Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften

Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur

Andere Dutzenthaler Geschichten

1. Verwandlungen einer Geschichte: Stadtbesetzung (Wolfgang Bächler 1982)

Schwarze Wälder belagern die Stadt, haben sie lautlos umzingelt. Längst haben sie Vorposten an die Einfallsstraßen gestellt, Spähtrupps, Vorhuten, Fünfte Kolonnen bis in den Stadtkern geschickt. Jetzt dringen sie nachts in die Vororte ein, schlagen sie Breschen in Villenviertel, stoßen an die Ufer des Flusses, die Böschungen der Kanäle vor und säumen alle Gewässer ein.
Pappelkolonnen sperren die Straßen ab, gliedern die Alleebäume ein, schließen zu dichteren Reihen auf, marschieren im Gleichschritt weiter. Tannen und Eschen befreien Gefangene in den Gärten und Parks, Friedhöfen und Hinterhöfen, Eichen und Buchen besetzen die Kreuzungen, Knotenpunkte, die großen Plätze, verbrüdern, verschwistern sich mit den Ulmen, Linden, Kastanienbäumen, sprengen die Ketten der parkenden Autos, drängen die Baumaschinen, Bauzäune, Grundmauern, Gerüste, Geländer zurück, schlagen Wurzeln in Gruben und Gräben.
Fichten umstellen die Amtsgebäude, das Rathaus, den Rundfunk, den Bahnhof, die Polizeiinspektion, Gerichte, Gefängnis, das Arbeits- und das Finanzamt. Die Pappelfront hat die Kaserne erreicht, verteilt sich um die Gebäude. Ahornbäume füllen die Lücken, schreiten durchs Tor in den Hof. Machtlos klettern die Wachen mit ihren Gewehren die Äste hinauf in die Kronen, sehen vor lauter Bäumen die Stadt nicht mehr.
Geräuschlos, kampflos, ohne Verluste haben die Wälder die Stadt besetzt, erobern sie Heimatboden zurück, besiegen sie Steine, Stahl und Beton, verdrängen Verdrängte ihre Verdränger.

Schreibaufgaben: Schreibe zu diesem Text wahlweise 

  • eine Traumerzählung: Du hast die Stadtbesetzung geträumt und erzählst deinen Traum.
  • ein Kapitel eines Kriminalromans: Die Geschichte ist Teil der Krimihandlung.
  • einen Zeitungsartikel: Eine Zeitung einer anderen Stadt berichtet mit großer Schlagzeile ausführlich.
  • einen amtlichen Brief: Der Oberbürgermeister beruhigt den Regierungspräsidenten in der 100 km entfernten Regierungshauptstadt.
  • einen fantastischen Brief: Du bist einer der Bäume und schriebest an einen Baum in einem anderen Wald.
  • einen privaten Brief : Du schreibst einem Brieffreund/einer Brieffreundin von dem Geschehen.
  • einen Tagebucheintrag (du schreibst über mehrere Tage hin in dein Tagebuch, wie du
    die Stadtbesetzung erlebst).

Verwandlungen einer Geschichte 1 (Sven Heublein)

An den Regierungspräsidenten
der Regierung von Unterbayern
Dr. Stefan Frank

80333 Oberberg

Sehr geehrter Herr Regierungspräsident,
lieber Herr Dr. Frank,

heute darf ich mich in einer für die Stadt Unterberg bedeutenden Angelegenheit an Sie wenden. Unsere schöne Stadt wird seit heute von Bäumen terrorisiert. Nicht nur, dass sie die öffentlichen Verkehrsmittel sowie den Individualverkehr behindern, ja, sogar zum Erliegen gebracht haben, nein, sie haben die meisten öffentlichen Gebäude besetzt. Das Gericht, das Krankenhaus, mein Rathaus, die Feuerwehr und die Polizei sind in der Gewalt der Bäume.

Ich kann mir vorstellen, dass die Grünen hinter all dem stecken: Sie predigen seit Jahren, dass wir weniger Flächen versiegeln sollen, um der Natur mehr Raum zu geben.

Ich frage Sie nun, wie wir weiter vorgehen sollen. Die öffentliche Ordnung muss wiederhergestellt werden, koste es, was es wolle.

Mit besten Grüßen

Gerhard Müller
Oberbürgermeister 

Verwandlungen einer Geschichte 2 (Astrid Taggeselle)

Meine Liebe,

heute erhältst du eine kurze Nachricht von mir. Nicht böse sein, aber mir bleibt wenig Zeit, ehe sie auch den Weg zu mir finden werden. Du weißt noch gar nichts, stimmt`s? Ich springe in meinen Gedanken, es geht nicht anders.

