▼ Professorin Dr. Cornelia Kristen [2012]

Inhaberin des Lehrstuhls für Soziologie, insbesondere Sozialstrukturanalyse

\\ PROFESSORINNEN AN DER UNIVERSITÄT BAMBERG

\\ INTERVIEW VON 2012

 

"Frauen treffen manches Mal (aus guten Gründen) andere Entscheidungen mit Blick auf ihren Lebenslauf als Männer."


Könnten Sie uns bitte kurz Ihre berufliche Laufbahn vorstellen?

"Studiert habe ich an der Universität Mannheim und an der Indiana University Bloomington in den USA. Nach dem Studium habe ich begonnen in einem Mannheimer Forschungsprojekt zu arbeiten. In der Promotionsphase war ich außerdem für ein Jahr in den Niederlanden an der Universität Groningen. Danach habe ich in Mannheim meine Promotion abgeschlossen. Die nächste Station war die Universität Leipzig. Dort habe ich vier Jahre als wissenschaftliche Assistentin verbracht und bin dann in Göttingen Professorin geworden. Zwei Jahre später habe ich mich für Bamberg entschieden und bin im August 2010 hierhergekommen."

Erhielten Sie während der Studienzeit bzw. in Ihrer beruflichen Laufbahn Unterstützung?

"Ja, ich habe sehr viel Unterstützung erhalten – auf ganz unterschiedlichen Wegen. Dazu lassen sich auf die Forschung und die akademische Laufbahn gerichtete Aspekte eben- so zählen wie vielfältige andere Formen der Unterstützung, etwa durch die Familie oder Freunde."

Wie kamen Sie auf die „Idee“, eine akademische Laufbahn einzuschlagen?

"Das hat sich eher schrittweise herauskristallisiert. Der Einstieg in das erste Forschungsprojekt war sicherlich wegweisend, obschon ich zu diesem Zeitpunkt keineswegs eine Professur vor Augen hatte. Erst zum Ende der Promotion habe ich mich bewusst entschieden, diesen Weg einzuschlagen."

Gab es für Sie Vorbilder oder Menschen, die Sie in Ihrem Vorhaben bestärkt haben?

"Ja, die gab es und auch hier sind sowohl Menschen im universitären Bereich als auch außerhalb wichtig gewesen. Im Unikontext gehört mein Doktorvater dazu. Er hat uns immer viel Freiraum gelassen und wir konnten unsere Ideen eigenständig verfolgen. Gleichzeitig strahlte er eine unglaubliche Begeisterung aus. Er hat vermittelt, welche Freude Wissenschaft machen kann. Das war, weit über die Inhalte hinaus, inspirierend. Unterstützung gab es auch aus dem Umfeld, etwa von Kolleginnen und Kollegen oder aus dem Freundeskreis. Wertvoll waren für mich häufig Menschen, die sich in einer ähnlichen Lebensetappe befanden oder einer verwandten Situation. Vorbildfunktion hatten dann eher bestimmte Aussagen oder Handlungen."

Könnten Sie bitte kurz Ihren Forschungsschwerpunkt vorstellen?

"In meiner Forschung beschäftige ich mich zum einen mit Prozessen der Integration von Zuwanderern und ihren Nachkommen. Wir interessieren uns zum Beispiel für die Frage, welche Bedingungen den Spracherwerb begünstigen, wie es zu Kontakten und Freundschaften zwischen Migranten und der einheimischen Bevölkerung kommt oder warum bestimmte Gruppen im Bildungssystem oder auf dem Arbeitsmarkt erfolgreicher sind als andere. Zum anderen setzen wir uns mit zentralen Fragen der Ungleichheitsforschung aus- einander. Hier bin ich besonders an bildungs- soziologischen Fragestellungen interessiert: Wie kommt es zu sozialen und ethnischen Bildungsungleichheiten? Wer hat Erfolg im Schulsystem und warum?"

Was finden Sie reizvoll an Ihrem Beruf und an Ihrem Fach?

"Besonders genieße ich die Freiräume, die mit diesem Beruf und der Art des Arbeitens verbunden sind. Ich darf mich mit Dingen auseinandersetzen, die mich fesseln, kann Projekte initiieren und durchführen, die ich mir selbst ausgesucht habe. Ich darf Fragen stellen und beantworten, Daten analysieren, mich an den Befunden erfreuen, schreiben. Ich habe Kontakt zu anderen Forscherinnen und Forschern, auch international. Ich gehe zu Konferenzen und erfahre vielfältige Formen des Austausches mit anderen. Ich habe die Möglichkeit, an jedem Tag etwas Neues zu lernen und ich darf dieses Wissen weitergeben."

Hatten Sie bzw. haben Sie das Gefühl, dass Sie im Gegensatz zu Ihren männlichen Kollegen mehr leisten mussten
bzw. müssen, um die gleiche Anerkennung zu bekommen?

