▼ Professorin Dr. Mirjam Schambeck sf. [2008]

Am Lehrstuhl für Religionspädagogik und -didaktik

\\ PROFESSORINNEN AN DER UNIVERSITÄT BAMBERG

\\ INTERVIEW VON 2008

 

"In vielen Fächern müssen wir uns von der Ideologie verabschieden, dass wir mit 32 bereits habilitiert sein sollten. Dann wird es für Frauen leichter, sich aus der wissenschaftlichen Laufbahn Zeit für Kinderbetreuung, Kindererziehung und Familie herauszunehmen."


Sie vertreten nun schon einige Zeit den Lehrstuhl für Religionspädagogik und -didaktik. Wie gefällt es Ihnen bei uns hier an der Uni Bamberg?

Ich bin jetzt das dritte Semester an der Uni Bamberg und muss sagen, dass ich mich sehr wohl fühle – v.a. am Lehrstuhl selbst und im Team. Dazu zählen eine wissenschaftliche Mitarbeiterin und ein wissenschaftlicher Mitarbeiter, etliche Tutorinnen und Tutoren, studentische Hilfskräfte und eine Sekretärin, die halbtags arbeitet. Die Studierenden in Bamberg finde ich auch sehr angenehm, so ähnlich wie an der Uni Regensburg – an der ich zuvor arbeitete. An der Universität Bamberg schätze ich die Möglichkeit, persönliche Kontakte zu knüpfen – sowohl mit den Studierenden als auch mit den anderen Professorinnen und Professoren und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. So arbeitsaufwändig und mühsam die Modularisierung auch war und ist, sie hat mir die Chance gegeben, sehr schnell Kolleginnen und Kollegen anderer Fakultäten kennen zu lernen. Diese menschlich wertvollen Kontakte schätze ich und daran knüpfe ich auch die Hoffnung, allmählich fachliche Kontakte aufbauen zu können. Ein solcher Kontakt hat sich mittlerweile auch intensiviert. Mit dem evangelischen Religionspädagogen werde ich im nächsten Semester ein interdisziplinäres Seminar anbieten. So etwas interessiert mich sehr: Wie kann die Theologie – vernetzt mit anderen Disziplinen - an den Fragen unserer Kultur, unserer Gesellschaft mitarbeiten.

Und wie gefällt Ihnen die Stadt?

Bamberg ist natürlich klasse. Wer kann denn schon von sich sagen, in einer, von den Gebäuden her so wunderschön mittelalterlich geprägten Stadt zu leben, die somit sehr viel Atmosphäre ausstrahlt. Ich habe manchmal den Eindruck, dass die Stadt der verlängerte Hörsaal ist. Bemerkbar ist das besonders in der vorlesungsfreien Zeit. Ich denke, dass Bamberg ohne die Studierenden etwas ganz Entscheidendes fehlen würde.

Frau Prof. Schambeck, Sie haben Theologie und Germanistik studiert. Hatten Sie schon immer vor eine wissenschaftliche Karriere anzustreben? Oder wie hat sich das bei Ihnen entwickelt?

Ich habe mit dem Studiengang Diplom Theologie begonnen und nach dem Vordiplom parallel Germanistik studiert. Beides Fächer, für die ich mich schon immer interessierte und die meine Neugierde weckten. Eine wissenschaftliche Karriere hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Sinn. Der Werdegang und der Beruf einer Professorin waren zu diesem Zeitpunkt noch viel zu weit weg, von den Biographien, die mir vertraut waren. In dieses Berufsfeld bin ich im Lauf der Zeit hineingewachsen. Allerdings habe ich während meines Studiums bereits Fähigkeiten entwickelt, die für die Forschung und somit für den Wissenschaftsberuf grundlegend sind: An Fragen dran zu bleiben, tiefer zu graben und mit anderen darüber ins Gespräch zu kommen. Besondere Freude hat mir hierbei schon zu Studienzeiten der interdisziplinäre Austausch bereitet. An der Universität Regensburg, die eine Campus-Uni ist, war dies leicht möglich. Zum ersten Schritt einer wissenschaftlichen Karriere, der Promotion, luden mich meine damaligen Professoren ein. Ich hatte damals wirklich nur männliche Professoren. Das Vertrauen, das sie in mich gesetzt haben, gab mir viel Mut und Selbstvertrauen, um diesen Schritt zu wagen. Ähnlich hat es sich mit der Habil verhalten. Vorhergehende Erfolge und die Ermutigung meiner Chefs und Professoren haben mich bestärkt eine Stufe nach der nächsten in der wissenschaftlichen Laufbahn zu nehmen.

