Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften

Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur

Rabengeschichten

Quint Buchholz, ein renommierter Maler, Zeichner und Illustrator, gestaltet auf eine sehr eigene Art für den Sanssouci-Verlag Umschlagmotive für Bücher. Beim BuchBilderBuch-Projekt hat der Verlag einmal den Prozess umgedreht und hat die Motive des Malers an berühmte Autorinnen und Autoren verschickt und sie gebeten, „die Geschichten aufzuschreiben, die in Quints Büchern verkapselt“ sind.

Machen Sie mit und schreiben Sie eine Geschichte zu diesem Raben-Bild, bei der möglichst alle Details des Bildes ins Spiel kommen.

Auch Rafik Schami, der berühmte syrische Erzähler, hat zu diesem Bild eine Geschichte erzählt (Buchholz 2004, S. 36/37 und S. 40), die wir Ihnen gleich präsentieren werden. Aber lesen Sie vorher die Texte von Ulf Abraham, Annelie Denner, Christopher Striegel und Julia Hösl.

 

Rabenschwarze Geschichten (Christopher Striegel)

Entnervt knallte sie den pechschwarzen Zylinder, mit dem sie am Höhepunkt ihrer allabendlichen Bühnenshow ihre Scham bedeckte, auf den kirschholzfarbenen Schminktisch, dessen dazugehöriger großer Spiegel von zahlreichen Glühbirnen umrahmt wurde. Abgekämpft, verlebt beinahe, griff sie zu einem Kosmetiktuch, träufelte etwas Creme darauf und fuhr sich so über die schwarz und rot geschminkten Augen, dass sich die feinen, filigranen, fast puppenartigen Züge ihres Gesichtes zu einer bizarren Grimasse verzerrten. Sie war wie immer die Letzte am Abend. Das Highlight. Alle anderen Damen waren schon gegangen, sie suchten meistens schon direkt nach ihrem Auftritt das Weite. Zu oft war es schon vorgekommen, dass ihnen einer der betrunkenen, lüsternen Kerle am Hinterausgang der Bar aufgelauert hatte. War man also früh dran, hatte man gute Chancen, unbehelligt in die Nacht zu kommen, denn früh am Abend waren die Männer noch nicht betrunken genug, um den Damen wie eine Horde Halbstarker nachzustellen. Aber zum Glück begnügten sich die meisten ohnehin damit, den Mädchen zuzusehen. Nur wenige wollten mehr, und die allerwenigsten viel mehr.
Es klopfte. Zunächst erschrak sie, bat den Gast schließlich aber herein, zumal sie sich sicher war, dass es sich nicht um einen ungebetenen Besuch handelte. Ein solcher würde wahrscheinlich ohnehin nicht klopfen.
Im Spiegel sah sie die Tür sich öffnen, einen hageren, fast ausgemergelten Mann hereinkommen. Ganz in schwarz, die Haare dagegen ergraut, dunkle Augen inmitten eines zwar nicht faltigen, in jedem Fall aber alten Gesichts. Der Schrecken des vorherigen Moments fuhr ihr in die Glieder zurück, hektisch griff sie nach dem Bademantel über der Stuhllehne, schaffte es allerdings nicht, ihn ganz herunterzuzerren und bedeckte somit nur notdürftig ihren baren Busen. "Sie müssen sich nicht erschrecken", sagte er fast beiläufig, auf dem Weg zu einem kleinen Sofa, das am anderen Ende des Raumes stand. Unfähig, ein Wort zu sagen, folgte sie seinen Schritten im Spiegel. Wie selbstverständlich setzte er sich, nahm die Flasche billigen Whiskey von dem neben der Couch stehenden Beistelltisch und schenkte sich davon in eines der ebenfalls bereitstehenden Gläser ein. "Was wollen Sie?", fragte sie nach einiger Zeit. "Lassen Sie mich Ihnen einen Rat geben", begann er und nippte am Glas. "Kommen Sie morgen nicht hierher zurück. Bleiben Sie zuhause, melden Sie sich krank. Kommen Sie auf keinen Fall hierher." Er leerte das Glas in einem Zug, erhob sich und ging so beiläufig wie er gekommen war. Verstört blieb sie zurück.
Hastig schlüpfte sie in ihre Alltagswäsche, zog Jeans und Bluse an, knotete sich das blonde Haar zu einem biederen Dutt zusammen, warf ein dünnes Jäckchen über und verließ das Haus so schnell als möglich. Still war die Nacht, klamm. Unruhig ihr Schlaf.
Irgendwann am nächsten Tag erwachte sie. Unausgeruht, noch erschöpfter als sie im Moment des Zubettgehens gewesen war. Sie wusch sich, aß appetitlos die Reste vom Vortag, duschte ausgiebig, las. Doch nichts vermochte sie von dem nächtlichen Besuch des fremden Mannes abzulenken. Der Tag verging, es wurde wieder Zeit für sie. Rauf auf die Bühne, ran an die Stange, jedes Mal seltsamer zurechtgemacht, sich unter gellendem Pfeifen und Jubeln der Klientel die ohnehin nicht viel verbergenden Kleider vom Leib streifen. Abend um Abend.
Irgendetwas hielt sie heute aber zurück, sie haderte mit sich, beschloss aber schließlich, dem Rat des Alten zu folgen. Sie saß in ihrer kleinen Küche, die bereits fertig gepackte Tasche neben sich auf dem Boden. Langsam verstrich die Zeit. Letztlich griff sie dann doch zur Tasche, lachte über sich selbst - zwar wohl eher, um sich selbst Mut zu machen als aus aufrichtigem Amusement - und verließ die Wohnung, wohl wissend, dass sie bereits zu spät dran war. Auf den Bus zu warten, würde keinen zeitlichen Vorteil bringen, weshalb sie sich entschied, zu Fuß zu gehen. Je näher sie ihrem Arbeitsplatz kam, umso schneller lief sie. Katzenartig wich sie entgegenkommenden Passanten aus, stieß schließĺich aber doch mit einem Verkehrsüberwacher zusammen, der gerade das Kennzeichen eines falsch geparkten Autos notierte. Ihre Tasche fiel zu Boden, so auch der schöne Füller des Herren - beim Bücken wunderte sie sich, warum ein Verkehrsüberwacher mit so teurem Gerät schrieb - und mit ihm viele lose Blätter, die sich über die gesamte Breite des Bürgersteigs verteilten. "Aufsammeln, junge Dame, aber zackig!", hatte er sie ermahnt, obwohl sie schon längst auf allen Vieren am Boden kauerte. Einige Minuten später setzte sie ihren Weg fort, bar jeder Hoffnung, dem Ärger mit dem Chef noch entgehen zu können. Irgendwann, es war nicht mehr weit, entdeckte sie eine Menschentraube, Schaulustige, Feuerwehr, Polizei und Krankenwägen. Vereinzelt hingen Rauchschwaden in der Luft. Sie kämpfte sich durch die Menge. Dort, wo sie bisher Abend für Abend getanzt hatte, stand nun eine ausgebrannte Ruine. Ein Stück der ehemaligen Leuchtreklame der Bar, eine überdimensionale, grell fluoreszierende Herz-Ass, lag einige Meter vor dem einstigen Eingang. Ein pechschwarzer Rabe saß darauf und starrte sie an. Er krächzte schauderlich, breitete seine Schwingen aus und flog schließlich davon.

