▼ Professorin Dr. Sabine Freitag [2017]

Lehrstuhlinhaberin für Neuere und Neueste Geschichte unter Einbeziehung der Landesgeschichte

\\ PROFESSORINNEN AN DER UNIVERSITÄT BAMBERG

\\ INTERVIEW VON 2017

 

"Die Legitimation von Herrschaft ändert sich fundamental; und was unsere normativen Ordnungsvorstellungen betrifft, so sind wir in vielem immer noch Kinder des 19. Jahrhunderts."


Erst Medizin, dann Geschichte: Dürfen wir erfahren, warum Sie das Studienfach gewechselt haben?

In der Schule habe ich mich in gleicher Weise für Geistes- und Naturwissenschaften interessiert. Die schlechten Berufsaussichten für Geisteswissenschaftler haben mich zunächst das Medizinstudium wählen lassen. Während ich mir im Anatomiekurs apodiktisches Wissen über den menschlichen Körper aneignen musste, diskutierten meine Freunde, die Germanistik oder Philosophie studierten, über das Humboldtsche Bildungsideal. Ich merkte, dass mich das viel mehr interessierte, weil es nicht nur um die Aneignung von Wissen geht, sondern um die Schulung eines eigenen Denkvermögens und die Ausbildung von Urteilskraft. Am Ende habe ich die Bedenken über meine berufliche Zukunft über Bord geworfen und das Studienfach gewechselt. Und heute habe ich das Gefühl, dass sich der Kreis wieder schließt, denn in meinem Forschungsschwerpunkt Wissenschaftsgeschichte versuche ich so etwas wie einen Brückenschlag zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften.

 

Was ist denn für Sie „denkwürdig“ am 19. Jahrhundert? Warum haben Sie diese Epoche zur Ihrem Forschungsgegenstand gemacht?

Denkwürdig am 19. Jahrhundert sind vor allem politische, ökonomische und gesellschaftliche Entwicklungen, die im 18. Jahrhundert ihren Ausgang nehmen, aber erst im 19. Jahrhundert im westeuropäischen Raum in einer neuen Größenordnung verwirklicht werden. Das 19. Jahrhundert ist das bürgerliche Zeitalter, der Versuch einer fortschreitenden Verrechtlichung aller Verhältnisse, der Glaube an den Ausbau politischer Partizipation vieler jenseits der Führungseliten, die Entdeckung der Kindheit und der romantischen Liebe. Die Legitimation von Herrschaft ändert sich fundamental; und was unsere normativen Ordnungsvorstellungen betrifft, so sind wir in vielem immer noch Kinder des 19. Jahrhunderts. Hinzu kommt eine Sprache, die unglaublich nuancenreich, präzise und schön ist, eine Sprache voller Respekt für die Dinge und Menschen, aber auch mit einer grandiosen Fähigkeit zur Polemik.

 

Ihre Promotion wurde durch Stipendien gefördert. War das im Nachhinein eher ein Vor- oder ein Nachteil für Sie?

Ich finde es interessant, dass Sie auch die Möglichkeit eines Nachteils ansprechen, denn für gewöhnlich würde man ein Stipendium doch meistens als ein großes Glück bezeichnen. Der größte Vorteil meines Stipendiums bestand darin, dass es neben einer Grundfinanzierung für zwei Jahre auch Gelder für Forschungsaufenthalte bereitstellte. Dies ermöglichte es mir, wochenlang Archivreisen in den USA durchzuführen. Als das Stipendium auslief, habe ich wieder halbtags gearbeitet und die andere Hälfte des Tages meiner Dissertation gewidmet. Hat man nur ein Stipendium, so scheint mir inzwischen die Gefahr einer „Vereinsamung“ durchaus gegeben, während ein Job die Tage eben auch strukturiert. Man lernt mit seiner Zeit haushalten. Und man macht im Job viele Erfahrungen, gute wie schlechte, bleibt aber auf diese Weise immer „in der Welt“.

 

Was ist das Besondere am Leben in einem Kibbuz? Gibt es etwas, was sie aus dieser Zeit mitgenommen haben?

Anfang der 1980er Jahre war die Möglichkeit, ohne eigenes Geld durch die Arbeit im Kibbuz eine Weile im Ausland leben zu können, ungeheuer attraktiv. Jedenfalls wurde mir das klar, als ich bei der Vermittlungsstelle in Tel Aviv eintraf, wo sich zahllose Voluntäre aus aller Welt einfanden. Nur die säkularen Kibbuzim haben damals Freiwillige aufgenommen. Die Erfahrung von Gleichheit und Gemeinschaft ist wohl das Besondere am Leben im Kibbuz. Es hat sich allerdings so ergeben, dass mein Kontakt zu anderen Voluntären am Ende intensiver war als zu den eigentlichen Kibbuz-Mitgliedern. Mit einigen dieser Freiwilligen bin ich später nach Ägypten weitergereist. Dort war kurz zuvor, im Oktober 1981, Anwar El Sadat erschossen worden; es wurde ein Putsch befürchtet, und das Land wirkte verlassen, weil der Tourismus zum Erliegen gekommen war. Hier habe ich erlebt, was politische Instabilität und ein Klima der Angst und Unsicherheit für die „kleinen Leute“ bedeutet.

 

In der Zeit kurz vor und nach Ihrer Habilitation sind Sie ganz schön rumgekommen: Frankfurt, Köln, München, Kiel und dann Bamberg: Wie war diese Zeit als „Vertretungsprofessorin“ und sind Sie jetzt „angekommen“?

