Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften

Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur

Der folgende Text stammt aus: Geißler, Karlheinz A. (2002): Wart´ mal schnell. Minima Temporalia. Stuttgart, Leipzig: S. Hirzel, S. 99/100.

Das (letzte?) Riesenfaultier 

Es war etwa Mitte des 18. Jahrhunderts, als die "Zeit" zum großen Thema wurde. Nicht mehr die Natur sollte weiterhin Zeitgeber sein, sondern der Mensch selbst. Aufklärung bedeutet, sich von den Bedingungen der Natur, und dabei speziell von den durch die Naturzyklen gesetzten Zeitmustern, zu befreien. Angesagt waren aktives Handeln, Arbeit, Initiative. Die Faulheit, der Müßiggang, wurden zu Feinden erklärt. Gegen sie richteten sich die energischen Kämpfe der Kirche, der Erziehung, des zu dieser Zeit aufkommenden Unternehmertums und der jeweiligen Regierungen. Auch die Wissenschaft trug ihren Teil dazu bei. Leclerc de Buffon, der Verfasser einer elfbändigen Naturgeschichte, die er in den Jahren 1750 - 1782 verfasste, lässt seiner nicht unbedingt sehr wissenschaftlich fundierten Abscheu gegen das Faultier freien Lauf:

Wo uns nämlich die Natur lebhaft, pulsierend und enthusiastisch erscheint, nämlich wenn sie Affen hervorbringt, so langsam, beschränkt und armselig ist sie es bei  Faultieren. Und wir müssen eher über die Erbärmlichkeit denn über die Faulheit sprechen, eher über die Unzulänglichkeit, Dürftigkeit und Schwäche ihrer Konstitution: kein Eck- oder Fangzahn, kleine und verdeckte Augen, ein dicker und plumper Kiefer, glattes Haar, das wie getrocknetes Gras aussieht ... zu kurze, schlecht geformte und unzureichend ausgestellte Beine ..., keine einzeln bewegliche Finger, aber zwei oder drei übermäßig lange Nägel. (...) Langsamkeit, Dummheit, Vernachlässigung des eigenen Körpers und sogar gewohnheitsmäßige Traurigkeit resultieren aus dieser bizarren und vernachlässigten Wesensart. Keine Waffen für Angriff und Verteidigung; keine Sicherungsmaßnahmen, keine Rettungschancen auf der Flucht; nicht auf eine Gegend beschränkt, sondern auf ein kleines Stückchen Erde - den Baum, auf dem es geboren wurde; ein Gefangener inmitten eines riesigen Raumes ... alles an ihnen bekundet ihr Elend; sie sind unvollkommene Anfertigungen der Natur, die, da sie kaum die Fähigkeit haben, überhaupt zu existieren, nur eine kurze Zeit bestehen können, um dann aus der Liste der Lebewesen gestrichen zu werden. (...) Diese Faultiere stellen den niedrigsten Begriff des Existenz im Reich der Tiere aus Fleisch und Blut dar. 

(Georges-Louis Leclerc de Buffon: Allgemeine Historie der Natur nach alles ihren besonderen Theilen abgehandelt. Hamburg und Leipzig 1750-1782.)

Notwendige Nachbemerkung

Inzwischen ist das langsamste aller Säugetiere, das Riesen-Faultier, ausgestorben. Es musste und sollte wohl aussterben, weil es nicht nur riesig war, sondern auch riesig faul. So etwas, das sich mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 0,1 km(h fortbewegte, darf die Moderne nicht überleben! Man hätte sich ja ein Beispiel an ihm nehmen können.

Schreibaufträge:

  1. Schreiben Sie eine Gegendarstellung zum Text vom Leclerc de Buffon.
  2. Verfassen Sie einen Nachruf auf das Riesenfaultier.
  3. Lassen Sie das Riesenfaultier erzählen, warum es aussterben musste. 
  4. Der Bund Naturschutz hat sich ein ehrgeiziges Projekt vorgenommen und eine Artenschutz-Zeitmaschine entwickelt, die es möglich macht, ausgestorbene Tierarten aus der Vergangenheit in unsere heutige Zeit zu holen und sie neu anzusiedeln. Allerdings bedarf es dabei der Zustimmung der Tier selbst. Die ersten, die angesprochen werden, sind die Riesenfaultiere.
    Entwickeln Sie einen Dialog zwischen einem engagierten Artenschützer, der die Riesenfaultiere unbedingt davon überzeugen will, mitzukommen, und einem nachdenklichen Riesenfaultier, das ganz genau wissen will, worauf es sich einlässt.

