Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften

Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur

Ankommen

Am ersten Tag ging es darum, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen, zur Ruhe zu kommen und, soweit es möglich war, abzuschalten. Bei einem Schreibspaziergang erkundeten die Reisenden das Dutzenthal, gemächlich Schritt für Schritt. Sie hielten inne, suchten sich ein lauschiges Plätzchen, ließen sich nieder, dachten nach  - und schrieben über das, was sie sahen und fühlten, über Zeit, Eile, Stress und Geschwindigkeit.

Schreibaufgabe: Stur die Straße lang und nichts denken…

Gehen Sie in aller Ruhe die Straße entlang:

„Stur die Straße lang und nichts denken…“

Gehen Sie möglichst langsam und setzen Sie jeden Schritt ganz bewusst. Halten Sie inne, wo Sie möchten, bleiben Sie stehen, rasten Sie, ganz nach Belieben. Denken Sie an nichts bzw. lassen Sie Ihren Gedanken freien Lauf. Wiederholen Sie ab und an (laut oder in Gedanken) die Worte: Stur die Straße lang.

Kommen Sie langsam zur Ruhe.

Lassen Sie los und begeben Sie sich auf eine Phantasiereise dorthin, wo Sie am liebsten sein möchten - weg vom Alltag, vom Studienstress und allen Verpflichtungen.

Halten Sie an und suchen Sie sich einen ruhigen Ort. Schreiben Sie einen Text Ihrer Wahl, der mit den Worten „Stur die Straße lang und nichts denken“ beginnt.

Wir freuen uns darauf, Ihren Text zu hören, zu sehen und zu lesen.

Fortkommen, abkommen, ankommen (Christopher Striegel)

Schon am Morgen lag drückende Hitze über der Stadt. Geschäftsleute trugen ihre Sakkos, wenn überhaupt, über dem Arm, Bauarbeiter hatten kurz nach Arbeitsbeginn bereits die vergilbten Unterhemden ausgezogen. Den gedrängt stehenden Menschen in den Autobussen klebten die Kleider an den Körpern, die Luft stand.
Und auch ihm hatte die eiskalte Dusche am Morgen keine wirkliche Abkühlung bringen können. Erschöpft trug er den sperrigen Koffer das enge Treppenhaus hinunter, genau Acht gebend, keine Schramme an die frisch gestrichene Wand zu machen. Das Auto war schnell beladen, er hatte nicht viel Gepäck. Irgendwann konnte er den dichten Berufsverkehr, dessen sonores Dröhnen ihm schon nach kurzer Zeit Kopfschmerzen bereitete, hinter sich lassen.
Er glaubte, den Weg zu kennen, und wunderte sich erst dann, als er so oft an Kornfeldern vorbei und über dicht bewaldete Hügel hinweg gefahren war, dass die ursprünglich eingeplante Reisezeit schon weit überschritten wurde. Er fuhr langsamer, die Straße wurde unwegsamer, der Wald, in den er nun schon vor geraumer Zeit gekommen war, immer dichter. Häuser, andere Fahrzeuge oder gar Menschen hatte er schon lange nicht mehr gesehen.
Er hielt an, stieg aus.
Kühl war der Wald, aber die Erleichterung über die eigentlich willkommene Erfrischung vermochte er nicht zu empfinden. Seine Füße sanken ein Stück in den schlammigen Untergrund ein, es musste wohl geregnet haben. Sein Blick streifte wie zufällig über die Reifen, die sich ihrerseits auch nicht ungefährlich tief in den morastartigen Waldboden eingegraben hatten. Schnell stieg er ein, startete den Motor, koordinierte behutsam, aber nicht minder energisch Kupplung und Gaspedal, versuchte, den Wagen zu wenden, indem er rückwärts in einen abzweigenden Waldweg einscherte. Die Räder fanden kaum Halt, drehten durch, bewegten das Fahrzeug schließlich aber doch, gerade genug, um das Wendemanöver zu ermöglichen. Verkrampft umklammerte er mit schweißnassen Händen das lederne Lenkrad. Er atmete tief durch, das Ende des Waldes - oder vielmehr dessen Anfang - war in Sicht.
Wenig später entdeckte er es endlich: Das von Brennesseln fast gänzlich überwucherte Schild, das auf sein Ziel hinwies. Staubig war die Straße, und steinig. Nur langsam kam er voran, doch schon wenige Augenblicke später tauchte das eindrucksvolle Wasserschloss, umringt von Bäumen, Seen und Feldern, vor ihm auf. Ruhig und friedlich war der Ort, kein Motor brummte, kein nervöses Hupen und keine dröhnenden Sirenen von Krankenwägen und Polizeiautos. Das erste Mal erlebte er Stille nicht als seltsam fremdartig, sondern als willkommen. Sie bannte seine Aufmerksamkeit - freiwillig - viel mehr als es der Lärm der Stadt zwanghaft zu tun vermochte. Er atmete tief durch, sog die warme, aber nicht schwere Luft in seine Lungen ein, schloss die Augen, genoss.
Überlegen musste er nicht lange, um zu lächeln.

