Entwicklung von Schreibfähigkeiten

 

 „Entwicklungsmodelle des Schriftspracherwerbs verstehen die schriftsprachliche Entwicklung des Kindes als zeitlichen Verlauf. Man nimmt dabei an, dass das Kind verschiedene, voneinander unterscheidbare Stufen durchläuft.“ (Altmannsberger 2011)

 

Der Kern des Entwicklungsgedankens besteht nicht in einer zwingenden Abfolge ("diskret") aufeinander folgender Entwicklungsschritte, sondern in einem Nach- und auch Nebeneinander typischer Stadien. Becker-Mrotzek (2014, 60-65) unterscheidet

- Startphase (erste Schreibversuche, 5-7 Jahre)
- Ausbauphase I (Orientierung am Erlebten, 7-10 Jahre)
- Ausbauphase II (Orientierung an der Sache und am Leser, 10-14 Jahre)
- Ausbauphase III (literale Orientierung ab Adoleszenz)

Ein Entwicklungsmodell (Augst et al. 2007) auf seine Reliabilität hinsichtlich des Erwerbs von Textkompetenz im Grundschulalter überprüft haben Bremerich-Vos/Possmayer 2011
(zur Erwerbsperspektive vgl. auch Schreibkompetenz).
Entwicklungsmodelle gibt es zu folgenden Bereichen (vgl. ebd., 184-189):

 

1. Entwicklung des schriftlichen Erzählens  

Wolf (1998) unterscheidet vier Etappen der Strukturierung von Erzählungen:

  • enumerativer Modus (assoziative Auflistung, Leser braucht Hintergrundwissen)
  • linear-sequenzierender Modus (chronologische Satzketten, z.B. „und dann“)
  • makro-strukturell kontrastierender Modus (erkennbarer Vorher-Nachher-Zustand im Text, Zeiten werden sichtbar)
  • narrativ-involvierender Modus (Markierung einzelner Ereignisse, Affektstrukturen)

 

2. Entwicklung der Darstellungsfähigkeit ("Beschreiben, Erklären, Anleiten")

Eine linguistisch und sprachdidaktisch abgesicherte Darstellung des Beschreibens liefern Janle (2009) und Klotz (2013). Beschreibende Sprachhandlungen kommen zwar auch allein vor, sind aber häufig eingebettet in komplexere Textsorten, in deren Rahmen auch erzählt oder argumentiert wird.

Beschrieben bzw. dargestellt wird aber auch in direktiven Texten, die Anweisungen an den Leser enthalten (z.B. Verordnung, Abmahnung, Bedienungsanleitung; vgl. Baumann & Hartwig 1996). Becker-Mrotzek (1997) nimmt beispielsweise an, dass sich die Schreibkompetenz gleichzeitig in verschiedenen Problemdimensionen entwickelt und untersuchte dies anhand Bedienungsanleitungen einer Stoppuhr. So werden in der ersten Dimension, die sich auf den Sachverhalt des Textes bezieht, drei verschiedene Entwicklungsphasen differenziert.

1.     Sachverhalte als Ereignisfolge (äußerlich wahrnehmbare Eigenschaften, kein Bezug zu Handlungszwecken)

2.     Handlungen des Lesers (Handlungszwecke werden erklärt)

3.     „gesellschaftliche“ Handlungen (Handlung eines „generalisierten Anderen“, anweisende und wissensbildende Elemente)  

 

3.  Entwicklung der (schriftlichen) Argumentationsfähigkeit

Augst/Faigel (1986) unterscheiden vier Stufen der Textstrukturierung:

  • linear-reihend (Auflistung von Feststellungen und Einzeläußerungen
  • material-systematisch (schrittwiese umfassende Ordnung von Äußerungen, z.B. nach Kontrasten)
  • formal-systematisch (Aufbau einer Pro-Contra Argumentationskette)
  • linear-dialogisch (Einbeziehung von Gegenargumenten, Appelle an Leser: Leseorientierung und Aufmerksamkeitssteuerung)

Rezat (2011) weist nach, dass Schüler/-innen bereits in der Grundschule ansatzweise "über komplexe argumentative Schreibfähigkeiten verfügen" (ebd., 63) und konzessiv argumentieren, d.h. von der eigenen Position überzeugen zu können (vgl. Steinhoff 2007, 329). Allerdings zeigt die Studie auch deutliche schulart- und schulstufenbezogene Unterschiede in der Argumentationskompetenz, die bei Gymnasiast/-innen deutlich ausgeprägter ist als bei Hauptschüler/-innen. Neben angemessenen Aufgabenstellungen nennt Rezat (2011, 64) als Entwicklungsbedingungen auch Bereitstellung von Sachwissen, persönliche Involvierung in das Thema und schriftbezogene Spracherfahrung überhaupt.

 

Zum Übergangsbereich zwischen Sek. II und Hochschule ("wissenschaftliches" oder "akademisches Schreiben") gibt es seit einiger Zeit eine lebhafte Diskussion (vgl. die Sammelrezension von Schindler 2009 sowie die Themenhefte ide 4/2010 und Der Deutschunterricht 5/2011, insbesondere Pohl 2011).

Davon berührt sind auch die Diskussion um Bildungsstandards im Bereich Schreiben sowie Aufgabenstellungen für die Reifeprüfung (z.B. in Österrreich: Abraham 2010, Staud/Taubinger 2010).

 

Vgl. auch Textsorten in ihrer schreibdidaktischen Bedeutung

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