Anregung für einen Schreib-Lese-Unterricht in der Sek. II und an der Hochschule

"Stilübungen" nach Raymond Queneau

(Beispiele verfasst in einem Seminar "Kreatives Schreiben" im SS 1992 an der Universität Bamberg; Leitung: Ulf Abraham)

Die Begebenheit

Ich aß gerade eine Pizza am Stand in der Fußgängerzone. Da kam ein kleiner, dicker Mann - nicht alt, nicht jung - mit  langen, fettigen Haaren daher. Er schlug den Weg zum Obststand ein, sah sich vorsichtig um, ergriff einen Apfel und steckte ihn unauffällig in die Tasche. Dann entfernte er sich.

1. Stürmend und drängend (Vorlage: Goethes "Werther")

den 17. Mai

Es ist ein einförmig Ding ums Menschengeschlecht. Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit, um zu leben, und das bisschen, das ihnen von Freiheit übrig bleibt, ängstigt sie so, dass sie alle Mittel aufsuchen, ums loszuwerden. Heut Mittag, wie ich am Obstmarkt herumstreunte, um das bunte Treiben der ein­fachen Leute ein wenig zu beobachten, namentlich das reizende Schauspiel der Kinder, die ihren Ammen, welche die täglichen Einkäufe tätigen, bald hier- bald dorthin entwischen wollen, weil sie vom Prospekt der Freiheit noch nicht geängstigt werden wie wir ... wie ich also, mein eigenes Herz mit mir führend wie ein krankes Kind, mir inmitten des Gewühls Ablenkung verschaffen will, da werde ich Zeuge einer merkwürdigen Begebenheit. Ein kleiner, dicker Mensch in mittleren Jahren, von ungepflegtem Äußerem, jedoch einer interessanten Physiognomie, welche das verzerrte Original verriet, ging geradewegs auf den Obststand los, sah nicht links noch rechts, sondern griff, einen Augenblick der Unaufmerksamkeit des einfältigen Obstverkäufers nutzend, einen der größten, schönsten Äpfel aus dem Haufen, schob ihn sich ungeniert in die Tasche seines schä­bigen Rocks, machte kehrt und ging davon, wie er gekommen. Es war eine Sache von einer hal­­ben Mi­nute und scheint kaum der Rede wert. Und doch hat der kleine Dicke, angekränkelt von keines Zweifels Blässe, mir ein Beispiel gegeben, wie das Leben zu nehmen sei. Den ganzen Tag noch ging ich herum und konnte das Bild nicht loswerden, wie er danach griff. Ich wünschte, ich hätte auch einen solchen Apfel in der Tasche.

2. In Wilhelm Raabes Manier

Es war eine böse Zeit. Krankheit, Hunger und Not hatten die Stadt heimgesucht und wollten, da noch immer Krieg herrschte, nicht weichen. Besonders im Sprengel des Hungerpastors tat diesem das Leiden der armen Leute in der Seele weh. Er wollte helfen und hatte doch selber kaum das Nötigste für sich. So kam es, dass er in dieser Zeit bedrückt herumging und an sich und seiner Aufgabe in der Welt beinahe verzweifelte.

Eine kleine Begebenheit war es besonders, die ihn an den Rand des seelischen Abgrunds brachte. Eines Mittags auf dem Obstmarkt, auf dem Weg zu jenem schwerkranken alten Mann in der Sperlingsgasse, sah er einen kleinen verwahrlosten Dicken von wil­dem Ansehen buchstäblich unter den Augen des braven Obstverkäufers einen Apfel stehlen. Dem Manne stand der Todesmut, mit welchem er diesen Mundraub beging, noch ins Gesicht geschrieben, als er sich eilig, doch unauffällig entfernte.

Der Pastor aber konnte seinen rechtschaffenen Wunsch, mit einem Ruf den Frevel öffentlich zu machen und den Dieb zu halten, gerade noch unterdrücken. Wie weit, dachte er im Weitergehen, muss es mit uns und der Welt gekommen sein, dass am hellichten Tag das nötigste Lebensmittel gestohlen werden muss? Es ist ein Jammer.

3. In naturalistischer Manier

Das Individuum, ein kleiner, dicker Mensch in den Dreißigern, fiel schon durch seine gehetzte Gangart inmitten des Gewühls am Obst­markt auf. Er beachtete die Leute nicht, die versuchten, einen Bogen um ihn zu machen, um ihre vornehme Kleidung nicht an seinen Lumpen zu beschmutzen. Un­ge­waschen und nicht rasiert, bot er das Bild eines übernächtigten, von einem unerbittlichen Zwang Getriebenen, der wie zufällig dicht am Obststand vorbei strich, innehielt und sich vorsichtig umblickte, wobei er den Kopf halb gesenkt hielt wie ein verfolgtes Wild. Dann schoss blitzschnell die Hand wie eine Klaue unterm Kleid hervor, umkrallte einen Apfel und verschwand wieder. Der Händler hatte zwar den Diebstahl bemerkt, konnte aber dem Flüch­tenden, der rücksichtslos Mütter mit kleinen Kindern umrannte, nur noch hinterher brüllen. "Drecksack!! Laß di bloß nimmer seng"! Und, weiter vor sich hinschimpfend: "G´socks, widerliches...".

