Kolloquium Mo 05.05.14, 16 Uhr, WE5/05.005

Fritz Wysotzki (TU Berlin) mit großem Anteil von Jürgen Körner (FU Berlin): Übergeneralisierung mit Methoden der Künstlichen Intelligenz und Kybernetik

Experimentelle Grundlage ist die Beschreibung des Prozesses einer neurotischen Erkrankung anhand zweier Fallbeispiele aus psychoanalytischer und kybernetischer Sicht. Ziel ist es, komplexe klinische Phänomene mithilfe von Methoden der Systemtheorie (speziell der Entscheidungstheorie) zu modellieren und als Lerngeschichte abzubilden.
Dann erscheint z.B. der Wiederholungszwang, dem eine Patientin unterliegt, indem sie ihr altruistisches Verhalten aus der Kindheit auf alle sozialen Situationen auch außerhalb der Familie überträgt, als Folge einer Übergeneralisierung, mit der sie negative Emotionen als Kosten für Fehlentscheidungen vermeidet. Dieser Prozess wird in mathematisch formalisierter Form dargestellt und begründet. Es wird gezeigt, wie eine derartige Lerngeschichte in einem iterativen Prozess dazu führt, dass die Patientin nicht mehr unterscheiden kann, ob ihr neurotisches Verhalten in der aktuellen sozialen Situation angemessen ist oder nicht.
Die Schlussfolgerungen aus dieser Betrachtung , die auch für allgemeine Verhaltensaspekte und Gedächtnisstrukturen relevant sind, stimmen wieder mit psychoanalytischen Behandlungserfahrungen gut überein: Therapeutische Veränderungen lassen sich nicht allein mithilfe sprachlicher, also symbolischer Interventionen erzielen. Denn die unbewussten Phantasien werden nicht digital, sondern analog nach den Prinzipien neuronaler Netzwerke verarbeitet; sie müssen z.B. in der Übertragungsanalyse erst affektiv erlebt und dadurch dem Bewusstsein zugänglich werden.