Letzte Nacht sind wir von einer Armee überrannt worden, und seitdem ist Krieg. Du hörst richtig. Die grüne Armee ist eingefallen und hat alles zerstört. Straßensperren aus aufgeplatztem Asphalt über Birkenwurzeln. Baumhohe Äste, die uns aus den Häusern holen. Furchtbar. Der Himmel stockdunkel, schwarz von verkrüppelten Zweigen, die umherpeitschen und nichts als Angst und Furcht verbreiten. Die Stadtgrenze existiert nicht mehr und grüne Schwärze beherrscht uns. Und scheint für immer zu bleiben.

Noch sind wir wohlauf...

Besorgte Grüße
W.

Verwandlungen einer Geschichte 3 (Julia Hösl)

Das souveräne Lächeln des Nachrichtensprechers wirkt amerikanischer denn je. Schweiß steht auf seiner Stirn. Der Mann schwitzt.

Der Ausdruck seiner Augen verändert sich nicht, als sein Zahnpastastrahlemund langsam und bedächtig folgende Worte spricht:

Liebe Zuschauer, ich versichere Ihnen, dies ist kein Aprilscherz. Es handelt sich hierbei um tatsächliche Geschehnisse, unsere Redaktion hat die Fakten gründlich geprüft.“

Er wirkt so hilflos. Was er sagt, muss er sich abringen, die Wörter kommen gepresst und monoton aus seinem Mund. Er scheint Luft zu holen. Anlauf zu nehmen.

Neben seiner gegelten Frisur poppt jetzt das Bild eines Waldes auf. Etwas daran ist falsch.

Schwarze Wälder belagern die Stadt, haben sie lautlos umzingelt. Längst haben sie die Vorposten an die Einfallstraße gestellt, Spähtrupps, Vorhuten, Fünfte Kolonnen bis in den Stadtkern geschickt. Jetzt dringen sie in die Vororte ein, schlagen die Breschen in Villenviertel, stoßen an die Ufer des Flusses, die Böschung der Kanäle vor und säumen alle Gewässer ein.“

Amateur-Videoaufnahmen untermalen den barock-schwülstig anmutenden Monolog des Sprechers. Ich denke sofort an ‚Herr der Ringe’. Das Bild der marschierenden Ents ist deutlich in meinem Kopf.

Pappelkolonnen sperren die Straßen ab, gliedern die Alleebäume ein, schließen zu dichteren Reihen auf, marschieren im Gleichschritt weiter. Tannen und Eschen befreien Gefangene in den Gärten und Parks, Friedhöfen und Hinterhöfen. Eichen und Buchen besetzen die Kreuzungen, Knotenpunkte, die großen Plätze, verbrüdern, verschwistern sich mit den Ulmen, Linden, Kastanienbäumen, sprengen die Ketten parkender Autos, drängen die Baumaschinen, Bauzäune, Grundmauern, Gerüste, Geländer zurück, schlagen Wurzeln in Gruben und Gräben.“

Ich drehe den Kopf zum Fenster und ärgere mich schon in der nächsten Sekunde über meine eigene Dummheit.

Geräuschlos, kampflos, ohne Verluste haben die Wälder die Stadt besetzt, erobern sie Heimatboden zurück, besiegen die Steine, Stahl und Beton, verdrängen Verdrängte ihre Verdränger.“

Es ist einer dieser Momente, in denen es sehr schwer fällt den Fernseher auszumachen. Es bereitet fast schon körperliche Schmerzen, aber der Verstand obsiegt. Ich habe mir vorgenommen weniger zu fluchen, daher lege ich möglichst viel Abscheu in das Wort „Privatsender“, bevor mein Daumen den roten Knopf drückt.

2. Surrealistisches Schreiben

Schreibaufgabe: Beim Surrealistischen Schreiben geht es darum, ohne Pause fünf Minuten lang ununterbrochen zu schreiben und dabei nach Möglichkeit alle Gedanken, die einem während dieser Zeit durch den Kopf gehen, ungefiltert zu notieren. Grammatik, Inhalt oder Rechtschreibung sind nicht relevant.