Das Faultier spricht (Julian Felix Mielke)

Ich bin das Faultier und sage dir Mr. Buffon
Was du machst ist fehlerhaft
Du hasst Lebewesen wie mich?
Ich hasse Spasten wie dich
Bezeichnest mich als armselig
Hast schon recht, ich bin arm und selig
Lebe auf meinem Baum, bin ein treuer Patriot geworden
Bei euch Menschen sind Patrioten fürs Vaterland gestorben
Sie wollten Ruhm, Macht, Geld, mehr und mehr
Hatten nie genug! Du schätzt mein Leben nicht? Ich lieb es sehr
Gefangen nennst du mich und meine Generation
Doch wer von uns braucht zum Leben Ziele und Motivation?
Und wer ist glücklich, nur auf dem Baum tagein tagaus?
Ich bin es, das Faultier, glücklich am Leben.
Ich nenn dich Gier, brauchst Haus und Geld, um erfolgreich zu leben
Hast schon recht, ich lebe in Frieden,
hab anstatt Waffen zum Angriff ein Herz zum Lieben
Kleinere Augen als du und doch seh´ ich mehr
Schönheit bedeutet für dich doch nur ne Villa am Meer
[Die Welt gehört mir, du siehst es nur nicht
Wenn wir uns sehen lach ich dir armselig ins Gesicht]

Warum ich aussterben musste (Tülin Umucu)

Leider musste ich aussterben, weil ich das Langsamste aller Säugetiere war. Ich war so langsam, dass ich immer ewig brauchte, bis ich am Ziel war. Die Faulheit und der Müßiggang waren meine Freunde, sogar die einzigen, die ich hatte. Aufgrund meiner Faulheit wurde ich immer langsamer. Jeder Schritt und jede Bewegung kosteten mich immer mehr Zeit. Mittlerweile, da es mich ja nicht mehr gibt, bereue ich alles sehr. Wäre ich doch nur aktiver gewesen. Hätte ich doch weniger gegessen, dann hätte ich auch nicht so zugenommen. Wie schön wäre es gewesen, wenn ich andere Tiere zu Freunden gehabt hätte.  In Gesellschaft wäre das Leben angenehmer gewesen als alleine. Leider ist das nun alles für mich vorbei: Aber ich habe aus meinen Fehlern gelernt, und das ist das Wichtigste. Falls ich noch einmal auf die Welt komme, dann werde ich alles ändern.

Das letzte Riesenfaultier (Christopher Striegel)

"Tja, jetzt hock ich hier, ganz alleine, verlassen, habe niemanden mehr auf der ganzen weiten Welt. Mein Baum, auf dem ich Tag für Tag verbringe, ist schon ganz schief, weil ich nunmehr der Einzige bin, der noch in seinem Geäst rumhängt. Ziemlich trostlos ist es in den letzten Jahren hier geworden. Immer, wenn ich meine müden Äuglein nach ein paar Wochen Schlummern aufgeschlagen habe, waren wir weniger. Die Anderen verschwanden in rasender Geschwindigkeit, zuerst wenige, vereinzelt, doch mit der Zeit immer schneller, immer mehr. Und warum? Nun, viele von ihnen kamen einfach nicht mehr klar. Die sich immer schneller drehende Welt hat ihnen den letzten Nerv geraubt. Wo gestern noch grüne Wiesen wuchsen oder rauschende Bäche flossen, stehen heute schmucke Einfamilienhäuser oder bundesdeutsche Vollsortimenter. Nicht, dass die Gebäude an sich gestört hätten. Die Menschen aber, die waren es, die meinen Artgenossen so zugesetzt haben. Immer auf dem Sprung, immer in Eile. Das packten viele nicht, haben's wie die Lemminge gemacht. Tragisch. Das wiederum stürzte deren Familien in so große Trauer, dass die kein Auge mehr zubekamen. Tod aus Schlafmangel - keine schöne Sache. Tja, und ich? Nun, ich bin der Letzte hier. Rosige Aussichten, was?"

Von Faultieren und Affen (Julia Hösl)

Wo uns die Natur besonnen, kraftvoll und überlegen erscheint, nämlich, wenn sie Faultiere hervorbringt, so unausgereift, krankhaft und verbesserungswürdig ist sie beim Affen. Hektisch durch denn Alltag scheuchend, stets unzufrieden mit sich und der Welt, steht sich diese Spezies stets selbst im Weg.

Weder Jäger noch Sammler, ist sie verzweifelt bemüht, den anderen Arten, wenn schon nicht gerecht zu werden, dann wenigstens überlegen zu sein. In inkompetenter Überaktivität, nach oben lächelnd und nach unten tretend, macht sie den eigenen Geist, den eigenen Körper krank und blickt neidvoll hinauf zum Faultier, dem König unter den Säugetieren. Weise und anmutig thront es über ihnen, mit sich und der Welt im Reinen, gesund und zufrieden, denn es hat verstanden, was noch nicht zu den Affen durchgedrungen ist: Ein kluges Pferd springt nicht höher als es muss.