Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften

Europäische Ethnologie

Das Fach Europäische Ethnologie

Wir freuen uns über Ihr Interesse! An dieser Stelle sollen Sie einen Einblick bekommen, was "Europäische Ethnologie" eigentlich bedeutet, welche Fragen wir stellen und wie wir versuchen, diese zu beantworten.

Europäische Ethnologie ist eine kulturwissenschaftliche Disziplin. Sie richtet ihren Blick auf die kulturellen Äußerungen der breiten Bevölkerung. Bezugspunkt bilden die vielgestaltigen, alltäglichen Lebens- und Erfahrungsräume in Vergangenheit und Gegenwart.

Die Untersuchungsgegenstände der Europäischen Ethnologie umfassen:

  • Mündliche, literarische, visuelle Überlieferungsformen (z. B. populäre Erzähl- und Lesestoffe, Bilder und Zeichen, mediale und virtuelle Welten),
  • Verhaltensweisen, Handlungsabläufe und Vorstellungswelten (z. B. Alltags-, Fest- und Freizeitverhalten, Arbeitsweisen, Glaubensformen, Wertvorstellungen, Geschmackstile, Konventionen, Rituale, Bräuche, Events),
  • gruppengebundenes Leben „in überlieferten Ordnungen“ (z. B. Institutionen, Lebensformen und -gemeinschaften: Familie, Verein etc.),
  • Sachgüter (z. B. Gebäude, Wohnung, Kleidung, Accessoires, Keramik, Geräte, Bilder).

Dieser "Kanon" des Faches zeigt, dass die Europäische Ethnologie mit einem erweiterten Kulturbegriff arbeitet: Es geht um das Kulturschaffen als spezifisch menschliche Fähigkeit der Lebensweltgestaltung, die sich in bestimmten Handlungsmustern und deren Ding- und Symbolproduktion ausdrückt.

Die Untersuchungsgegenstände haben zur Ausbildung einer Vielzahl spezieller Forschungsfelder geführt. Nur einige können hier genannt werden: Arbeitskulturforschung, Ergologie, Gender-, Erzähl-, Brauch-, Religiositäts-, Imagerie-, Bekleidungs-, Keramik-, Haus-, Möbel-, Nahrungs-, Gemeinde- und Stadtteilforschung, Lebenslauf- und Biographieforschung, Visuelle Anthropologie, interkulturelle Kommunikation.

Über Gegenstände und Arbeitsfelder allein ist die Disziplin Europäische Ethnologie nicht hinlänglich zu definieren. Erst aus ihren Betrachtungsweisen und Problemstellungen entstehen ihre spezifischen Kulturanalysen.

Mit Begriffspaaren umschrieben, kennzeichnen sie bestimmte Fragestellungen:

  • Wer Enkulturation und Akkulturation in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen rückt, kann fragen: Wie werden Wertvorstellungen sozialer Gruppen (Familie, Dorf, Stadtteil, Berufsgruppe) geprägt? Durch Mechanismen innerhalb der Gruppe selbst, d. h. durch innere Sozialisation oder durch nachdrückliche Einflussnahme von außen (z. B. organisiert vermittelte Folklore), durch Assimilation?
  • Welche Rolle spielen Machtverhältnisse, z. B. zwischen Mann und Frau, Grundherr und Untertan, Arbeitnehmer und -geber? Welchen Einfluss haben diese auf Normen und damit auf Verhaltensweisen und Lebensstile? Thematisiert werden hier die Beziehungen von Norm und Verhalten, Herrschaft und Kultur.
  • Fragen nach der Kommunikation und Diffusion gehen den Wegen der Normvorstellungen, Wertemustern und Verhaltensregeln nach. Auf welche Weise werden diese vermittelt (Katechese, Schule, Medien, orale Prozesse, etc.)? Finden dadurch spezifische Lebensstile eine Verbreitung?
  • Bieten diese Lebensformen in ihrer räumlichen Begrenzung Identifikationsmuster, die dem einzelnen Sicherheit und Geborgenheit gewähren? Wie verändern sich diese räumlichen Begrenztheiten im Zuge der Globalisierung? Wie sind Kulturraum und Identität aneinander gebunden?
  • In welchem Rahmen unterliegt der einzelne Mensch mit seinen kulturellen Äußerungen gruppenspezifischen, sozialen Bedingungen? Welche individuell-kreativen Möglichkeiten sind ihm eingeräumt, d. h. wie beeinflussen sich Gruppe und Individuum gegenseitig?
  • Ist der einzelne auch in seiner Kreativität eng an kollektive Geschmacksvorstellungen gebunden? Arbeiten Produktdesigner mit diesen Vorstellungen? Wie verhalten sich Kreativität und Kulturindustrie (Probleme des Folklorismus) zueinander?
  • Welche Funktion und Bedeutung für soziale, gesellschaftliche Systeme kann man hinter den kulturellen Objektivationen und Subjektivationen erkennen?
  • In welchen Zeichen und Symbolen verdichtet sich die Bedeutung kultureller Wertsysteme?

