▼ Professorin Dr. Iris Hermann [2011]

Leiterin der Professur für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft

\\ PROFESSORINNEN AN DER UNIVERSITÄT BAMBERG

\\ INTERVIEW VON 2011

 

"Das führte zu einem Studienaufenthalt in Brasilien, der, was eigentlich nicht vorgesehen war, über zweieinhalb Jahre dauerte: eine Zeit, in der ich sehr viel gelernt habe, nicht nur fachlich, sondern auch persönlich."


Könnten Sie uns bitte kurz Ihre berufliche Laufbahn vorstellen?

Ich habe 1981 mit dem Studium der Germanistik und Geschichte in Bonn begonnen, 1983 bin ich nach Bielefeld gewechselt, weil mich die Sozialgeschichte von Hans Ulrich Wehler, Reinhart Koselleck und Jürgen Kocka dorthin lockte. Tatsächlich entschied ich mich aber bald dafür, in der lateinamerikanischen Geschichte einen Schwerpunkt zu setzen. Das führte zu einem Studienaufenthalt in Brasilien, der, was eigentlich nicht vorgesehen war, über zweieinhalb Jahre dauerte: eine Zeit, in der ich sehr viel gelernt habe, nicht nur fachlich, sondern auch persönlich. Zurückgekehrt nach Bielefeld, habe ich dann schnellstmöglich meinen Magisterabschluss gemacht. Danach habe ich jedoch die Geschichtswissenschaft verlassen, weil ich mehr Entfaltungsmöglichkeiten in der Literaturwissenschaft sah. Tatsächlich konnte ich in der Germanistik sofort als wissenschaftliche Hilfskraft arbeiten, später wurde ich mit einer Arbeit zum Mythos bei Else Lasker-Schüler promoviert. Vieles erscheint mir im Nachhinein sehr reibungslos: ich wurde Hochschulassistentin, war nach der Habilitation keinen Monat arbeitslos, sondern konnte Lehrstühle vertreten, bis ich dann im September 2009 in Bamberg meine Professur bekam. Dennoch war wie bei allen, die in der Wissenschaft tätig sind, viel Hoffen, Bangen und nicht zuletzt Glück dabei!

Erhielten Sie während der Studienzeit beziehungsweise in Ihrer beruflichen Laufbahn Unterstützung?

An der Universität in Bonn erhielt ich wenig Unterstützung, hier war ich als ‚Arbeiterkind‘ eine Exotin und wurde auch entsprechend behandelt. Eine Ausnahme war Karin Trimborn, eine höchst engagierte Frau im Mittelbau, die mich durch ihre Begeisterung für das Fach förmlich mitriss. So habe ich auch gegen Widerstand meine Interessen verfolgen können und wurde dabei großzügig materiell und ideell durch ein Stipendium des Evangelischen Studienwerkes unterstützt. In Bielefeld wurde ich von vielen Seiten ermutigt, insbesondere durch meinen späteren akademischen Lehrer, Prof. Dr. Rolf Grimminger. Er hat an mich geglaubt, auch wenn ich selber oft sehr mutlos war. Meine Arbeit an der Habilitation wurde in der Endphase durch ein Lise-Meitner-Stipendium des Wissenschaftsministeriums in NRW unterstützt.

Wie kamen Sie auf die „Idee“, eine akademische Laufbahn einzuschlagen?

Eigentlich wollte ich Lehrerin werden, meine Lehrerinnen und Lehrer waren die wenigen Akademiker, die ich als Jugendliche kannte. In den 1980er Jahren war es in Nordrhein-Westfalen aufgrund einer sogenannten ‚Lehrerschwemme‘ aber gar nicht möglich, in den Schuldienst zu kommen. Der Traum, an der Universität ‚bleiben‘ zu können, war zwar von Anfang an da gewesen, ich glaubte aber nicht, dass ich es schaffen könnte. Nach jedem Qualifikationsschritt fragte ich mich neu, was ich tun will. Entscheidend war dann eine Tagung, auf der namhafte Forscherinnen und Forscher vertreten waren, von denen einige von meinem Habilitationsthema (‚Die Darstellung des Schmerzes in Literatur, Musik und Psychoanalyse‘) so überzeugt waren, dass ich mich dann auch traute, an eine Zukunft in der Hochschule zu glauben und dann auch glücklicherweise eine Stelle als Hochschulassistentin bekam. Von da an wusste ich, jetzt kann ich kaum noch zurück, jetzt muss ich es mir zutrauen, auch später eine Professur zu bekommen.

Gab es für Sie Vorbilder oder Menschen, die Sie in Ihrem Vorhaben bestärkt haben?

