▼ SPOT: Deutsche Sprachminderheiten weltweit kontrastiv – Fallstudien, Methoden und Korpora

kuni spricht mit Dr. Angélica Prediger

Fortgeschrittene Nachwuchswissenschaftlerinnen sollen als Veranstalterinnen einer Tagung ins Rampenlicht des wissenschaftlichen Diskurses gerückt werden. Mit einer innovativen, fachspezifischen und öffentlichkeitswirksamen Tagung kann so eine Förderung und Vernetzung stattfinden. Gerade für nicht-festangestellte Nachwuchswissenschaftlerinnen ist es wichtig sich in ihrem Fachgebiet weiterzuentwickeln und sich so wichtigen Input zu ihren Forschungsinteressen erhalten. Diesmal sprechen wir mit Doktorin Angélica Prediger über ihre Tagung mit dem Titel „Deutsche Sprachminderheiten weltweit kontrastiv: Fallstudien, Methoden und Korpora“.


1. Könnten Sie uns bitte kurz den Schwerpunkt Ihrer Tagung vorstellen?

Die Tagung stellt die deutschen Sprachminderheiten weltweit kontrastiv ins Zentrum. Auf unserer Tagung werfen wir Licht auf die Sprecher*innen von folgenden Varietäten: Wolgadeutsch in Argentinien, Namdeutsch in Namibia, Hunsrückisch und Pommerisch in Brasilien, Texasdeutsch und Pennsylvaniadeutsch in den USA, deutsche Varietäten in Samoa, Kanada und Chile, Walserdeutsch, Mócheno, Cimbrian und Hutterisch in Italien, pidginisierte und kreolisierte Varietäten wie Tok Pisin in Papua-Neuguinea und Unserdeutsch in Australien, oft im kontrastiven Vergleich mit Sprecher*innen anderer deutschen Varietäten oder Kontaktsprachen aus der Umgebung oder sogar aus anderen Ländern. Ziel dieser Tagung ist es, einen Austausch zu Forschungsfragen, methodischen Schritten und Korpora bei der Untersuchung dieser deutschen Minderheitensprachen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu ermöglichen.

 

2. Was ist das Neue an Ihrer Tagung bzw. Welchen Erkenntnisgewinn erhoffen Sie sich?

Das Neue an dieser Tagung ist die Präsentation von kontrastiven und multiperspektivischen sprachlichen Analysen. Es werden Forschungen vorgestellt, in denen sprachliche Phänomene in zwei oder mehr Varietäten des Deutschen aus unterschiedlichen Umgebungen, oft sogar aus unterschiedlichen Ländern, kontrastiv untersucht werden. Als Beispiele lassen sich die Untersuchung der Nominalphrasen im Deutschen in Namibia im Vergleich zum Deutschen in den USA oder die Auswirkungen von Sprachpolitik und Sprachideologie auf Sprachkontaktphänomene in Kanada im Vergleich zu denen in Papua-Neuguinea nennen. Wie anhand dieser Beispiele bereits zu erkennen ist, werden bei der Tagung sowohl strukturelle Aspekte als auch die dynamischen Relationen zwischen Identität, Genderrollen, Sprachpolitik und Sprachkontakt auf der einen Seite und Variation, Wandel, Verlust und Bewahrung von Sprachen auf unterschiedlichen Ebenen auf der anderen Seite untersucht.

 

3. Könnten Sie bitte kurz Ihren Forschungsschwerpunkt vorstellen? 

Mein Interesse liegt in der Untersuchung der Grammatik, insbesondere der Syntax der deutschen Sprachminderheiten im Kontakt zum Spanischen und zum Portugiesischen in Lateinamerika im Vergleich zu den deutschen Varietäten im Kontakt zum Englischen in Nordamerika und diese wiederum im Vergleich zu älteren Entwicklungsphasen des Deutschen in Deutschland, wie z. B. Mittelhochdeutsch und Althochdeutsch. Für die geplante Analyse werden derzeit zwei Korpora aufgebaut: ein Korpus, das aus schriftlichen Daten besteht, und zwar aus deutschsprachigen Briefen und Tagebüchern aus Lateinamerika und Nordamerika, und ein Korpus aus gesprochenen Daten, das aus semistrukturierten Interviews, biographischen Videos und freien Gesprächen besteht. Das Baylat-Projekt Internationales Netzwerk zur öffentlichkeitswirksamen wissenschaftlichen Aufbereitung der Schriftzeugnisse deutscher Sprachminderheiten in Argentinien soll die Erhebung von Schriftzeugnissen und Interviews im argentinischen Deutschen auf einer Feldforschungsreise jetzt im März deutlich ergänzen.