Thomas Reinlein hat folgenden surrealistischen Text verfasst:

Fliegen in den Urlaub in die Freiheit ins Wasser überm Wasser über dem Mist. Was klappert? Motorengeräusch. LLLLLLLLLLLLLLLL so viele llls und nichts weiter. Weiter schreiben über´s Fliegen. Muss nicht sein. Ich könnte auch über die wackelige Bank hier am Feuerplatz schreiben. Oder die Schwierigkeit , schnell fünf Minuten lang über Fliegen zu schreiben. Hausfliegen, Stubenfliegen, Stechfliegen, aber die heißen eigentlich Mücken – „Muggen“ auf fränkisch. Ist schon schön in Franken. Hier im Dutzenthal mit einem Dutzend Personen. Is ja witzig! Die Bank wackelt schon wieder. LLLLLL Schon wieder die Ls. LLLLLLLLL. Stifte klappern. Bin ganz zufrieden mit meinem ´s move Stift. Moved gut über´s Papier. Kopf juckt. Waschen nicht kratzen. Ein bisschen müde – „Die Vögel“. Witziger Film – Klassiker. Ein bisschen klassische Musik im Hintergrund wäre jetzt auch ganz nett.

Thomas Reinlein

Fliegen… hier gibt es so viele Fliegen … mensch die nerven mich  diese komischen Viecher… wirklich so oder doch anders… nur noch wenige Minuten was könnte ich denn sonst noch alles schreiben …

Tülin Umucu

3. Sieben Jahre

Ausgangspunkt des Textes von Julia Hösl war das Gedicht von Mascha Kaléko (aus: Mascha Kaléko: Verse für Zeitgenossen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2007, S. 10):

Alle 7 Jahre (Mascha Kaléko)

In den weisen Büchern habe ich gelesen:

Alle sieben Jahre wandelt sich dein Wesen.

Alle sieben Jahre, merket, Mann und Weib,

Wandelt sich die Seele, wandelt sich der Leib.

Wandelt sich dein Hassen, wandelt sich dein Lieben.

Und ich zählte heimlich: drei Mail, vier Mal sieben.

Ach, die Geister kamen. Und mein Ohr vernimmt:

Alle sieben Jahre ... Siehe da, es stimmt.

Sorgenvoll betracht ich alle Liebenpaare.

Ob sie es wohl wissen: Alle sieben Jahre ...!

Selbst in deinen Armen fragt mein Schatten stumm:

Wann sind wohl, Geliebter, unsre sieben um?

Sieben Jahre (Julia Hösl)

Sieben Jahre geben sie uns.
Ich weiß, das ist ein perverser Gedanke.
Wer, sag mir, hält es heutzutage denn noch so lange aus? 

Gegenargumente,
schöne Formulierungen,
Wortwitz,
der Versuch zu überzeugen –
all das ist das Papier nicht wert.

Nach einem Jahr werde ich alle deine Macken kennen
und was dich einst so einzigartig machte,
geht mir jetzt tierisch auf die Nerven.
Ich weiß, eine altbekannte Weisheit,
deshalb aber nicht weniger wahr.

Nach dem zweiten Jahr werde ich gelernt haben
dich zu ertragen
und jetzt wirst du dir die Frage stellen,
warum du eigentlich mich ertragen solltest.
Wenn du mich fragst,
der Knackpunkt an der ganzen Sache.

Das dritte Jahr dagegen könnte sich interessanter gestalten,
denn spätestens dann sollte uns beiden klar sein,
was wir da tun. 

Im vierten Jahr
wird uns auch klar,
auf was wir zusteuern.

Was im Fünften sein wird,
kannst du dir denken,
das weiß ich,
und ich werde es auch nicht aussprechen,
denn das ganze Thema ist mir eigentlich ziemlich unangenehm,
und mir wäre es sowieso lieber,
wenn wir das jetzt beenden könnten
und weitermachen würden wie bisher.

4. Zeitzeichen (Astrid Taggeselle)

 „Du liebe Zeit“, sprach die Zeit, als sie auf ihre Uhr sah und bemerkte, dass der Sekundenzeiger nicht mehr zu sehen war und hinter ihm der Minuten und Stundenzeiger hinterherrasten.

Beide umrundeten das Ziffernblatt in wilder Hast, ohne sich darum zu kümmern, dass ihre Aufgabe in dieser Zeit darin bestand, die Zeit zuverlässig anzuzeigen. Die Zeit war über diese Regelübertretung sehr bestürzt, da sie ohnehin in labiler Verfassung über die Tatsache war, ob und wie sie richtig gemessen wurde. Oder noch schlimmer, was sie nach philosophischer Auffassung überhaupt sei. Sie versuchte, die Zeiger zur Räson zu bringen, in dem sie ihnen den Arbeitsvertrag vorlegte, den beide zu erfüllen hatten, und zwar als Teamwork.  Allerdings änderte sich nichts, da beide unkündbar waren, denn an ihnen, so glaubten sie, hinge die Planbarkeit der Menschen.