"Nein. Vielleicht kann ich an diesem Punkt eine andere Beobachtung beisteuern, die jedoch nichts mit einem mehr oder weniger an Anerkennung zu tun hat. Dieser Tage habe ich manches Mal den Eindruck, dass bestimmte Aufgaben an mich herangetragen werden, bei denen es für das Anliegen von Vorteil ist, wenn es von einer Frau vorgebracht wird."

Ließ sich Ihr Beruf mit familiären Plänen in Einklang bringen?

"Ich habe keine Kinder und kann die Frage, zumindest vor diesem Hintergrund, nicht beantworten. Der Beruf einer Professorin bietet jedoch prinzipiell viel Flexibilität. Man arbeitet eine Menge, gar keine Frage. Aber gleichzeitig hat man deutlich mehr Freiräume, zum Beispiel was die Arbeitszeiten angeht. Jetzt gerade ist es Sonntagnachmittag, 15.00 Uhr..."

Was würden Sie Studentinnen raten, die sich für eine wissenschaftliche Tätigkeit interessieren?

"Mit Blick auf mein Fach erscheint mir eine Strategie besonders hilfreich zu sein: Es gilt, sich eine Stelle als studentische Hilfskraft in einem Kontext zu suchen, an dem man inhaltliches Interesse hat. Auf diese Weise lässt sich über die Auseinandersetzung mit der entsprechenden Thematik im Studium hinaus sehr viel lernen. Bei uns am Lehrstuhl etwa erhalten die Hilfskräfte Einblick in die Forschungsprojekte; sie erlernen organisatorische Abläufe, sind in die Datenerhebungen involviert, an der Aufbereitung und Analyse der Daten beteiligt und erhalten dann auch die Möglichkeit, ihre Abschlussarbeit im Rahmen der Projekte zu schreiben."

Es ist kein Zufall, dass diese Hilfskräfte nach Abschluss ihres Studiums häufig zu begehrten Mitarbeiter/innen werden. Sehen Sie Probleme darin, dass der Anteil der Professorinnen an Universitäten so gering ist?

"Die Frage ist in dieser Form recht abstrakt. Das wäre schon differenzierter zu diskutieren. Differenzierung wäre aus meiner Sicht zunächst vor dem Hintergrund der Geschlechterrepräsentation in den unterschiedlichen Fächern notwendig. In Fächern, in denen Frauen bzw. Männer unterrepräsentiert sind, erscheint es wenig sinnvoll, auf eine Gleichverteilung zu setzen. Ein zweiter Punkt betrifft die Frauenanteile (innerhalb des jeweiligen Faches) auf den verschiedenen Qualifikationsstufen. Es benötigt seine Zeit bis sich Verschiebungen in den Verteilungen auf den unteren Stufen in den Anteilen in der Professorenschaft niederschlagen. Die Frauen holen hier beständig auf und vieles scheint mir eine Frage der Zeit zu sein. Im Übrigen halte ich
 auch die gegenwärtigen Debatten über Frauen in Führungsverantwortung in Teilen für einseitig. Es
 geht nicht ausschließlich um die Frage, ob Frauen ausgeschlossen oder herausgedrängt werden aus bestimmten Positionen. Es ist auch notwendig, die Selbstselektion zu berücksichtigen: Frauen treffen manches Mal (aus guten Gründen) andere Entscheidungen mit Blick auf ihren Lebenslauf als Männer."

Sie sind auch Mentorin des Mentoringprogramms. Denken Sie, dass es eine effektive Fördermaßnahme ist?

"Diese Frage sollte wohl eher meine Mentee beantworten. Aber auch in diesem Falle wüsste man lediglich, wie eine bestimmte Person diese Form der Förderung einschätzt. Um die Frage der Effektivität zu klären, müsste man das Programm schon nach allen Regeln der Kunst einer entsprechenden Evaluation unterziehen. Aber ich denke mal, dass Ihre Frage weniger darauf abzielt. Für mich ist der Austausch mit meiner Mentee eine wertvolle Erfahrung. Bei den Doktoranden aus meinem Fachgebiet stehen meist die inhaltlichen Aspekte im Vordergrund. Genau dieser Bereich fällt beim Austausch zwischen Mentorin und Mentee, die ja aus einem anderen Fach stammt, weg. Vor diesem Hintergrund ist die Unterstützung oder Förderung eine andere. Wir unterhalten uns über Fortschritte in Sachen Dissertation, über Publikationsstrategien, Konferenzen, die Lehre, Zeitmanagement und Dinge dieser Art. Meist habe ich dabei erzählt, wie ich das mache. Ich sehe das als eine Art Angebot, aus dem die Mentee die für sie nützlichen Aspekte ziehen kann."

Würden Sie mit dem Wissen, das Sie heute haben, etwas an Ihrem beruflichen Werdegang ändern?

"Im Rückblick könnte man sicherlich vieles optimieren. Ich denke allerdings, dass es nicht sonderlich zielführend ist, bei der Frage nach Veränderung nach hinten zu schauen. Diese Zeit ist vorüber und der Blick richtet sich nach vorne. Hierbei kann man natürlich von der Vergangenheit profitieren und aus den Hürden, die man genommen hat, und den Hürden, die gegenwärtig da sind, lernen."