 

4. Welche Herausforderungen haben Sie sich in der Vorbereitung der Tagung stellen müssen?

Eine wichtige Herausforderung bei dieser Tagung war es, zum ersten Mal die Führungsposition in der Organisation einer Tagung zu übernehmen, was mit sich viel Verantwortung bringt und erfordert, dass man wirklich alles immer im Blick hat. Gleichzeitig musste ich auch das Gleichgewicht finden und lernen, bestimmte Aufgaben aufzuteilen, wie z. B. die Buchung der Gaststätte, die Erstellung der Teilnehmerlisten oder die Begutachtung der Abstracts. Heute fühle ich mich gut vorbereitet für egal welche Tagung in der Zukunft.

 

5. Gibt es einen Gast der Tagung auf den*die Sie sich am meisten freuen?

Nein, ich freue mich sehr auf die Teilnahme alle Vortragenden und Besucher*innen. Es ist mir eine große Ehre, Gäste aus den USA, Brasilien, Schweden, Italien, Niederlande, Österreich, Schweiz, Deutschland, Spanien u. a. für einen Vortrag oder als Besucher*in hier empfangen zu dürfen.

 

6. Welche Türen haben sich für Sie durch diese Förderung der Frauenbeauftragten geöffnet, die sich ohne diese Förderung für diese Tagung nicht hätten öffnen können?

Dank der Förderung dieser Tagung ist es mir möglich, heute zu sagen, dass ich jetzt viel Erfahrung in der Organisationsleitung einer internationalen Veranstaltung mitbringe und mit unterschiedlichen Wissenschaftler*innen bspw. in Deutschland, Österreich, in der Schweiz, Italien, Schweden, in den USA und Brasilien vernetzt bin. Außerdem werde ich den zweiten Sammelband zu einer Tagung organisieren. Diese Aspekte verstehe ich als einen großen Gewinn für meinen Lebenslauf.

 

7. Mit Hilfe der SPOT Förderung wollen die Frauenbeauftragten Sie als wissenschaftliches Vorbild bekannt machen. Gab es für Sie Vorbilder oder Menschen, die Sie in Ihren wissenschaftlichen Vorhaben inspiriert oder bestärkt haben?

Ja, es gibt drei Personen, die mich am meisten inspiriert haben: Prof. Renata Szczepaniak hat mich als wie ich aus einem anderen Land kommende Frau durch ihre Kompetenz als Professorin sehr inspiriert, in der Wissenschaft in Deutschland eine Möglichkeit für meine Weiterentwicklung in Lehre und Forschung zu sehen und damit an die Gestaltung meiner Karriere in Europa zu glauben. Eine andere Person, die mich hier in Deutschland inspirierte – durch die Mitwirkung bei der Organisation einer Tagung in Eichstätt, bei der Herausgabe eines Sammelbandes und bei der Organisation einer Feldforschungsreise in den deutschsprachigen Gebieten Brasiliens –, ist Prof. Sebastian Kürschner (KU Eichstätt). Die dritte Person ist Prof. Cléo Vilson Altenhofen (UFRGS Porto Alegre), mein ehemaliger Doktorvater aus Brasilien, der mich vor allem inspirierte, in die Erforschung der deutschen Sprachminderheiten zu investieren.

 

8. Was würden Sie Studentinnen raten, die sich für eine wissenschaftliche Tätigkeit interessieren?

Haben Sie ein Ziel und glauben Sie an sich selbst. Nehmen Sie alle wissenschaftlichen Gelegenheiten, die zu Ihren Forschungsinteressen passen, an. Beginnen Sie in Schritten. Suchen Sie nach wissenschaftlichen Veranstaltungen, auch im Ausland, zeigen Sie Interesse, nehmen Sie teil, lernen Sie die anderen Wissenschaftler*innen und Ihre Untersuchungen kennen. Stellen Sie sich potenzielle Forschungsfragen, entwickeln Sie dann Ihre eigenen (kleinen) Projekte und suchen Sie nach Förderungen, um sie umzusetzen. Lernen Sie im Team zu arbeiten und finden Sie Kooperationspartner*innen, bauen Sie Ihr Kontaktnetzwerk auf und pflegen Sie es.

 

Weitere Informationen und das vollständige Tagungsprogramm könnt ihr euch hier genauer ansehen: https://www.uni-bamberg.de/germ-ling/veranstaltungen/aktuelle-veranstaltungen/deutsche-sprachminderheiten-weltweit-kontrastiv-2022/