(Mit-)Schreiben an Internet-Wikis

Vor allem für das kooperative bzw. kollaborative Schreiben für und mit dem Bildschirm bieten sogenannte Wikis beste Möglichkeiten. Sowohl für Primarstufe und Sekundarstufe kann hier vor allem im projektbasierten Schreibunterricht der Zusammenhalt, aber auch die Medienkompetenz der Schüler/-innen gefördert werden.

 

Was sind Internet-Wikis?

Wikis sind virtueller Kommunikationsräume, die in der Lehre in Kombination mit Face-to-Face Settings, also in Blended-Learning-Szenarien, eingesetzt werden kann (vgl. Endres 2010).

Das bedeutet, dass das Schreiben innerhalb der Wiki-Plattform stattfinden soll und das Geschriebene dann in Präsenzsitzungen, ähnlich einer Schreibkonferenz, besprochen wird.

Technische Grundlagen für das Wiki-Schreiben

Der technische Aufwand ist bei dem Wiki-Schreiben eher geringgehalten. Die meisten Wiki-Dienste sind frei im Internet zugänglich und lassen sich ohne Codekenntnis editieren. Allerdings muss die Schule eine einwandfreie technische Lernumgebung bieten, um ein erfolgreiches und zielgerichtetes Arbeiten mit dem Wiki zu sichern. So bietet zum Beispiel die Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet (ZUM e.V.)spezielle Wikis für den Unterrichtsalltag an. Hier können Schulwikis oder andere Wikis, wie zum Beispiel Projektwikis, für den Bildungsbereich kostenlos angelegt werden. Zudem wird die Arbeit durch MediaWikis innerhalb der Plattform unterstützt, welche Hilfestellungen bieten und das Arbeiten vereinfachen sollen. Auch eine generelle Einführung des Wikis an der Schule, durch zum Beispiel einen Wiki-Workshop im Rahmen einer Projektwoche bei Schüler/-innen sowie bei Lehrkräften, kann die Möglichkeit der Wiki-Nutzung im Schreibunterricht erhöhen und vereinfachen (ein Beispiel hierfür bietet Anskeit 2013).

Das Wiki-Schreiben

Alle Seiten eines Wikis sind in der Regel von allen Nutzer/-innen, wenn nicht durch ein Passwort geschützt, editierbar und somit veränderbar. Die meisten Wikis, wenn auch nicht alle, verfügen über eine Versionsverwaltung, durch die sich Veränderungen und damit die Entstehungsgeschichte eines Textes nachvollziehen lassen. Diese bieten dann, wenn benötigt, die Möglichkeit für eine Bewertung des Schreibprozesses. Mittels dieser Versionsverwaltung kann direkt beobachtet werden, wer wann welchen Textteil geschrieben oder überarbeitet hat. Die Textänderungen, Hinzufügungen und Löschungen lassen sich grafisch und farblich hervorheben, um den Prozess des Überarbeitens sichtbar zu machen.

Das Nebeneinander von document mode und thread mode ermöglicht ebenfalls ein Nebeneinander von Produkt und Prozess im selben System. Der document mode enthält das eigentliche Dokument bzw. den Text. Im thread mode wird der Texte diskutiert. Die Beiträge dieser Text-Diskussion kann einzelnen Autor/-innen zugeordnet werden. Diese Diskussionsbeiträge können dann die Grundlage für die Schreibkonferenz bilden, da hier die Möglichkeit geboten wird, Ideen, Anmerkungen und Verbesserungsvorschläge zu hinterlassen und sich gemeinsam mit den Autor/-innen über die Texte auszutauschen.

Unterschied zu klassischen Webseiten: Hyperlinks

Der wichtigste Unterschied einer Wiki-Plattform zu einer gewöhnlichen Internetseite besteht in der Verlinkung, sogenannter Hyperlinks, aller Wiki-Seiten untereinander zusätzlich zu externen Verlinkungen zu anderen Internetseiten. Interne Hyperlinks „erlauben und erfordern die Vernetzung von Wissensbeständen und das entsprechende Ordnen und Kategorisieren von Information in teilweise größerem Textzusammenhang.“ (Abraham 2014, 285). Dies macht das Wiki-Schreiben umso dynamischer und bietet zugleich für den Leser die Möglichkeit das Verständnis zu einem Text zu vertiefen oder zu erweitern. Allein durch die Nennung und einfache formale Markierungen werden neue Seiten generiert und mit bereits vorhandenen Inhalten verbunden. Das bedeutet, dass durch das Verlinken ein aktiver Eingriff in die Struktur bzw. den Aufbau oder die Veränderung dieser Struktur stattfindet. Dies kann zu einer Herausforderung für die Schreiber/-innen werden, welche im Folgenden noch behandelt werden.

