Schreibunterricht

3. "Kreatives und literarisches Schreiben"

„Kreatives Schreiben“ ist ein in den 1970er Jahren aus den USA übernommener, seit den 1980er Jahren zunehmend eigenständig definierter Sammelbegriff (vgl. Spinner 1993) für Schreibverfahren, die im Unterschied zum "freien Schreiben" bewusst Regeln setzen und/oder Muster vorgeben, die für Inspiration und Imagination bei den Lernenden sorgen sollen.

Kaspar H. Spinner (1993) charakterisiert das kreative Schreiben nach drei Prinzipien:

  • Irritation: Durchbrechung der gewohnten Alltagsmuster
  • Expression: Selbstausdruck
  • Imagination: Phantasie und Vorstellungskraft

 

Konzepte des freien Aufsatzes aus der Reformpädagogik aufnehmend, hat man in den 1970er Jahren schulisches Schreiben verändern wollen: Damals bedeutete kreatives Denken Normen zu durchbrechen (auch im Deutschunterricht). Ab den 1980er Jahren jedoch verband man damit eher eine Erforschung der eigenen Bewusstseinsinhalte und Möglichkeiten. Das bedeutete einen Rückzug ins Private: Schreiben galt nun als Mittel gegen die Anonymisierung der Gesellschaft und hatte therapeutische Inhalte wie Selbstausdruck und Äußerung zur inneren Welt. Die Schreibsituationen wurden bewusst gestaltet mit einer Vielzahl von Übungen und Methoden, die zum Schreiben anregen sollten (vgl. Voraussetzungen und Vorgaben).

Die Psychologie, v.a. die Tiefenpsychologie nach Sigmund Freud sowie die Lern- und Entwicklungspsychologie, beeinflussten das kreative Schreiben bedeutend - so heißt es, dass beim kreativen Schreiben seelische Gehalte darstellbar werden und sich Verdrängtes zeige. Und die Sprachentwicklungspsychologie nach L.S. Wygotski sieht im kreativen Schreiben die Chance, dass dadurch die "innere Sprache", die offener und subjektiver sei, aktiviert werde (vgl. Personales Schreiben).

Das kreative Schreiben wird unterschiedlich verstanden und angewandt (vgl. Aspekte kreativen Schreibens). Es erfasst mehr als andere Ansätze die ganze Person, kann Schreibblockaden abbauen, die Leistung steigern, Schreibfreude erhalten, aber auch an die Literatur heranführen (vgl. Literatur schreiben?). Von den Lehrenden ist aber besondere pädagogische Sensibilität gefordert, da Kreativität durch Beurteilung und Bewertung gestört werden kann - daher werden hier neue Anforderungen an die fachliche Kompetenz gestellt, andere Wege der Beurteilung zu finden (z.B. ein gemeinsames Besprechen mit Kollegen, Mitschülern, vgl. Überarbeiten und Veröffentlichen
). Ebenso wichtig ist, dass eine kreative Haltung den ganzen Unterricht bestimmt - nicht nur im Deutschunterricht soll grundsätzlich die Möglichkeit zu kreativem Denken, selbstständigem Finden von Problemlösungen, dem Zulassen von Irrtümern als Weg des Lernprozesses gegeben werden.


In der deutschsprachigen fachdidaktischen Literatur ist Kreatives Schreiben immer ein Kampfbegriff gewesen, der sich gegen die Erstarrung des Aufsatzunterrichts wandte sowie gegen die "Verkopfung" des Schulunterrichts überhaupt. Unter Berufung auf Rico (1984) betonte man die Funktion kreativer Verfahren, die "rechte Hemisphäre" (Gehirnhälfte) mit ihrer Fähigkeit zur ganzheitlichen Wahrnehmung und Gefühlsbildung gegenüber der "linken Hemisphäre" zu stärken. Das gilt inzwischen als überholt. Es erklärt aber die große Bedeutung literarischer Schreibmuster beim kreativen Arbeiten. Aus der Verwendung solcher Muster (literarische Gattungen und Formen) ergibt sich ein Konzept literarischen Schreibens (vgl. Abraham/ Brendel-Perpina 2015).

Eine starke Betonung des persönlichkeitsbildenden, ggf. auch therapeutischen Wertes solcher Verfahren, wie sie aus der Gestaltpsychologie (z.B. Fritz Perls) kommen, führt zum personalen Schreiben (vgl. Schuster 1994), eine eher kommunikative und handwerkliche Orientierung zum journalistischen Schreiben (vgl. Rau 2014)

Betont man schließlich den Prozesscharakter einer (längerfristigen) Auseinandersetzung mit Schreibaufgaben und -zielen, so spricht man von "Schreiben als Prozess".

 

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