Gab es auch noch andere Vorbilder oder Menschen, die Sie in Ihrem Vorhaben bestärkt haben Ihre wissenschaftliche Karriere weiter fortzuführen?

Vorbilder waren selbstverständlich Theologen die mich faszinierten, wie z.B. Karl Rahner. Aber die eigentliche Motivation ging wirklich von meinen Professoren aus. Das Hineinwachsen in die jeweils neuen Aufgaben und Anforderungen und schließlich die Erfahrungen haben mich weiter bestärkt. Beim letzten Mal hat es bereits geklappt, vielleicht klappt es dieses Mal auch.

Waren Sie durchgehend in Regensburg? Wie sahen Ihre akademischen Schritte konkret aus?

Ich war sowohl während meines Studiums, als auch für die Promotion und Habilitation in Regensburg. Ein Auslandsjahr verbrachte ich am Ende meines Studiums in Brasilien und Bolivien. Ich habe 1988 zu studieren begonnen, als die Befreiungstheologie ein ganz wichtiges Moment war. Diese Bewegung kam aus Südamerika. Ich wollte mir davon ein persönliches Bild machen und bin deshalb nach Brasilien gegangen. Zur Promotion kehrte ich wieder nach Deutschland zurück.

Könnten Sie uns kurz Ihre Forschungsinteressen vorstellen?

Mein Hauptinteresse gilt der Gottesfrage, die auch ein wichtiger Aspekt meiner Habilitation war, und der Frage, wie sie denn in der Postmoderne kommuniziert werden kann. Ich habe ein Konzept erarbeitet, wie religiöse Bildung heute möglich ist. Denn wenn man davon ausgeht, dass Individualisierung, Pluralisierung und Endtraditionalisierung die Paradigmen sind, die unsere heutige Lebenswelt prägen, dann muss auch das Gespräch über Gott und von Gott andere Formen annehmen. Momentan bin ich dabei die Gottesfrage bei Jugendlichen empirisch zu untersuchen. Mein zweiter Forschungsschwerpunkt ist die momentan auch in Gesamtdeutschland aktuelle Auseinandersetzung mit Bildung: Was bedeutet Bildung? Was bedeutet sie angesichts der Diskussion um Bildungsstandards und Kompetenzen? Ein dritter Themenbereich meiner Forschung beschäftigt sich mit der Frage wie sich das Biblische Lernen heute konzipieren lässt. Ich bin dabei ein bibeldidaktisches Konzept zu entwickeln, das subjektorientiert ausgerichtet ist. Der Einzelne soll erkennen, dass das Lesen der Bibel nicht nur die einfache Wahrnehmung des Textes ist. Vielmehr entsteht erst im Lesen der Sinn, und umgekehrt verändert aber auch der Text das Sinnbild des Lesens.

Was reizt Sie besonders an Ihrem Fach?

Die Religionspädagogik ist ein Fach, in dem es nicht nur die Möglichkeit gibt in viele theologische Themen hineinzugehen, sondern auch die Pflicht. Religionspädagogik ist eine Disziplin, die für andere Disziplinen und Wissenschaften offen sein muss. Man muss sich z. B. genauso in der Kirchengeschichte auskennen und über den aktuellen Diskurs in den Bibelwissenschaften und in den systematisch theologischen Disziplinen informiert sein. Dies ist sowohl die Chance und das Schöne an meinem Fach, aber auch die große Crux. Ein Bibelwissenschaftler beispielsweise, kann sich auf seinen Bereich eingrenzen, ein Religionspädagoge nicht. In dieser Lehrdisziplin muss man immer in mehreren Fächern den Diskussionsstand mitverfolgen.

War das auch der Grund warum Sie von der Dogmatik - in diesem Fachbereich haben Sie ja promoviert - in die Religionspädagogik für Ihre Habilitation gewechselt sind?