Reisen (Christopher Striegel)

Früh am Morgen brach er auf, der überstürzt gepackte Koffer stand schon am Vorabend bereit. Leise fiel die Tür ins Schloss, das Treppenhaus lag im Dunkeln. Licht brauchte er nicht, denn er kannte die Stufen, nur zu gut kannte er sie. Überstürzt war die Reise, doch niemals unvorhergesehen. Es war klar, dass sie kommen würde.

***

Schon oft war er dort, und doch war es jedes Mal neu, wenn er den feinen Sand des Strandes unter seinen Füßen spürte. Auch das Rauschen des Meeres hatte nie seine Gedanken verlassen, und doch glaubte er bei seiner Ankunft, es noch nie gehört zu haben. Immer anders, immer neu. Doch immer gut.

***

Abseits der Wege lag die Herberge, inmitten von Wäldern, Feldern und Wiesen. Wäre man allein, hätte man Angst. Besonders bei Nacht, wenn das Zirpen der Grillen laut und der Ruf des Uhus bedrohlich ist und wenn morbid aussehende Nachtfalter in fest geknüpften Spinnennetzen ums Überleben kämpfen. Doch zum Glück ist man nicht allein, und es schön, diesmal nicht allein zu sein.

***

Oft fühlt man sich fremd, kehrt man nach einer Reise nach Hause zurück. Zufrieden festzustellen, dass man endlich wieder zuhause ist, erst das macht das Reisen überhaupt erlebenswert.   

Stur die Straße lang und nichts denken… (Julia Hösl)<//span>


Ab heute werde ich mich wohlfühlen in meiner Haut.

Er verlagert sein Gewicht; mit der linken Hand fährt er sich durch die Haare, Daumen und Zeigefinger der Rechten berühren kaum das Lenkrad. Er merkt, dass er mit den Zähnen knirscht; ganz bewusst entspannt er seine Gesichtsmuskeln und bemüht ein schwaches Lächeln. Es misslingt. Wenn er seine Brille nicht auf der Kommode hätte liegen lassen, müsste er die Augen nicht so zusammenkneifen und der Gegenverkehr wäre für ihn heute Nacht kein Meer aus Irrlichtern. Er blendet kurz auf, kein Fluch kommt über seine Lippen und der Idiot auf der anderen Straßenseite macht das Fernlicht aus. Für kurze Zeit ist die Welt noch unschärfer als sonst. Und die Geräusche erscheinen lauter.

Stur die Straße lang uns nichts denken.

Sein Magen fängt wieder an zu rebellieren. Er hatte wirklich gehofft, wenigstens dieses Leiden würde ihm heute Abend erspart bleiben.

Ich hasse dich.

Der LKW hat keine Zeit zu bremsen, als es das Lenkrad herumreist, doch die Frau am Rücksitz ist endlich still.

Erste Gedanken (Tülin Umucu)

Diese Umgebung beruhigt mich sehr. Hier fühle ich mich wohl… Ich höre Vögel zwitschern, ganz leise. Jeder Vogel für sich. … Ich könnte laufen, einfach los. Es ist überall grün, Grün, die Farbe der Hoffnung. … Der Wunsch entsteht in mir, hier zu leben. … Ich bin etwas weiter gelaufen… Niemand kann diese Ruhe hier stören, niemand. Die bleibt – sie bleibt. …