In dem Zeitraum, in dem ich studiert habe, gab es wenig Frauen, die mir als Rollenvorbilder hätten dienen können. Aber ermutigt haben mich dennoch einige Menschen, die in der Universität tätig waren: Das waren meine akademischen Lehrer Rolf Grimminger und der leider gerade verstorbene Werner Kummer, aber auch meine Freundin und ältere Kollegin Elisabeth Gülich, die inzwischen auch schon emeritiert ist. Sie hat in vielen Gesprächen mein Selbstvertrauen gestärkt, und sie hat mir gezeigt, was es heißt, in der Wissenschaft tätig zu sein.

Könnten Sie bitte kurz Ihren Forschungsschwerpunkt vorstellen?

Es gibt mehrere Schwerpunkte, weil die Interessen immer in viele Richtungen gehen! Im Mittelpunkt standen und stehen Imaginationen über den Körper und die Sinne in der Literatur, daneben die Schnittmengen, die die Literatur mit der Musik, der bildenden Kunst und der Psychoanalyse aufweist. Auf einem zentralen Begriff der Psychologie, der Einfühlung, fußt mein neues Forschungsprojekt: Zusammen mit einem Kollegen aus Bielefeld arbeiten meine Mitarbeiterin Johanna Cattus-Reif und ich an einer Geschichte des Mitgefühls. Immer wieder sind es Autorinnen, deren Werk mich fasziniert: Zur Zeit ist das Ilse Aichinger, über die ich gerade eine Werkbiographie verfasse. In der Gegenwartsliteratur ist es die deutschsprachig-jüdische Literatur, deren unglaubliche Vitalität mich anzieht. Genderfragen spielen immer wieder eine wichtige Rolle, ich bin aber nicht in erster Linie Genderforscherin.

Was finden Sie reizvoll an Ihrem Beruf und an Ihrem Fach?

Ich darf, soll und muss lesen! Ich darf, soll und muss schreiben! Diese Tätigkeiten zu meinem Beruf zu machen, war ein Traum und wenn ich heute, auch wenn Klausurenberge, (zu viele) Gremiensitzungen, Prüfungsmarathon und Ähnliches mich immer mehr behindern wollen, Bücher mich hinreißen, ich mit ihnen die Nacht zum Tag werden lasse, weiß ich, dass ich privilegiert bin, das tun zu dürfen. Speziell an der Professur finde ich schön, dass ich ständig mit jungen Menschen zusammen bin. Leider spürt man dabei auch, dass man nicht mit jung bleibt!

Ließ sich Ihr Beruf mit familiären Plänen in Einklang bringen?

Das ist keine einfach zu beantwortende Frage, sie wäre auch besser nicht nur auf die Vergangenheit bezogen zu formulieren, sondern jeden Tag neu zu stellen: Ist der Beruf der Professorin mit der Tatsache zu vereinbaren, dass ich alleinerziehende Mutter bin? Es geht und es geht auch ganz gut, denke ich. Ohne eine gute Hortbetreuung, ohne einen verständnisvollen Sohn (meistens), ohne Gelassenheit mit dem leicht chaotischen Haushalt und dem Einverständnis, nur sehr wenig persönliche ‚Freizeit‘ zur Verfügung zu haben, geht es meiner Ansicht nach allerdings nicht. Es gibt Tage, da ist es ein Spagat, insbesondere dann, wenn Kinder krank werden oder auch echte Schicksalsschläge, die Arbeit unmöglich machen. Aber unterm Strich ist es unsere flexible Tätigkeit, die es ermöglicht, trotz der enormen Belastung auch für Kinder da zu sein. Gut ist aber sicherlich, wenn man auch nachts oder spät abends arbeiten kann, in acht Stunden am Tag ist eine Professur nicht zu meistern.

Hatten Sie bzw. haben Sie das Gefühl, dass Sie im Gegensatz zu Ihren männlichen Kollegen mehr leisten mussten bzw. müssen, um die gleiche Anerkennung zu bekommen?

Nein, eigentlich nicht. Ich hatte, im Gegensatz zu einigen meiner männlichen Kollegen, eher ein Problem mit mir selber: Lange habe ich es mir nicht zugetraut, zu promovieren, zu habilitieren und mich schlussendlich auch auf eine Professur erfolgreich zu bewerben. Das musste ich mir wirklich hart erarbeiten.

Sehen Sie Probleme darin, dass der Anteil der Professorinnen an Universitäten so gering ist?

Natürlich, es gibt einfach zu wenige weibliche Vorbilder für unsere Studentinnen, die ja gerade in meinem Fach, der Germanistik, sehr zahlreich sind. Hier in Bamberg genieße ich es, dass ich viele Kolleginnen habe, es sind ja um 25 Prozent, eine sicher ermutigende, aber immer noch nicht zufriedenstellende Zahl.

Was würden Sie Studentinnen raten, die sich für eine wissenschaftliche Tätigkeit interessieren?