Rabengeschichte (Annelie Denner)

Sie konnte kaum über den Zaun schauen. Ihre blonden Locken waren ungekämmt und standen in unzähligen Kringeln von ihrem Kopf ab. Indem sie sich an den alten, leicht morschen Brettern des Zauns hochzog, versuchte sie zu erkennen, was auf der anderen Seite vor sich ging. Die auf und ab wandernden Zylinder, denn ohne die Köpfe, die sie trugen, zu sehen, schwebten sie wie leichte Wolken über dem Zaun, hatten sie neugierig gemacht und vergessen lassen, dass sie sich eigentlich versteckt halten sollte. Erst als die Stimmen immer näher kamen und lauter wurden, wurde ihr bewusst, in welcher Gefahr sie sich befand. Sie ließ augenblicklich vom Zaun ab und zerriss bei dieser ruckartigen Bewegung ihr Kleid an den rostigen Nägeln, die irgendjemand notdürftig zur Stabilität am Zaun angebracht hatte. Mit vor Angst rasendem Herzen machte sie sich ganz klein und kauerte ihren Körper in einer Ecke ihres Verstecks zusammen. Doch immer noch kamen die Zylinder näher. Durch die Lücken zwischen den Brettern konnte sie undeutlich schwarze Anzüge mit dunklen Schuhen erkennen. Die Männer unterhielten sich in einer für sie fremden Sprache, mit Stimmen, die wie das Kratzen eines Füllfederhalters auf Papier klangen.

