine rege Fachdiskussion der Kongressteilnehmer zu den Panels statt, wobei sogar neue Forschungsansätze generiert und weitere Diskussionen angeregt wurden. Im Anschluss an den Kongress konnten die Paderborner Gäste noch den Nachmittag nutzen, um sich die Stadt Bamberg anzuschauen. Sowohl die Teilnehmer als auch die Gäste können auf einen anregenden, gelungenen, diskussionsreichen und sehr produktiven Studierendenkongress zurückblicken.