Vorschläge für Promotionsthemen innerhalb des Fachs Evangelische Theologie

Von den vorgesehenen dreizehn Promotionsthemen, die das mögliche Themenspektrum innerhalb der beteiligten Disziplinen abdecken, sind in dieser vorläufigen Darstellung des Vorhabens nur die theologischen Themen genannt. Deren Formulierung und Beschreibung ist vorläufig. Die Realisierung eines Promotionsthemas wird auch von der Qualifikation und dem Interesse der Bewerber abhängen, eine Anpassung an die Forschungsinteressen der Doktoranden ist möglich.

Wie beeinflusst die Artikulation des Schmerzes das Verhältnis zum eigenen Körper? (Bewerbungstermin: 1.11.2016;  vorgesehener Start: 1.6.2018; betreut durch Prof. Dr. Thomas Wabel, Ev. Theologie)

Einen Schmerz zur Sprache bringen zu können setzt voraus, sich von der Überwältigung durch den Schmerzeindruck distanzieren zu können. Die Artikulation des Leidens ist ein wichtiger Schritt zur Entwicklung von Resilienz. Mit dem Modell der Verkörperung (embodiment) betonen neuere philosophische und kognitionswissenschaftliche Ansätze die irreduzible Verschränkung von Geistigem und Körperlichem am Ort menschlicher Ausdrucksformen. Während leibphänomenologische Ansätze in Theologie und Medizinethik bereits vielfach rezipiert werden, ist die theologische Reflexion auf die Dimension der Verkörperung als drittem Bereich zwischen physiologischen Kausalzusammenhängen und leibphänomenologischem Selbstverstehen ein Desiderat. In diesem religionsphilosophischen Projekt sollen zeitgenössische Konzepte des embodiment aufgearbeitet und auf Fragestellungen theologischer Anthropologie bezogen werden. In dieser zweifachen Perspektive auf das Verhältnis zum Körper wird die Entwicklung eines analytischen Instrumentariums angestrebt, das die Integration des Schmerzes in der (religiösen) Artikulation von Erfahrung als ein Drittes zwischen funktionalisierender Verfügung über den eigenen Körper und resignativem Erleiden verstehbar macht. Medizinethisch ist dies von Belang, um die Faktoren transparent zu machen, die die Entscheidung des Patienten für oder gegen bestimmte Therapieformen beeinflussen.

Welchen Sinn macht Schmerz für diejenigen, die mit ihm leben müssen? (Bewerbungstermin: 1.6.2016; vorgesehener Start: 1.1.2017; betreut durch Prof. Dr. Henrik Simojoki, Ev. Theologie)

In den letzten Jahren haben in der psychologischen Schmerztherapie akzeptanzbasierte Therapieverfahren an Bedeutung gewonnen. Der Schmerz soll nicht mehr in erster Linie bekämpft oder gebändigt, sondern achtsam in die eigene Lebensdeutung integriert werden. Damit rückt die Sinndimension von Schmerzverarbeitung und -behandlung verstärkt ins Blickfeld. Im Vordergrund dieses Projektes steht die Frage, wie die lebensgeschichtlich einschneidende Erfahrung chronischen Schmerzes von Patienten sinnhaft gedeutet wird. Zur Beantwortung sollen theologisch reflektierte und therapeutisch anschlussfähige Perspektiven für eine seelsorgerliche Begleitung von Schmerzpatient/innen entworfen werden. Methodischer Zugang soll über das von Fritz Schütze entwickelte narrative Interview erfolgen, das sich mit Fokus auf „kognitive Figuren“ im besonderen Maße für die Untersuchung der skizzierten Fragestellung eignet. Es sollen etwa 20-25 solche Interviews mit Schmerzpatient/innen im klinischen Kontext zu Beginn und zu einer späteren Phase der Therapie geführt werden.

Welchen Beitrag leistet die Deutung des Schmerzes in der christlichen Tradition zur Schmerzbewältigung? (Bewerbungstermin: 1.6.2017; vorgesehener Start: 1.1.2018; betreut durch Prof. Dr. Thomas Wabel, Ev. Theologie)

In der Wirkungsgeschichte biblischer Texte, insbesondere im zentralen Theologumenon des Gottes, der sich im Leiden seines Sohnes offenbart, kommt der Metaphorik körperlichen Schmerzes besondere Bedeutung zu. Die Konsequenzen für die Bewältigung des Leidens sind ambivalent: Einerseits schaffen vorgegebene Sprachformen die Möglichkeit der Artikulation, andererseits können eben diese Sprachmuster den unvertretbar je eigenen Schmerz relativieren. Welche Rolle christlich-religiöse Sprachformen für das Ineinander von körperlicher und geistiger Dimension in der Wahrnehmung des schmerzenden Körpers spielen, ist bislang nur wenig untersucht. In diesem hermeneutisch fokussierten Projekt sollen ausgewählte christliche Überlieferungsbestände auf ihre körperbezogene Metaphorik hin analysiert werden. Die Ergebnisse sollen in einem zweiten Schritt (wie in Teilprojekt 12 auf methodischer Grundlage der von Matthias Jung 1999 entwickelten Theorie religiöser Erfahrung) zu Prozessen religiöser Selbstdeutung aus Patientenperspektive in Beziehung gesetzt werden. Dabei kann auf erhobenes Material aus Teilprojekt 11 zurückgegriffen werden. So lässt sich exemplarisch untersuchen, inwiefern religiöse Deutungsangebote durch eine veränderte Selbst- und Körperwahrnehmung eine Modulation des Schmerzempfindens erreichen und so einen Beitrag zum Aufbau von Resilienz leisten können.