Die aufgeführten Problemfelder lassen die Dynamik kultureller Äußerungen erkennen. Deren Prozesse in ihrer Dauer und ihrem Wandel, ihrer Tradition (Kontinuität) und Transformation bzw. Diskontinuität zu verstehen, steht im Zentrum der ethnologischen Kulturanalyse.

Ziel ist es, auf diese Weise Einsicht in die Vielfalt der Kulturen Europas und ihrer Phänomene zu bekommen und zwar in ihren historischen Tiefendimensionen, ihren sozialen Verhältnissen und ihren regionalen Ausprägungen. Auf eine Formel gebracht geht es um das wechselseitige Verhältnis von: Kultur – Geschichte – Gesellschaft – Raum.

Kulturanalysen der Europäischen Ethnologie basieren meist auf sog. Mikrostudien, die sowohl auf die Vergangenheit als auch auf die Gegenwart bezogen sein können und demgemäß sowohl philologischen, historischen als auch sozialwissenschaftlich-empirischen Methoden verpflichtet sind. Dabei überwiegen qualitative Verfahren der Interpretation vor quantitativ-statistischen oder kartographischen Techniken. Bei der Deutung kultureller Systeme am Beispiel des regional Verorteten, d. h. kleiner und konkreter Untersuchungs- und Beobachtungsfelder, dürfen aber auch die Orientierungen und der Kontext internationaler und interdisziplinärer Kulturforschung nicht fehlen. Zudem ist der überregionale Vergleich als methodisches Erkenntnisinstrument besonders wichtig angesichts zunehmender globaler Kulturkontakte und -konflikte. Nur so ist gezieltes kritisches Sehen und Erkennen von kulturellen Zusammenhängen und kulturellem Wandel im eigenen Kulturraum möglich.

Das Fach Europäische Ethnologie trägt an manchen deutschen Universitäten einen anderen Namen wie Kulturanthropologie, Empirische Kulturwissenschaft. In der Vergangenheit hieß es Volkskunde, was nur noch an wenigen Universitäten als Zweitbezeichnung erhalten geblieben ist. Der Begriff „Volkskunde“ resultierte aus ideen- und wissenschaftsgeschichtlichen Hintergründen. Die „Entdeckung“ des „Volkes“ seit Aufklärung und Romantik und die seither vielfältig ausgebildeten Bedeutungsinhalte des Wortes „Volk“ (Bevölkerung, Masse, einfache Leute, Nation usw.), besonders hinsichtlich nationalen Bewusstseins, stehen in engster Verbindung zur Entwicklung und Ausbildung des Faches Volkskunde.
Die politische Instrumentalisierung des Begriffes „Volk“ und seiner Komposita durch die nationalsozialistische Ideologie führte zu tragischen Irrwegen. Die in der Aufarbeitung der (Wissenschafts-)Geschichte zunehmende Beklommenheit von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen bei der Verwendung des äußerst problematischen Begriffes führte seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts an einigen Universitäten zu Umbenennungen oder zur Namensergänzung des Faches. Sie kündigten zugleich sich verändernde Zielrichtungen und neue Forschungsschwerpunkte an.

