Geistes- und Kulturwissenschaften

Evangelische Theologie

Resilienzfaktoren in der Schmerzverarbeitung

Gemeinsamer Promotionsschwerpunkt der Universitäten Bamberg und Würzburg innerhalb des  Programms „Schmerz – Neurobiologie und Kognition“ des Evangelischen Studienwerks Villigs

Im Wintersemester 2015/16 startet der gemeinsame Promotionsschwerpunkt „Resilienzfaktoren in der Schmerzverarbeitung“ der Universitäten Würzburg und Bamberg in Kooperation mit dem Evang. Studienwerk Villigst. Die Vorstellung auf diesen Seiten dient der Information über den Schwerpunkt und über die ausgeschriebenen theologischen Teilprojekte.

Diese Darstellung ist derzeit noch vorläufig und wird durch einen gemeinsamen Internet-Auftritt der beteiligten Institutionen abgelöst werden.

Beteiligte Hochschullehrende

Prof. Dr. Dr. Stefan Lautenbacher (Physiologische Psychologie, Otto-Friedrich-Universität Bamberg)

Prof. Dr. Paul Pauli (Biologische Psychologie, Klinische Psychologie und Psychotherapie, Julius-Maximilians-Universität Würzburg)

Prof. Dr. Heike Rittner (Universitätsklinikum Würzburg, Interdisziplinäres Schmerzzentrum, Klinik für Anästhesiologie)

Prof. Dr. Henrik Simojoki (Evangelische Theologie mit Schwerpunkt Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts, Otto-Friedrich-Universität Bamberg)

Prof. Dr. Claudia Sommer (Universitätsklinikum Würzburg, Neurologische Klinik)

Prof. Dr. Thomas Wabel (Lehrstuhl für systematische Theologie und theologische Gegenwartsfragen)

Forschungsziele

Die Forschung dieses Promotionsschwerpunktes verfolgt zum einen das Ziel, durch experimentelle medizinische und psychologische Untersuchungen vorwiegend an Gesunden, aber auch an Patienten und Tieren, neue Erkenntnisse über kognitive und neurobiologische Resilienzfaktoren zu gewinnen, die die Entstehung von Schmerzerkrankungen verhindern und damit zum Erhalt der Gesundheit beitragen. Solch ein salutogenetischer Forschungansatz wurde bereits mehrfach für andere Krankheiten diskutiert und erprobt, in der Schmerzforschung wurde diese Forschungsperspektive jedoch bislang kaum eingenommen. Mehrwert ergibt sich dabei nicht nur dadurch, dass bei der gemeinsamen Rekrutierung von Versuchspersonen und Patienten Synergien entstehen, sondern vor allem durch die Erhebung von neurobiologischen und kognitiven Resilienzfaktoren an denselben Probanden.

Zum anderen zeigt die neuere theologische Diskussion zur Schmerzforschung, dass für den Aufbau protektiver Faktoren die Bearbeitung der Sinndimension und eine Veränderung der Selbst- und Körperwahrnehmung entscheidend ist (Sorajjakool u.a. 2006; Roser 2014). Die Entwicklung von coping skills und die Salutogenese stehen in einer komplexen Wechselwirkung von körperlichem Empfinden und geistiger sowie spiritueller Deutung. Dabei kommt im Zusammenspiel von somatischer und spiritueller Dimension des Erlebens, das der Begriff der Verkörperung (embodiment) umschreibt, den Sprach- und Symbolformen der Religion ein Eigenwert zu, der für die Bearbeitung  körperlichen und seelischen Leids relevant wird, ohne sich funktionalistisch verengen zu lassen. Geistiges und Körperliches sind am Ort menschlicher Ausdrucksformen irreduzibel verschränkt (Gallagher 2005; Schicktanz 2007; Jung 2009). Inhaltlich erweist sich die Fähigkeit, den Schmerz zur Sprache zu bringen, als Bestandteil von Patientenkompetenz. Methodisch weist dieser Zusammenhang darauf hin, wie sich im transdisziplinären Fokus auf körperlichen Schmerz unfruchtbare Dualismen von res extensa und res cogitans, die sich in der Aufteilung von Natur- und Geisteswissenschaften widerspiegeln, überwinden lassen. Dieser Zusammenhang soll in den unten näher erläuterten praktisch-theologischen sowie systematisch-theologischen Untersuchungen aufgenommen und bearbeitet werden.