Die Zeit zeigte ihnen auf, was mit den Menschen passierte, die erschrocken auf die rasenden Zeiger schauten und panisch ausriefen: „Oh je, schon so spät! Oder: „Ich komme zu spät!“ Oder noch vorwurfsvoller reagierten und ihre Mitmenschen anschrien: „Konntest du mir nicht sagen, dass es schon so spät ist?“ Am schlimmsten fand die Zeit aber, wenn Menschen hörten: „Leider sind sie zu spät gekommen.“

Nichts half beim Umgang mit den Zeigern. Auch nicht der Verweis, dass die Menschen langsam begriffen hatten, was sie hetzte und sich immer öfter eine Auszeit gönnten. Die Zeiger spotteten und lachten die Zeit aus, währenddessen sie weiter rasten.  Die Zeit aber kam bei einem ihrer Ausflüge an einem Uhrengeschäft vorbei und beschloss spontan, sich eine Digitaluhr in der Hoffnung zu kaufen, zu Zahlen statt Zeigern ein besseres Verhältnis zu haben.

5. Fantasy (Julia Hösl)

Sie rannte.

Der Regen rauschte hernieder, peitschte ihr ins Gesicht, wühlte in den Blättern und donnerte laut prasselnd auf die Erde. Ein Blitz zerschnitt die nächtliche Dunkelheit und erhellte einen Atemzug lang die Landschaft. Sie zwang sich ins Licht zu schauen. Niemand zu sehen. Für diesen Moment. Nur Bäume, alles voller Bäume - sie war eingeschlossen. Keuchend lehnte sie sich an einen Baumstamm, vorsichtig, sich schützend über das Kind in ihren Armen beugend. Sie wusste nicht, ob der Lärm der Nacht seinen Schrei verschlucken würde. Sie wollte es auch nicht darauf ankommen lassen. Sie schluckte, versuchte dem Kind ein paar beruhigende Worte zu schenken, doch ihre Kehle war zu trocken, sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Das Baby machte keine Anstalten zu schreien, es war ganz ruhig, fast friedlich schaute sie es an, aus großen traurigen Augen, als wolle es sie beruhigen. Mit geschickten Händen wickelte sie es tiefer in ihre Gewänder. Doch sie durfte nicht hier stehen bleiben, sie musste weiter. Sie versuchte sich zu konzentrieren, zwischen dem Regen, dem Wind, den Bäumen und in der Dunkelheit einen Weg zu erkennen. Sie hastete weiter so gut sie konnte.

Wie oft war sie schon in diesem Wald gewesen, bei Tag und bei Nacht, eigentlich sollte sie den Weg schon mit geschlossenen Augen finden können. Doch heute war etwas anders. Der Wald war anders.

Donner grollte laut und voll über dem Land. Der Regen nahm zu.

Plötzlich riss sie herum, fast wäre sie in den Schlamm gefallen, als sie unerwartet auf einer Straße stand. Sie glaubte, in der Ferne ein Gebäude zu erkennen. Es war fast geschafft, sie durfte jetzt, so kurz vorm Ziel, nicht besiegt werden. Sie wurde still, ihr Keuchen wurde flacher. Sie hörte sie.

Es war vorbei.

Ein Schatten schnellte aus der Nacht heran, auf sie zu, an ihr vorbei. Sie blinzelte, Lichtpunkte vor ihren Augen, ein Gefühl der Schwäche umflatterte ihren Geist. Sie bemühte sich wieder aufzustehen, sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie gefallen war. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, schmerzverzerrt, die Grimasse einer Verrückten. Sie lachte schallend auf. Jetzt nur nicht ohnmächtig werden! Sie würde nicht kampflos sterben. Ihr Lachen wurde lauter, der Schmerz verschwand, verließ sie für immer.

Der Schatten kam zurück, viele Schatten kamen. So viele. Sie tat etwas, was sie schon lange nicht mehr getan hatte: Sie wehrte sich. Mit Händen und Füßen, mit Nägeln und Zähnen, wie ein Tier. Und der Schatten schrie. Er schrie fürchterlich. Und dieser Schatten kam nicht wieder. Ein letztes Auflachen. Stolz. Sie hätte niemals gedacht, dass sie einmal auf diese Weise gehen würde. Hilflos. Schwach. Aber ohne Angst, furchtlos, vollkommen frei. Ein letzter Blitz. Ein letztes Donnergrollen. Und dann kamen sie.

Und sie wurden gebührend empfangen.