Textbeispiel

Reportage über das Eisenbahnunglück auf der Tay Bridge (28.12.1879)

Längste Eisenbahnbrücke der Welt stürzt in den Firth of Tay und reißt Schnellzug mit

Dundee. Mary Jane Willscott steht in der hellen Mondnacht über dem Firth und starrt blicklos in die noch immer aufgewühlten Wogen der Taymündung. Sie kann es nicht fassen. Nach so langer Zeit des Wartens auf ihren Verlobten, der mit dem Schnellzug Edinburgh-Dundee, zum Jahreswechsels auf Heimaturlaub, ankommen wollte, an diesem stürmischen Tag im Nordosten Schottlands. Auf dem Weg zum Bahnhof gegen halb acht, sagt sie leise, hörte sie es schon: ein grässliches Donnern - weit entfernt zwar und halb verschluckt vom heulenden Wind, aber doch merkwürdig anzuhören - nahende Züge klingen doch anders?

Eine Viertelstunde später hatte Mary Jane Gewissheit: Der Zug war in die Flussmündung gestürzt, mit Teilen der mächtigen Brücke, die noch vor wenigen Jahren bei ihrer Einweihung als Wunderwerk der Technik bestaunt worden ist. Um 7.14 passierte der Zug noch unversehrt den südlichen Brückenkopf, wie Bahnwärter Sam O´Neill mitteilt. Danach sah er etwas wie einen Feuerstrahl und hörte ebenfalls das Donnern. "Da wusste ich sofort", sagt O`Neill, "dass es der Zug war, und die Brücke am Einstürzen." So was hab´ ich in all den Winterstürmen der letzten zwanzig Jahre nicht gehört."

Der alte Bahnwärter schweigt. Er sagt viele Stunden nichts mehr. Der Lokführer war sein Sohn Jim, der war auch auf dem Weg nach Hause.

Weder er noch einer der Passagiere überlebte das Unglück. Nach ersten Schätzungen gibt es mindestens 90 Todesopfer.

An der Brückenstation von Dundee versammeln sich im Lauf der ersten Stunden nach dem Unglück Tausende von Menschen, die Näheres hören wollen über das Schicksal von Verwandten, Freunden oder Bekannten im Zug. Darunter sind auch weitere Augenzeugen: das Ehepaar Dunston, das einen kranken Onkel in Pflege nehmen wollte, und der Geschäftsmann Warren Calcroft, der selbst zur Bahn gekommen war, um einen lange erwarteten Vertrag über die Fusion seiner Firma mit einem Pariser Partner in Empfang zu nehmen. Das Dokument dürfte, wie alle Postsendungen aus dem Schnellzug, 4 Km flussabwärts bei Broughin-Ferrn im Wasser liegen: Der Sturm hat Menschenleben, Hoffnungen und nicht zuletzt einen Traum zerstört - den von der längsten Eisenbahnbrücke der Welt.

Mary Jane steht immer noch hinter der Station, den Blick hinaus auf den Firth gerichtet. Auf diesen Traum würde sie gerne verzichten, wenn sie nur den von ihrer Hochzeit weiterträumen könnte.

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vgl. auch:

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