Forschungsperspektiven

Es ist mittlerweile unzweifelhaft, dass der naturwissenschaftliche Zugang weit führen kann, aber dem Leiden der Patienten nicht zu Gänze gerecht wird, weil eine perfekte Salutogenese nicht zu garantieren ist. Einschränkungen der Lebensqualität von Schmerzpatienten wird es in absehbarer Zukunft immer geben. Wenn Schmerz zur nicht mehr weiter therapierbaren Lebensform wird, ergeben sich Sinnfragen und Orientierungszweifel, die eine theologische Perspektive eröffnen.

In dieser Konstellation besteht eine zentrale Intention des Promotionsschwerpunktes darin, ein produktives Gespräch zwischen naturwissenschaftlich-empirische und geisteswissenschaftlich-theologischen Zugängen zu initiieren. Wichtigste Plattform für diesen interdiszplinären Austausch sind die Workshops des Promotionsschwerpunktes. In Kommunikationsprotokollen sollen einerseits Gemeinsamkeiten und Unterschiede im begrifflichen und methodischen Zugang festgehalten, andererseits weiterführende Erkenntnisse und Erträge substantiiert werden. Im Rahmen des ausgeschriebenen Promotionsschwerpunkts können so über die Grenzen der einzelnen beteiligten Fächer hinweg neue Fragestellungen generiert und transdisziplinär bearbeitet werden – mit dem langfristigen Ziel, die multiprofessionelle Behandlung von Patienten und die Prävention von Schmerzchronifizierung in einer zunehmend alternden Gesellschaft mit Zunahme von chronischen Schmerzkranken zu verbessern.

Leitmotiv

Das Leitmotiv dieses Promotionsschwerpunktes ist also die Suche nach einem besseren Verständnis von Resilienzfaktoren in der Schmerzverarbeitung mit Arbeitsschwerpunkten, die den in diesem Antrag vertretenen Disziplinen entsprechen. Dieses Leitmotiv soll orientieren, aber nicht zwingen, so dass die von den jeweiligen Betreuer/innen anzubietende bestmögliche fachliche Kompetenz immer eine entscheidende Rolle bei der konkreten Gestaltung der Promotionsthemen spielen soll. Gleichzeitig sollen zudem die interdisziplinäre Forschungsperspektive, die sich auch in der disziplinären Betreuung der Doktoranden niederschlagen wird, und die Interessen der Doktoranden bei der Themenfindung berücksichtigt werden.

Vorschläge für Promotionsthemen innerhalb des Fachs Evangelische Theologie

Von den vorgesehenen dreizehn Promotionsthemen, die das mögliche Themenspektrum innerhalb der beteiligten Disziplinen abdecken, sind in dieser vorläufigen Darstellung des Vorhabens nur die theologischen Themen genannt. Deren Formulierung und Beschreibung ist vorläufig. Die Realisierung eines Promotionsthemas wird auch von der Qualifikation und dem Interesse der Bewerber abhängen, eine Anpassung an die Forschungsinteressen der Doktoranden ist möglich.

Wie beeinflusst die Artikulation des Schmerzes das Verhältnis zum eigenen Körper? (Bewerbungstermin: 1.11.2016;  vorgesehener Start: 1.6.2018; betreut durch Prof. Dr. Thomas Wabel, Ev. Theologie)