Die unverständlichen Worte und der Tonfall, mit dem sie ausgesprochen wurden, ließen sie den Atem anhalten. Sie hatte das Gefühl, als ob sich ihre Sinne mit einem Mal unnatürlich geschärft hätten. Ihr wurde bewusst, dass sie dieses Versteck nicht retten konnte. Sie würde, genau so wie die letzte Karte eines Kartenspiels, irgendwann für alle sichtbar aus ihrem Versteck gezogen werden. Sie unterdrückte die aufsteigenden Tränen und presste die Lippen noch fester zusammen, um die Verzweiflung und die Angst nicht laut heraus zu schreien.

Die nächsten Minuten nimmt sie nur noch wie durch ein Glas mit trübem Saft, sehr verschwommen und undeutlich, wahr. Etwas packt ihren Arm und zieht an ihr. Sie schließt einmal mehr die Augen und leistet keinen Widerstand. Erst als ihre nackten Füße die kümmerlichen Grashalme entlang streifen, öffnet sie die Augen und sieht sich den Männern gegenüber, welche über ihr Leben entscheiden werden. Die im schwachen Sonnenlicht matt glänzenden Masken vor ihren Gesichtern sind zu Grimassen mit offenen Mündern verzogen. Mit der Gewissheit ,das Ende erreicht zu haben, breitet sich ein wohliges Gefühl von Leichtigkeit in ihr aus. Sie nimmt Abschied und lässt ihre Gedanken wie dunkle Krähen in den Himmel aufsteigen.  

Meine Rabengeschichte (Julia Hösl)

Ein kleiner Raum. Dunkelheit.

Es riecht nach warmem Holz und Mottenkugeln .Die schweren Vorhänge bewegen sich nicht im Wind, sie drücken die Hitze nach draußen, durch die weitläufigen Fensterrahmen, schieben sie langsam nach innen.

Es ist still. Bis auf das unregelmäßige Kratzen eines Füllfederhalters. Kein Grillengezirpe dringt durch den schmalen Spalt, wo der Vorhang ein Stück weit auseinander geschoben wurde, um sich als scharf abzeichnende schwarze Wand gegen den schlohweißen Sonnenschein zu lehnen. Auch kein Verkehrslärm ist zu hören, keine Maschinengeräusche, kein Kinderlachen.

Auch die Tiere reden nicht.

Ein Balken aus Sonnenlicht, der sich durch die Vorhänge zwängt, Dämmerung im Zimmer. Wie ein Scheinwerfer strahlt er auf den Zylinder, der da auf den Dielen ruht. Die Rückseite einer Spielkarte lugt aus seiner Krempe. Reichverziert und blau. Die goldene Flüssigkeit darin fängt das Licht. Es schimmert: Ein Stern am Abendhimmel.

Das Kratzen hat aufgehört.

Aus der Dunkelheit, die tiefer erscheint, wo sie dem beleuchteten Bodenholz näherkommt, erklingt, kaum wahrnehmbar ein sachtes Schlurfen. Nur ein paar Sekunden lang.

Ein Federhalter rollt ins Bild, hypnotisch, ganz bedächtig.

Er bleibt liegen.

In der Ferne krächzen die Raben.

Rabengeschichte (Ulf Abraham)

Der Füller? Ja, das ist ein alter Waterman, 1889. Wahrscheinlich das Wert­vollste, was ich noch bei mir habe. Ich benutze ihn nicht. 

Ich tue nur so, als gehörte ich zu dieser aussterbenden Art von Menschen, die mit dem Füllfederhalter schreiben.

Dabei hatte ich mein ganzes Berufsleben lang einen Computer, zuletzt einen Laptop. Den Füller brauche ich erst jetzt, hier in meinem Exil auf Sapelo Island. Der gehört zu meiner Tarnung.

Ja, ich weiß: Es ist geschmacklos, das ein Exil zu nennen, wenn ein alternder Mann  vor seinem eigenen Leben ausgerissen ist, jeden Abend sein Viertel schottischen Whiskey auf der Terrasse eines roh gezimmerten Holzhauses trinkt, sein Handy nicht mehr einschaltet und den Internetanschluss nicht vermisst. Meine einzige Verbindung zur Außenwelt, abgesehen von der Krämerin two miles down the road, ist ein schwarzer Rabe, der mich jeden Abend besucht. Ihm erzähle ich von meiner Zeit als Chef einer angesehenen Privatbank, als Ehemann einer anspruchsvollen Frau und als Rotarier in meiner Geburtsstadt. Eine fremde Welt für ihn, sicherlich, aber er hört sich das alles an, jeden Abend aufs Neue, nickt und krächzt, such is life. Oder: It takes all sorts to make a world.

