Gastvortrag zum Videospiel "Shadow of the Colossus"

Schlupflöcher im Regime der Zeit? Erinnerungsbilder, Subjektivierung und virtuelle Vergangenheit

Dr. Serjoscha Wiemer, Universität Paderborn

 

Eines der dominanten Paradigmen in zeitgenössischen Videospielen ist das zeitkritische Handeln, das Körper und Bild im Modus der Echtzeit miteinander koppelt. Im Anschluss an Gilles Deleuze kann dieser Typus der Verknüpfung geregelter Handlung als "Aktionsbild" beschrieben werden. Dem Aktionsbild entspricht ein bestimmter Modus von Subjektivierung, von Verkörperung sowie ein Ideal kybernetischer Kontrolle. Videospiele unterstellen die SpielerInnen häufig einem zeitlichen Regime, das durch hohe Anforderungen an Aufmerksamkeit, zeitkritisches Handeln und Regelgehorsam charakterisiert ist. Der Zugang zum (interaktiven) Bild verlangt dabei das Einüben schematischer sensomotorischer Relationen, durch die Handlungsfähigkeit in der Spielwelt an Wiederholungen und 'Inkorporierungen' qua Körpergedächntis gebunden wird.

 

In meinem Vortrag stelle ich die Frage nach den Möglichkeiten ‘anderer' Zeiterfahrungen im Videospiel, jenseits von Präsenzästhetik und Echtzeit-Handeln. In den Kinobüchern von Deleuze gibt es den Begriff des 'Zeit-Bildes', der Schichtungen von Gedächtnis und Erinnerung beschreibt, jenseits quasi-kausaler Verknüpfungen und zielgerichtetem, zweckorientiertem Handeln. Am Beispiel von Shadow of the Colossus (Fumito Ueda, Team Ico/SCEI, 2005) möchte ich den 'Schlupflöchern' im Regime der Zeit nachgehen, die sich in Videospielen finden lassen. Dabei geht es um abweichende Bewegungen, offene Räume und (virtuelle) Erinnerungsbilder. Welche Subjektivierungen ermöglichen Videospiele, wenn die Zeit nicht mehr der Bewegung oder der Handlung untergeordnet wird, sondern als 'Dauer' wahrnehmbar wird, als Qualität jenseits von automatischem Wiedererkennen und narrativen Strukturen?

 

Dr. Serjoscha Wiemer ist nach seinem Studium der Theater-, Film und Fernsehwissenschaft, sowie der Germanistischen Linguistik und Sozialpsychologie in Bochum aktuell an der Universität Paderborn als Akademischer Rat für Digitale Medien und Mobile Media tätig. Im Rahmen seines DFG-Stipendiums und -Forschungsprojekts, sowie seiner Promotion in der Medienwissenschaft beschäftigte er sich mit den technischen und strategischen Dimensionen des Videospiels, publizierte etwa zur Geschichte des Genres und befasste sich mit Subjektivierungslogiken und Interface-Analysen. Insbesondere der Aspekt der virtuellen Zeitlichkeit wurde wiederholt zum Gegenstand seiner Forschung. Seine Publikationen umfassen ein breites thematisches Spektrum und reichen von Egoshootern und Strategiespielen über Spieltheorien und -begrifflichkeiten bis hin zur Funktion und Relevanz des Mediums. Serjoscha Wiemers aktuelle Forschungsschwerpunkte konzentrieren sich auf Theorien und Ästhetiken digitaler Medien, Bildtheorie, Spieltheorie und Algorithmen.