Einen Schmerz zur Sprache bringen zu können setzt voraus, sich von der Überwältigung durch den Schmerzeindruck distanzieren zu können. Die Artikulation des Leidens ist ein wichtiger Schritt zur Entwicklung von Resilienz. Mit dem Modell der Verkörperung (embodiment) betonen neuere philosophische und kognitionswissenschaftliche Ansätze die irreduzible Verschränkung von Geistigem und Körperlichem am Ort menschlicher Ausdrucksformen. Während leibphänomenologische Ansätze in Theologie und Medizinethik bereits vielfach rezipiert werden, ist die theologische Reflexion auf die Dimension der Verkörperung als drittem Bereich zwischen physiologischen Kausalzusammenhängen und leibphänomenologischem Selbstverstehen ein Desiderat. In diesem religionsphilosophischen Projekt sollen zeitgenössische Konzepte des embodiment aufgearbeitet und auf Fragestellungen theologischer Anthropologie bezogen werden. In dieser zweifachen Perspektive auf das Verhältnis zum Körper wird die Entwicklung eines analytischen Instrumentariums angestrebt, das die Integration des Schmerzes in der (religiösen) Artikulation von Erfahrung als ein Drittes zwischen funktionalisierender Verfügung über den eigenen Körper und resignativem Erleiden verstehbar macht. Medizinethisch ist dies von Belang, um die Faktoren transparent zu machen, die die Entscheidung des Patienten für oder gegen bestimmte Therapieformen beeinflussen.

Welchen Sinn macht Schmerz für diejenigen, die mit ihm leben müssen? (Bewerbungstermin: 1.6.2016; vorgesehener Start: 1.1.2017; betreut durch Prof. Dr. Henrik Simojoki, Ev. Theologie)

In den letzten Jahren haben in der psychologischen Schmerztherapie akzeptanzbasierte Therapieverfahren an Bedeutung gewonnen. Der Schmerz soll nicht mehr in erster Linie bekämpft oder gebändigt, sondern achtsam in die eigene Lebensdeutung integriert werden. Damit rückt die Sinndimension von Schmerzverarbeitung und -behandlung verstärkt ins Blickfeld. Im Vordergrund dieses Projektes steht die Frage, wie die lebensgeschichtlich einschneidende Erfahrung chronischen Schmerzes von Patienten sinnhaft gedeutet wird. Zur Beantwortung sollen theologisch reflektierte und therapeutisch anschlussfähige Perspektiven für eine seelsorgerliche Begleitung von Schmerzpatient/innen entworfen werden. Methodischer Zugang soll über das von Fritz Schütze entwickelte narrative Interview erfolgen, das sich mit Fokus auf „kognitive Figuren“ im besonderen Maße für die Untersuchung der skizzierten Fragestellung eignet. Es sollen etwa 20-25 solche Interviews mit Schmerzpatient/innen im klinischen Kontext zu Beginn und zu einer späteren Phase der Therapie geführt werden.

Welchen Beitrag leistet die Deutung des Schmerzes in der christlichen Tradition zur Schmerzbewältigung? (Bewerbungstermin: 1.6.2017; vorgesehener Start: 1.1.2018; betreut durch Prof. Dr. Thomas Wabel, Ev. Theologie)

In der Wirkungsgeschichte biblischer Texte, insbesondere im zentralen Theologumenon des Gottes, der sich im Leiden seines Sohnes offenbart, kommt der Metaphorik körperlichen Schmerzes besondere Bedeutung zu. Die Konsequenzen für die Bewältigung des Leidens sind ambivalent: Einerseits schaffen vorgegebene Sprachformen die Möglichkeit der Artikulation, andererseits können eben diese Sprachmuster den unvertretbar je eigenen Schmerz relativieren. Welche Rolle christlich-religiöse Sprachformen für das Ineinander von körperlicher und geistiger Dimension in der Wahrnehmung des schmerzenden Körpers spielen, ist bislang nur wenig untersucht. In diesem hermeneutisch fokussierten Projekt sollen ausgewählte christliche Überlieferungsbestände auf ihre körperbezogene Metaphorik hin analysiert werden. Die Ergebnisse sollen in einem zweiten Schritt (wie in Teilprojekt 12 auf methodischer Grundlage der von Matthias Jung 1999 entwickelten Theorie religiöser Erfahrung) zu Prozessen religiöser Selbstdeutung aus Patientenperspektive in Beziehung gesetzt werden. Dabei kann auf erhobenes Material aus Teilprojekt 11 zurückgegriffen werden. So lässt sich exemplarisch untersuchen, inwiefern religiöse Deutungsangebote durch eine veränderte Selbst- und Körperwahrnehmung eine Modulation des Schmerzempfindens erreichen und so einen Beitrag zum Aufbau von Resilienz leisten können.