Die Welt muss jetzt ohne mich zurechtkommen. Da back in Europe kein Schwein weiß, was und wo Sapelo Island überhaupt ist, bin ich so gut wie nicht mehr da. Wenn mir danach ist, ein paar Schritte zu gehen, bahne ich mir einen Weg durch die Vorhänge aus spanischem Moos, das sie früher in Detroit, als die Welt noch in Ordnung war, als Polsterung in die Sitze der Pontiacs gestopft haben, verlasse den urzeitlich anmutenden Wald, steige über ein paar niedrige Dünen und schaue von der anderen Seite aus auf den Atlantik hinaus.

Die paar Einwohner, die es auf Sapelo noch gibt, dulden mich mit ironischer Nachsicht. Eigentlich gehöre ich hier nicht her, wie das mit Exilanten eben so geht. Ich bin ein Weißer, to begin with. Und Sapelo ist seit der Zeit der Sklaverei fest in der Hand der Schwarzen, die man nach Georgia gebracht hat, um hier Reis anzubauen. Die meisten sind später nach Norden in die Städte gegangen, um dort die Ghettos zu füllen, aber ein paar Familien sind geblieben, pendeln mit der Fähre aufs Festland zur Arbeit oder leben vom Öko- und Ethnotourismus. Autos können ja nicht herüber, es gibt nur eine einzige asphaltierte Straße auf der Insel, eine Art Versorgungsweg, den sie autobahn nennen, seit irgendein anderer Deutscher das Wort in Umlauf gesetzt hat. In alten verbeulten Ford Ecovans fahren sie die Touristen hin und her und erzählen ihnen von der schlechten alten Zeit.

Die sie ehren, indem sie weiter ihren moonshine brennen, den ich allerdings nicht verkrafte. Mein goldfarbener Glenlivet ist der einzige Luxus, den ich mir noch leiste.

Meine Aktien und Hedgefontpapiere sind in der Bankenkrise über den Jordan gegangen, und statt meine Schulden tilgen zu wollen, habe ich voriges Jahr das einzig Richtige getan: noch ein bisschen mehr davon gemacht, den Dispokredit von der Mastercard Gold bis auf den letzten Cent in Anspruch genommen und einen Billigflug nach Atlanta gebucht.

Wenn das nicht last minute war, weiß ich nicht, was last minute ist.

Eingemietet habe ich mich erst als Tourist, dann aber die Behauptung ausge­streut, ich sei ein Schriftsteller, der in Europa einen Namen habe, damit sie mich in Ruhe nicht schreiben lassen.   

Es gibt hier auf Sapelo noch eine andere Pseudoschriftstellerin. Eine alte Frau, die vor zwanzig Jahren einen autobiografischen Roman über ihre Kindheit hier herausgebracht hat, von dem man behauptet, jemand anderer habe ihn für sie geschrieben. Immerhin, manche Touristen kommen eigens ihretwegen. Aber sie sitzt in der Küche ihres Holzhauses wie alle anderen big mammas hier auch, und sie hat die Glotze an wie alle.

Eine andere hat mir neulich aus den Karten die Zukunft geweissagt. Es wäre zum Lachen, wenn es nicht zum Heulen wäre. Als ob ich eine Zukunft hätte. Ich hab sie dann gefragt, ob sie mir auch meine Vergangenheit weissagen kann, could you soothsay my past as well, aber sie hat geglaubt, ich mache mich über sie lustig, und wurde so zornig, dass ich ihr fünfzig Dollar extra geben musste, um sie wieder zu besänftigen. Tatsächlich wäre meine Vergangenheit aber vermutlich noch erheblich teurer zu bezahlen. Wenn sie mich finden, werden sie mich back in ole Germany vor Gericht zerren wollen, weil ich die Bank meines Großvaters zugrunde gerichtet habe.  

Sein Hut ist neben seinem Füller eines der wenigen Souvenirs aus meinem eigenen Leben, die ich mitgebracht habe. Ich habe den schwarzen Zylinder an einen rostigen Nagel auf der Veranda gehängt. Und wenn ich demnächst weiter nach Argentinien oder Brasilien muss, nehme ich ihn mit. Der Mensch braucht ja schließlich seine Geschichte. Der Rabe wird mir allerdings fehlen.

Rabengeschichte (Rafik Schami)

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Quelle: Quint Buchholz: BilderBuchBilder. Geschichte zu Bildern. München: Sanssouci 2004, S. 36-37, 40.