Heute führt das Fach als Zusatz oder als alleinige Bezeichnung den Namen Europäische Ethnologie. Das weist auf kulturelle Verflechtungen und seine Divergenz im größeren Rahmen hin und trägt der Internationalisierung von Lehre und Forschung Rechnung. Zusammengeschlossen sind alle Institute und Institutionen des deutschsprachigen Raums unter dem Dach der „Deutschen Gesellschaft für Volkskunde“ (DGV) und ihrem Organ der „Zeitschrift für Volkskunde“ sowie in Europa in der „Société Internationale d´Ethnologie et de Folklore“ (SIEF) mit der Zeitschrift „Ethnologia Europaea“.

Wer sich für ein Studium der Europäischen Ethnologie entscheidet, sollte ein intensives Interesse für Menschen in all ihren Lebensformen und -welten mitbringen. Nicht nur die gegenwartsbezogenen empirischen Verfahrensweisen der Europäischen Ethnologie wie Befragung oder Beobachtung erfordern einen hohen Grad der Teilnahme und Einfühlung, auch die Analyse historischer Quellen und deren Interpretation verlangen eine erkundend-forschende Auseinandersetzung mit dem eigenen Vertrauten und dem Unbekannten. Ohne sie ist ein Verstehen „fremden“, „anderen“ Denkens und Handels nicht möglich.

Das Studium der Europäischen Ethnologie bereitet auf ein breites Spektrum möglicher Berufe vor. Unsere Studierenden lernen, sich in neue Arbeitsfelder einzuarbeiten und Wissen zu produzieren, d. h. kulturelle Äußerungen zu verstehen, zu interpretieren und zu vermitteln. Diese Qualitäten erweisen sich für zahlreiche Tätigkeiten als grundlegend, ja unabdingbar. Für Absolventen und Absolventinnen der Europäischen Ethnologie bieten sich die Bereiche der Bildungsarbeit, der Kulturverwaltung, des Kulturmanagements, des Tourismus, der Museen oder der Erwachsenenbildung an, sowie die journalistisch-medienorientierten Berufsfelder des Verlags- und Pressewesens, bei Rundfunk und  Fernsehen, schließlich Tätigkeiten in der Forschung, in der Politikberatung und bei internationalen Organisationen. Zusatzqualifikationen wie Fremdsprachen- und EDV-Kenntnisse, einschlägige Praktika und Auslandsaufenthalte stützen das eigene Profil.

Die Aussichten auf einen erfolgreichen Berufseinstieg erhöhen sich mit der Kompetenz, selbständig, flexibel und zweckentsprechend auf Arbeitsanforderungen und -situationen zu reagieren.
Praktische Erfahrungen sind dabei von großem Nutzen. Sie sollen durch Projekte an der Universität und durch Praktika während der vorlesungsfreien Zeit an vielerlei denkbaren Arbeitsplätzen gesammelt werden wie Museen, Sammlungen, Medienanstalten (Zeitungen, Rundfunk, Fernsehen, Online-Zeitungen), auch Verwaltungen, Organisationen, Fremdenverkehrsbranche und Bereiche der Industrie. Des Weiteren sollten Spezialveranstaltungen und Gastvorträge, auch in anderen Fachbereichen, wahrgenommen werden. Die frühzeitige Teilnahme an Tagungen und Kongressen fördert den Erwerb vielfältiger Kenntnisse unterschiedlicher Themenbereiche und das Kennenlernen anderer Lehrmeinungen. Hierzu bieten auch Exkursionen während des gesamten Studiums – über die Pflichttage hinaus –  eine günstige Gelegenheit. Ein Auslandsstudium wird wärmstens empfohlen.