Der Dicke rannte schon durch die Menge, den angebissenen Apfel in der Faust und unfähig, den Mund zu schließen vor dem Apfelbrocken, von dem gelblich-klebrige Speichelfäden troffen, die der Laufende nach allen Seiten verspritzte.

4. In Thomas Manns Manier

Die Geschichte des Apfels, die wir erzählen wollen, - nicht seinetwillen, (denn der Leser wird einen ganz gewöhnlichen, wenn auch ansprechenden Apfel in ihm kennen lernen) - , sondern um der Geschichte willen, die uns in hohem Grade erzählenswert scheint: diese Geschichte ist viel älter als sie zu sein scheint; ihre Betagtheit ist nicht nach Tagen, Jahren oder Jahrzehn­ten zu be­messen. Nein: die hochgradige Verflossenheit unserer Geschichte rührt daher, dass sie vor einer gewissen, die Menschheit tief zerspaltenden Wende und Grenze spielt ...

Wir werden sie ausführlich erzählen, genau und gründlich. Wir werden sehen, wie der Landarbeitersohn Adam Fetthaar zuallererst in die Stadt kommt, um dortselbst ein besseres Leben zu beginnen; wie ihn diese Stadt nicht mehr loslässt in Gestalt der drallen Magd Eva, wie die beiden schließlich, gerade als Adam eine einfache Arbeit ge­funden, versehentlich - wie dergleichen so zu gehen pflegt - ein Kind zeu­gen und ihm sowie selbst sich eine ordentliche Bleibe su­chen müssen, während der Herbst schon kühl durch die Gassen streicht. Und schließ­lich wer­den wir, dem  Erzähler zur Freud' und dem Leser zur Lehr', aus näch­ster Nähe mitver­folgen, wie Eva - nicht etwa aus leiblicher Not, denn so übel steht es gar nicht um die beiden -, aus bloßem Gelüste einen Apfel zu haben verlangt, so­fort und ohne Wi­der­rede, so dass Adam Fetthaar mit durchaus gemischten Gefühlen sich aufmacht zum Markt.

Dass so das Paradies endet, braucht der raunende Beschwörer des Perfekts nicht eigens zu erläutern. Der ehrliche Adam Fetthaar, noch während er sich des Apfels in gar nicht ungeschickter Weise bemächtigt, nimmt sich vor, dies sei das erste und auch letzte Mal gewesen, dass er sich habe anstiften und für Niedriges gebrauchen lassen; und als er die Freveltat vollbracht hat, schiebt er sich das im Schweiß seines Angesichts, ja: seines ganzen Körpers erworbene Diebesgut kurzerhand in den Mund und sucht, wie er gekommen, das Weite.

5. In Kafkas Manier (Vorlage: "Vor dem Gesetz")

Am Obststand steht ein Verkäufer. Zu diesem Verkäufer kommt ein Mann und bittet um einen Apfel. Aber der Verkäufer, ein langer Mensch mit einem tartarischen Spitzbart, der einen gelangweilten Eindruck macht, sagt, dass er ihm jetzt keinen Apfel geben könne. Die Äpfel seien zum Verkauf, er müsse davon leben. Der Mann, der seit dem Vortag nichts gegessen hat und dem vor Hunger schon übel ist, überlegt und fragt dann, ob er später, vielleicht nachmittags, ei­nen Apfel bekommen könne. "Schon möglich", sagt der Verkäufer, "jetzt aber nicht." Der Mann wartet. Als die Sonne hoch über dem Obststand steht und er vor Schwäche zu fallen droht, gibt ihm der Verkäufer eine Obstkiste und lässt ihn seitwärts darauf nieder sitzen. Dort sitzt er viele Stunden. Der Verkäufer stellt kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn nach seiner Herkunft aus, aber es sind teilnahmslose Fragen, die nichts be­deu­ten und die Hoffnung auf einen Apfel nicht vergrößern. Der Mann wird in der pral­len Son­ne schläfrig, bittet noch einige Male mit versagender Stimme, wird aber stets abschlägig beschieden. Schließlich, fast schon im Schlaf, hört er, wie der Obsthändler sein Geld zählt. Da rafft sich der Hungernde auf, ein letztes Mal zu bitten. Es ist nur noch ein Apfel da. Der Verkäufer nimmt ihn in die Hand, zeigt ihn dem Unglücklichen und sagt: "Es ist zu spät. Dieser Apfel war für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und werfe ihn der Sau vor."

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