Nicht nur. Diese Möglichkeit eröffnete sich für mich, als ich während meiner Promotion in der Dogmatik eine Stelle am Lehrstuhl für Religionspädagogik angenommen hatte. Mein damaliger Chef machte mir schließlich das Angebot in der Religionspädagogik zu habilitieren. Letztendlich motivierte mich die Tatsache, dass die Wissenschaft der Religionspädagogik direkt am Subjekt ansetzt. Dies bedeutet, vom Einzelnen her zu denken und von ihm aus systemische Faktoren in den Blick zu nehmen. Diese Subjektorientierung ist für mich auch das Vorzeichen, von dem aus Theologie zu betreiben ist. Es geht um die Subjekte und nicht nur bzw. in erster Linie um einen bestimmten Stoff.

Würden Sie sagen, dass Sie mehr leisten mussten – bzgl. Ihrer beruflichen Position und auch um Anerkennung darin zu bekommen - als Männer?

Diese Frage wird immer wieder gestellt, aber mir ist es nicht möglich, sie adäquat zu beantworten. Denn wenn Sie fragen, ob ich mehr können musste als andere, müsste ich darüber Bescheid wissen, was andere wirklich investiert haben. Das ist eine zu persönliche Kategorie, über die man nicht oder nur schwer urteilen kann. Ich weiß, dass jeder – selbstverständlich auch jeder männliche Kollege – viel hat leisten müssen. Denn Qualität ist das entscheidende Merkmal. Allerdings spielen bei Berufungen auch sekundäre Kriterien eine Rolle. Hier kann ich mir vorstellen, dass die Netzwerke der Männer im Unterschied zu denen der Frauen besser arbeiten.

Ein großer Sprung nun im Ablauf der Fragen - vom Beruflichen zum Privaten: Sie sind seit Ihrem 20sten Lebensjahr Franziskanerin. Können Sie uns sagen, was das für Sie bedeutet?

Ich denke es gibt im Leben eines jeden irgendwann den Punkt, an dem man sich für die Lebensform entscheidet, in der man glaubt glücklich zu werden. Für mich war und ist das das Leben als Franziskanerin. Es ist mir wichtig, mich von diesem Gott berühren zu lassen und dem auch nachzugehen. Dies und der Wunsch in Gemeinschaft und im Gebet zu leben, lassen sich so verwirklichen. Auch das Leben im ständigen Engagement für den Menschen entspricht dem, was ich mitbringe und wo ich mich stark fühle.

Sie sind auch die Frauenbeauftragte Ihrer Fakultät: Was denken Sie ist Ihre wichtigste Aufgabe in dieser Funktion?

Die wichtigste Aufgabe sehe ich darin unsere Studentinnen, die ja den Großteil unserer Studierenden ausmachen, leistungsorientiert zu fördern, zu ermutigen und für wissenschaftliches Arbeiten zu sensibilisieren. Konkret heißt das, bei denen nachzuhaken, die sehr gute Seminar- und Zulassungsarbeiten verfasst haben. Hervorragende Studentinnen in den Lehramtsstudiengängen sollten darauf hingewiesen werden, dass das Referendariat als weiterführender Ausbildungsschritt zwar wichtig ist, dass es aber durchaus möglich und empfehlenswert sein könnte, davor noch zu promovieren. Als Fakultätsfrauenbeauftragte sehe ich es als meine Hauptaufgabe an, diese jungen, sehr qualifizierten Frauen, die wirklich gut denken können, für die Theologie zu gewinnen und sie für die anstehenden Schritte zu ermutigen. Nebenher müssen natürlich auch Verwaltungsarbeiten erledigt werden. Aber Sie sehen, dass ich gerade das, was ich selbst biographisch als sehr wichtig empfunden habe, weitergeben möchte.

Was würden Sie einer jungen Frau raten, die eine wissenschaftliche Karriere anstrebt?

Sie sollte eine gewisse Neugierde mitbringen und prüfen ob sie die Basics, die zum wissenschaftlichen Arbeiten dazugehören, mitbringt. Beispielsweise muss sie alleine am Schreibtisch sitzen können und Freude am Forschen haben. Der nächste Schritt ist sich selbst zu sensibilisieren, in welchen Fachbereich es gehen könnte und anschließend muss man sich trauen, entsprechende Verbindungen aufzunehmen. Der Einstieg funktioniert meist über Tutoren- oder studentische Hilfskraftstellen. Als studentische Hilfskraft kann man in einem gut funktionierenden Lehrstuhlteam wichtige Erfahrungen sammeln, die einem den Entscheidungsprozess einfacher machen. Man erhält die Möglichkeit das Geschäft eines Lehrstuhls kennen zu lernen. Forschung, Lehre, Teamarbeit und Verwaltung prägen den Alltag. Man merkt, ob einem diese Art von Arbeit überhaupt gefällt und persönlich weiterbringt. Außerdem bekommt man ganz nebenbei mit, wo es Veranstaltungen und Graduiertenkollege gibt, die eigene Interessen wecken könnten. Das ist der Einstieg. Und natürlich selber gut sein.