Hmmh, das ist nicht so generell zu beantworten. Ich führe ja tatsächlich immer wieder solche Gespräche mit meinen Promovendinnen oder anderen interessierten Studentinnen. Es ist wichtig, sich klarzumachen, was es heißt, an der Universität tätig zu sein: Viele Stunden am Schreibtisch zu verbringen, allein dabei zu sein, nie zu wissen, ob die Mühen der Promotion und der Habilitation mit einer Dauerstelle belohnt werden. Wer mutig genug ist, auf eine sichere Tätigkeit (lange) zu verzichten, wer bereit zu Ortswechseln ist, erfolgreich studiert hat und vom Fach begeistert ist, kann darüber nachdenken. Auf jeden Fall ist es sinnvoll, sich Unterstützung zu suchen. Für mich war eine Habilitandinnenarbeitsgruppe mit Supervision eine wichtige Anlaufstelle.

Wie kamen Sie zu Ihrem Amt als stellvertretende Universitätsfrauenbeauftragte und was reizt Sie an der neuen Aufgabe?

Als Ada Raev mich ansprach, ob ich mir diese Tätigkeit vorstellen könnte, hatte ich selber auch schon darüber nachgedacht, in welchem Gremium ich mich sinnvoll einsetzen möchte, weil ich denke, dass Universität nur funktioniert, wenn alle über ihre Kerntätigkeit hinaus einen Bereich mitgestalten wollen. In Bielefeld war ich lange Jahre stellvertretende Frauenbeauftragte an meiner Fakultät, dort war das eine ziemlich aufreibende und mitunter konfliktreiche Tätigkeit. An allen Universitäten, an denen ich bislang gearbeitet habe, war die Frauenbeauftragte der Universität eine hauptamtliche Tätigkeit. In Bamberg reizt mich, dass drei Wissenschaftlerinnen nebenamtlich und deshalb aus ihrem jeweiligen Umfeld heraus, in verschiedenen Kompetenzbereichen sich die Arbeit der Frauenbeauftragten aufteilen. Das geht mit der großartigen Unterstützung durch das Frauenbüro und der hervorragenden Arbeit des Frauenbeirats. Ich werde vor allem in der Kommission für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs tätig sein, möchte also gerade für die (jungen) Wissenschaftlerinnen Ansprechpartnerin sein.

Würden Sie mit dem Wissen, das Sie heute haben, etwas an Ihrem beruflichen Werdegang ändern?

Ja. Ich habe viele Entscheidungen in meinem Leben sehr spät getroffen, weil ich Zeit brauchte, um mir etwas zuzutrauen. Mit dem Wissen, das ich heute habe, hätte ich manches Zaudern verkürzen können, viele Dinge aber auch strategischer angehen können, ob es nun darum ging, wichtige Personen anzusprechen oder darum, Themen zu besetzen, die für eine Karriere förderlicher sind, als die, denen das ‚Herzblut‘ gehört. Letztlich aber bin ich zufrieden damit, wie vieles gekommen ist. Auch wenn so manche Verwaltungsvorgänge unsere Kerntätigkeit manchmal eher behindern als erleichtern, auch wenn, das muss gesagt werden, die Bezahlung längst nicht mehr so attraktiv ist, wie zu Zeiten der C-Besoldung, ist es doch ein Traumberuf. Kein Tag gleicht dem anderen, jeder Tag bringt neue Entdeckungen.

Vielen Dank!

 

Das Interview wurde schriftlich aufgezeichnet.


Akademische Laufbahn und beruflicher Werdegang

  • geboren in Bonn am 23. Januar 1962 
  • Studium der Geschichte, Germanistik und Allgemeinen Literaturwissenschaft in Bonn, Recife und Bielefeld (1981-1989) 
  • Stipendiatin des Evangelischen Studienwerks Villigst (1982-1989) 
  • Promotion 1996 über die Prosa Else Lasker-Schülers („Raum - Körper- Schrift. Mythopoetische Strukturen in der Prosa Else Lasker-Schülers“, Paderborn 1997) 
  • Hochschulassistentin am Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literarturwissenschaft und Ästhetik, Prof. Dr. Rolf Grimminger (Universität Bielefeld) 1996-2004 
  • Lise-Meitner-Stipendium des Landes NRW 2004/ 2005 
  • Habilitation mit einer Studie über die Ästhetik des Schmerzes in der Literatur („Schmerzarten. Prolegomena einer Ästhetik des Schmerzes in Literatur, Musik und Psychoanalyse“, Heidelberg 2006) 
  • Lehrstuhlvertretungen in Siegen (2006-2008) und Münster (2008) 
  • September 2009: Ernennung zur Universitätsprofessorin für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Aktuelle Forschungsinteressen 

  • Schmerz in Literatur, Musik und Psychoanalyse - Literatur der Klassischen Moderne 
  • Emotionsforschung 
  • Jüdische Literatur vor und nach 1945 
  • Österreichische Literatur der Gegenwart 
  • Komparatistische Perspektiven der deutschsprachigen Literatur 
  • Literatur Portugals und Brasiliens