An verschiedenen Universitäten tätig zu sein, bedeutet vor allem, sich jeweils in ein neues akademisches Umfeld und Verwaltungssystem einzuarbeiten. Das kann anstrengend sein. In diesem Sinne war es schön, in Bamberg anzukommen, denn die „Routine“ und das „Vertraute“ hat für mich jetzt etwas Entlastendes. Zudem möchte ich den Kontakt zu den vielen netten Bamberger Kolleginnen und Kollegen nicht mehr missen. Was die Studierenden selbst betrifft, so finde ich sie in Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen, Hessen oder Bayern gleichauf. Es gibt überall motivierte und interessierte Studierende, und es gibt überall solche, von denen eine besondere Inspiration auch für die Lehrenden ausgeht.

 

Schon seit 2009 sind Sie Mentorin in einem Mentoring Programm Ihrer Heimatuniversität in Frankfurt: Was hat Sie motiviert daran teilzunehmen?

Ich selbst war zunächst gar nicht der aktive Part, sondern wurde durch zwei Frauen aus meinen Frankfurter Veranstaltungen direkt gefragt, ob ich als Mentorin zur Verfügung stehen würde. Die Mentees konnten ihre Präferenzen angeben, und so wurde ich in das Programm aufgenommen. Besonders hilfreich erscheint mir ein Mentoring am Ende des Studiums, wenn es darum geht, eine berufliche Perspektive zu entwickeln. Dabei geht es weder um die fachinterne Betreuung der Abschlussarbeit, noch um eine Karriereberatung im landläufigen Sinne mit glasklaren Empfehlungen. Es geht darum, durch rückspiegelnde Fragen der Mentorin für sich selbst herauszufinden, in welche Arbeitsbereiche man seine Interessen, Talente und Fähigkeiten am liebsten einbringen würde.

 

Sie lebten sechs Jahre in London: Wenn Sie etwas aus London mit hierher hätten bringen können, was wäre das gewesen?

Für die Annehmlichkeiten im Alltag vor allem zwei Dinge: die BBC und die Food-Abteilung von Marks und Spencer. Beide ergänzen sich auf das Vorzüglichste.

 

Stichwort: „Diplomatie“ braucht man diplomatisches Geschick für eine wissenschaftliche Karriere?

Durchhaltevermögen, Flexibilität und eine gewisse Frustrationstoleranz erscheinen mir viel entscheidender. Ich glaube, die wenigsten wissenschaftlichen Karrieren lassen sich tatsächlich planen, sie bleiben immer ein stückweit kontingent. „Diplomatisches Geschick“ ist aber sicherlich immer hilfreich, wenn damit ein taktvolles Verhalten im Umgang mit anderen gemeint ist.

 

Zu den Mitgliedschaften: Was bringen sie und wie wichtig ist Ihnen Networking?

Ich würde solche Mitgliedschaften nicht überschätzen, manche davon sind berufsbedingt oder man erhält sie automatisch aufgrund des Amtes, das man bekleidet. Der mit diesen Mitgliedschaften verbundene Austausch mit Kollegen/innen auf Tagungen, Sitzungen oder Konferenzen ist allerdings ein schöner und angenehmer Nebeneffekt. Networking als gezielte Strategie der Karriereplanung klingt mir zu sehr nach Unternehmensberatung. Die meisten „Netzwerke“ oder beruflichen Kontakte ergeben sich erfahrungsgemäß ohnehin aus einer Forschungs- und Wissenskultur, für die der professionelle Austausch ein elementarer Bestandteil ist.

 

Das Interesse „Initiative Hofgut Patershausen e.V.“ ist wahrscheinlich eher privat als wissenschaftlich, oder?

Ja, es geht um den Erhalt eines alten Hofguts (ursprünglich ein Benediktiner-, dann ein Zisterzienserinnenkloster) unweit meines Elternhauses, das nach Ablauf des Pachtvertrages in einigen Jahren weiterhin als biologisch-dynamischer Landwirtschaftsbetrieb überleben soll; da die Kommunen knapp bei Kasse sind, hoffen wir, Alternativen zum berühmt-berüchtigten „Golfplatz“ mit den entsprechenden Investoren entwickeln zu können.


Studium und Ausbildung

  • 1982 - 1984 Medizinstudium an der Philipps-Universität in Marburg und der Goethe-Universität in Frankfurt/Main
  • 1984 - 1991 Studienfachwechsel: Mittlere und Neuere Geschichte, Germanistik und Philosophie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und der Università La Sapienza in Rom; Abschluss: Magister Artium (M.A.), Thema der Magisterarbeit: Historiographie und Memoiren: Die „Denkwürdigkeiten“ Karl August Varnhagen von Enses
  • 12 / 1995 Promotion zum Dr. phil. im Fach Neuere Geschichte im Fachbereich Geschichtswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main mit der Arbeit: Friedrich Hecker. Biographie eines Republikaners (engl. Übers. Friedrich Hecker: Two Lives for Liberty); gefördert durch ein Stipendium der Hessischen Graduiertenförderung und ein Fellowship der Mercantile Library at the University of Missouri, St. Louis/USA
  • 10 / 2009 Habilitation an der Philosophischen Fakultät der Albertus Magnus Universität zu Köln, Thema der Arbeit: „Science and Citizenship“. Kriminalität, Wissenschaft und Zivilgesellschaft in England, 1830 – 1945