 

Didaktischer Mehrwert des Wiki-Schreibens für den Schreibunterricht (vgl. Anskeit 2013)

Das Wiki-Schreiben bietet viele neue, aber auch alte Möglichkeiten für den prozess- und kompetenzorientierten Schreibunterricht des Deutschen. Vor allem die Möglichkeit, kooperativ Texte zu verfassen, den Schreibprozess der Schreiber/-innen begleiten und nachverfolgen zu können und somit die Grundlage für eine gezielte Schreibförderung zu schaffen.

Kooperative Prozesse

Zusätzlich wird die computergestützte Teamarbeit gefördert, wobei die Arbeitsergebnisse sofort sichtbar sind. Dies fördert ein persönliches, individuelles Lernen der Schreiber/-innen und gleichzeitig das Engagement innerhalb einer Lerngruppe. Es wird ein gemeinsames Gruppenziel angestrebt und man hat zugleich die Möglichkeit andere Gruppenmitglieder bei dem erfolgreichen Erreichen dieses Gruppenziels zu unterstützen und positiv auf deren Entwicklung einzuwirken. Die Schreiber/-innen übernehmen nicht nur für ihren eigenen Text, sondern auch für den ihrer Partner Verantwortung und treffen gemeinsam Entscheidungen darüber, wie Verbesserungen und Änderungen vorgenommen werden können. Dadurch wird das sozial-kommunikative Lernen [vgl. Kollaboratives Schreiben] intensiviert und auf eine neue Ebene gebracht. Lob und Kritik können Face-to-Face oder in dem entsprechenden thread mode geäußert werden, sodass ein Austausch über die Inhalte stattfindet, bevor die entsprechenden Texte überarbeitet werden. Hier ist also ein peer feedback möglich, also die Rückmeldung von Schüler/-innen ihren Klassenkameraden gegenüber (vgl. Abraham/Bräuer 2005)

Klassische fachliche Kompetenzen

Auch wird bei dem Wiki-Schreiben die klassische Textsortenkompetenz [vgl. Textsorten in ihrer schreibdidaktischen Bedeutung] erworben, diese sofort praktisch angewendet, sowie kreativ erweitert (vgl. Endres 2010). Die Trennung zwischen Autor/-innen und Rezipient/-innen wird hierbei allerdings aufgehoben und die Grenzen zwischen Lesen und Schreiben verschmelzen. Beim Lesen wird bereits der Akt des Schreibens bedacht, wobei sowohl Autor/-innen als auch RezipientInnen den Mut zu unfertigen, aber dennoch die Fähigkeit des zielgerichteten Schreibens [vgl. Schreibhandeln] benötigen.

Medienkompetenz

Auch ist neben dem Aufbau der Fachkompetenz der von Medienkompetenzfür das Wiki-Schreiben von höchster Bedeutung. Vor allem im Schreibunterricht der Grundschule muss der Fokus auf der kompetenten Mediennutzung und dem generellen Computerschreiben liegen. Auch hier kann das Wiki-Schreiben bereits als Grundlage dienen. Aufgrund der Versionsverwaltung haben die Schreiber/-innen die Sicherheit, dass keine Textelemente gänzlich gelöscht werden und damit verloren gehen können und bekommen somit die Möglichkeit, den Umgang mit Überarbeitungstechniken, wie zum Beispiel Ausschneiden oder Einfügen, zu üben.

Auch müssen die Autoren/-innen nicht nur lernen, Urheber- und Persönlichkeitsrechte einzuhalten, sondern vor allem muss der Umgang mit persönlichen Daten und Fotos sowie virtuelles Mobbing thematisiert werden. Nur das ermöglicht, dass die Schreiber/-innen sich selbstbewusst und sicher in der virtuellen Umgebung des Wikis bewegen können. Materialien für die Vermittlung von Medienkompetenzen bietet zum Beispiel die Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet (ZUM e.V.). Auch sollten eigene Regeln für den Umgang mit dem Internet formuliert werden.

