Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften

Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur

Aufbau von Lesekompetenz durch Lesepaten

Leseförderung ist eine wichtige Aufgabe des Deutschunterrichts - dies ist den meisten Lehrkräften und Studierenden bekannt und das nicht erst seit dem Pisa -Schock 2001. Doch wie genau sich eine gezielte Leseförderung im unterrichtlichen Alltag gestalten lässt- diese Frage ist für viele schon sehr viel schwieriger zu beantworten. Und genau hier setzt das Projekt "Aufbau von Lesekompetenz durch Lesepaten" an. Untersuchungen zur Lesekompetenz von Schülerinnen und Schülern haben gezeigt, dass eine ausreichende Leseflüssigkeit die notwendige Basis für den Aufbau von Lesekompetenz darstellt. In der schulischen Praxis wird jedoch dieser Aspekt vielfach übersprungen, während man versucht, durch verschiedene leseanimierende Projekte (z. B. Lesenächte, Autorenlesungen, Bibliotheksbesuche, etc.) die Schülerinnen und Schüler zum Lesen zu motivieren.

Leseanimierende Verfahren helfen schwachen Lesern jedoch gerade nicht, den Teufelskreis, in den sie durch mangelhafte Leseflüssigkeit geraten, zu durchbrechen. Ungenügende Leseflüssigkeit hat zur Folge, dass beim Lesen nicht genug verstanden wird. Dadurch können schwache Leser dem textbasierten Unterricht nicht in ausreichendem Maß folgen, sie entwickeln ein negatives Selbstkonzept als Leser und haben keine Motivation zu lesen, Lesen wird nicht als gewinnbringend erlebt, die Leseflüssigkeit bleibt mangelhaft... 

Was ist Leseflüssigkeit und warum ist sie so wichtig? 

Die Brückenhypothese: Leseflüssigkeit stellt eine Brücke zwischen dem mühsamen Entziffern von Schrift, Buchstabe für Buchstabe, und dem Verstehen eines Textes dar. Aber: Flüssiges Lesen an sich schafft kein Verständnis! Es entlastet jedoch das Arbeitsgedächtnis, so dass die Aufmerksamkeit auf die Prozesse gelegt werden kann, die für ein Verständnis zentral sind: Schlüsse ziehen, Zusammenhänge herstellen, Vorhersagen treffen, Widersprüche auflösen oder Sachverhalte neu interpretieren.

Leseflüssigkeit besteht aus folgenden Faktoren: 

1.) das genaue Dekodieren von Wörtern,

2.) die Automatisierung der Dekodierprozesse,

3.) eine angemessene Lesegeschwindigkeit,

4.) die Fähigkeit zur sinngemäßen Betonung des gelesenen Satzes (ausdrucksstarkes Vorlesen).

Durch das sogenannte Lautleseverfahren, bei dem ein kompetenter Leser als Tutor gemeinsam mit dem schwachen Leser einen Text mit angemessenem Schwierigkeitsgrad laut liest, kann die Leseflüssigkeit verbessert werden. Der Tutor fungiert dabei als Lesevorbild, er hilft beim Erlesen schwierigerer Wörter, korrigiert eventuelle Lesefehler und achtet auf eine korrekte Betonung und Satzmelodie. 

Das Lesepaten-Projekt

Im Sommersemester 2014 haben sich 26 Lehramtsstudierende jede Woche in der Heidelsteigschule eingefunden, um mit den Schülern der zwei ersten Klassen zu lesen. Jeder Schüler hat einen Lesepaten an die Seite bekommen. Ziel war es, durch die regelmäßige Übung mit einem kompetenten Lesevorbild die Leseflüssigkeit zu steigern. Bei jeder Übungseinheit wurde die Lesegeschwindigkeit der Schüler in gelesenen Wörtern pro Minute gemessen. Dies erwies sich als sehr motivierend für die Schüler, so konnten sie erfahren, dass das intensive Lesetraining mit den Studierenden tatsächlich wirksam ist. Die Anzahl der gelesenen Wörter pro Minute stieg von Übungseinheit zu Übungseinheit kontinuierlich an.

Darüber hinaus erlebten die Schüler die enge Zusammenarbeit mit den Studierenden und die damit verbundene individuelle Betreuung als sehr positiv. Ihnen stand stets ein Ansprechpartner für ihre Fragen und Probleme zur Seite.

Aber auch die Studierenden erlebten diesen intensiven Kontakt mit den Schülern durchweg als gewinnbringend. Sie erhielten Einblick in den schulischen Alltag der Schüler und konnten direkt erfahren, wie sich der Eintritt in die Welt von geschriebener Sprache und Literatur bei den einzelnen Schülern gestaltet. Zudem war es für die Studierenden eine wichtige Erfahrung, ihr im Studium erworbenes Wissen auch einmal anzuwenden. Eine Studentin fasste diese Erfahrung wie folgt zusammen: „Jetzt weiß ich wieder, wofür ich studiere“ .