Würden Sie mit dem Wissen, das Sie heute haben, etwas an Ihrem Leben oder Ihrem Werdegang verändern?

Mir ist schon viel früher eine Assistentenstelle angeboten worden, als ich sie letztendlich in Anspruch genommen habe. Ich meinte damals eine Assistentenstelle und meine Promotion nicht miteinander verbinden zu können. Das eine ist wie das andere sehr anspruchsvoll. Damals habe ich am größten Religionspädagogiklehrstuhl Deutschlands gearbeitet. Zeit für die eigene wissenschaftliche Arbeit habe ich bei den dort beschäftigten Assistenten kaum gesehen. Heute würde ich mir da mehr zutrauen. Es ist nämlich durchaus vereinbar, allerdings mit großer Disziplin. Man muss sich Tage für die eigene wissenschaftliche Arbeit reservieren, die normalerweise in das Wochengeschäft für den Lehrstuhl fallen. Persönliche Organisation ist hierfür enorm wichtig. Aber ansonsten bin ich mit meinem Werdegang durchaus zufrieden. Gerade für meine Querverbindungen zur Theologie in der Praxis bin ich sehr dankbar. Beispielsweise meine siebenjährige Tätigkeit im Schulunterricht. Außerdem leitete ich über zehn Jahre hinweg ein Jugendhaus. Ich halte es für wichtig beide Felder zu kennen: Wissenschaft und Praxis.

Sie haben sich von Ihrem Lebensverlauf her nie die Frage stellen müssen, wie man eigene Kinder und Wissenschaft unter einen Hut bringen kann; aber wenn Sie sich als Frau den Wissenschaftsbetrieb anschauen, denken Sie, dass dies vereinbar ist, wissenschaftliche Karriere und Familie? Oder was müsste sich im Wissenschaftsbetrieb verändern, dass sich Frauen für beides entscheiden können?

Sie sagen es schon, ich kann hier nur fremd urteilen. Ich hoffe, dass Kinder und Wissenschaft vereinbar sind, weil ich es als einen sehr großen persönlichen Verzicht ansehe, der Wissenschaftskarriere wegen auf Kinder zu verzichten. Ich denke für diese Vereinbarkeit sind die Weichen mittlerweile ganz gut gestellt. Als ich noch stellvertretende Frauenbeauftragte in Regensburg war, hatten wir bereits Probleme den Senat von der Notwendigkeit von Kinderbetreuung an der Universität zu überzeugen. Mittlerweile gibt es hier offene Ohren und es ist auch schon eine Menge in diese Richtung umgesetzt worden. Einen weiteren Punkt für diese Vereinbarkeit sehe ich darin, dass wir uns in vielen Fächern von der Ideologie verabschieden müssen, dass wir mit 32 bereits habilitiert sein sollten. Ich weiß, dass in der Mathematik und in den Naturwissenschaften dieses Denken sehr verbreitet ist. Aber wir müssen lernen, dass Lebensbiographien hier unterschiedlich verlaufen können. In den Geisteswissenschaften ist bereits ein anderes Denken verbreitet, denn wir gehen beispielsweise in der Germanistik davon aus, dass jemand mit 35 einen anderen Zugang zur Literatur hat als jemand mit 40 oder 45. Hier hat Lebenszeit ein positives Gewicht, was in der Mathematik oder in den Naturwissenschaften anders ist. Wenn wir von dieser Ideologie wegkommen, dann wird es für Frauen leichter, sich aus der wissenschaftlichen Laufbahn Zeit für Kinderbetreuung, Kindererziehung und Familie herauszunehmen. Natürlich müssen auch die Männer weiterhin gleichberechtigter in der Kindererziehung werden.

Vielen Dank Frau Prof. Schambeck!

 

Das Gespräch führten Johanna Bamberg und Melanie Worack.