 

Defizite und Probleme des Wiki-Schreibens

Das Schreiben in Wiki-Plattformen kann schnell zu einer Überforderung der Schreiber/-innen, aber auch der Lehrkräfte führen, wenn sie zuvor noch nie mit dieser Form des Schreibens zu tun hatten. Daher ist vor allem für das Wiki-Schreiben eine Einführung für die Schüler/-innen notwendig (ein Beispiel bietet Anskeit 2013) und ein vorheriges Auseinandersetzen der Lehrkraft mit der Thematik des Wiki-Schreibens notwendig. Am einfachsten geht dies in Form eines Wiki-Workshops an der Schule, bei welchem die Lehrkräfte die Handhabung der Wiki-Plattform kennenlernen und dieses dann an die Schüler/-innen vermitteln können. Aber auch die Wiki-Anbieter selbst bieten einige Hilfestellungen, bei welcher die Thematik des Wiki-Schreibens leicht vermittelt wird (vgl. Anskeit 2013).

Wichtig ist auch, dass sich die Lehrkraft als Motivator und Moderator des gesamten Wiki-Schreibprozesses sieht. Deshalb sind vor allem auch die Face-to-Face Settings wichtig, aber auch um dem Lost-in-Hyperspace-Symptom entgegen zu wirken (vgl. WebQuests). Die Kommunikation über die einzelnen Texte darf nicht bloß in dem thread mode stattfinden, da es so einfacher wäre für einzelne Schüler/-innen sich auch dem Schreibprozess des Wikis herauszunehmen. Durch die Plenumssitzungen werden aber alle Schüler/-innen aktiviert und hier kann dann über die Beiträge des thread modes gesprochen werden. Es sollte das Wiki-Schreiben also immer mit der Form der Schreibkonferenz verbunden werden (vgl. Enders 2010).

 

Praxisbeispiele für die Nutzung des Wiki-Schreibens im Schreibunterricht

Primarstufe

Ein Beispiel für das Wiki-Schreiben in der Grundschule bietet Anskeit (2013). Hier wurde in einer 3./4. Klasse ein Wiki-Projekt durchgeführt. Die Schüler/-innen schrieben gemeinsam eine Geschichte, an denen an einzelnen Abschnitten eine Entscheidung vom Leser getroffen werden muss. Diese Entscheidungen sind durch Hyperlinks markiert und lassen dadurch die Geschichte unterschiedlich fortlaufen. Die Schüler/-innen schrieben, nach einer ausführlichen Einführung in das Wiki-Schreiben, hierbei in Gruppen die einzelnen Teilabschnitte der Geschichte. In den Plenumssitzungen wurde dann besprochen, welche Änderungen in den einzelnen Teilabschnitten vorgenommen werden sollten, welche Entscheidungen in der Geschichte getroffen werden können und unter anderem wurden die Teilabschnitte der Geschichte untereinander abgestimmt.

Sekundarstufe

Ein Beispiel für das Wiki-Schreiben in der Sekundarstufe bietet Endres (2010). Ihr Beispiel bezieht sich zwar auf eine Gruppe Studierender, kann aber ebenso in die Sekundarstufe übertragen werden. Hier wurde ein Stadtführer der Universitätsstadt Greifswald erstellt. Die Studierenden schrieben, ebenfalls nach einer praktischen Einführung, gemeinsam einen virtuellen Stadtführer, wobei die einzelnen Kapitel und Thematiken von den Studierenden selbst bestimmt wurden und entsprechende Artikel erstellt wurden.

Hier kann eine große Vielzahl von einzelnen Textsorten benutzt werden und die Schüler/-innen können selbstorganisiert das Projekt durchführen. Allerdings sollten, wie Endres selbstkritisch sagt, des Öfteren Gruppensitzungen stattfinden, um den gesamten Prozess aufrecht zu erhalten und alle Schüler/-innen für den Schreibprozess aktivieren zu können.

 

 

---------------------------------------------------------

Weiterführende Literatur:

·    Baumann 2007

·    Cummings 2009

·    Endres 2010

·    Anskeit 2013