Geschichte und Kultur der vorindustriellen Transportlogistik

Den thematischen Schwerpunkt der Forschung der Professur für Digitale Geschichtswissenschaften bildet die Frage nach der Geschichte und Kultur der vorindustriellen Transportlogistik. Damit wird ein weiteres Forschungsdesiderat in Angriff genommen. In wirtschaftshistorischen Analysen der Beziehungen zwischen den großen Handelszentren Europas spielen die Transporteure und ihre Praktiken, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle. Ihr Beitrag zur europäischen Wirtschaftsentwicklung, der sowohl die Lieferung und Verteilung von Waren zwischen dem Hinterland und den zentralen Umschlagplätzen als auch den Transport von Gütern zwischen Häfen, Jahrmärkten und Messen umfasst, bleibt in der historischen Aufarbeitung des internationalen Warenverkehrs in der vorindustriellen Zeit weitgehend unsichtbar.

Klar ist jedoch, dass der vorindustrielle Transport über lange kontinentale und maritime Strecken in der Regel intermodal, risikobehaftet, teuer und zeitraubend war. Jede Transportleistung beanspruchte den Einsatz vieler, meist anonym gebliebener Beteiligter – der carriers of trade – und stellte eine erhebliche logistische Herausforderung dar. Gerade deswegen entfalteten sich frühzeitig lokale und regionale Spezialisierungs- und Optimierungsprozesse im Transportwesen. Sogenannte occupational communities entwickelten sich; dabei handelt es sich meist um kleine, ortsgebundene Gemeinschaften, die im Wesentlichen mit Transportdienstleistungen auf dem Land, auf Flüssen oder auf dem Meer ihren Lebensunterhalt bestritten.

Durch die zunehmende Professionalisierung verschiedener Wirtschaftsbereiche konnten diese Ortschaften eigenständige Positionen im Warenverkehr zwischen den großen Handelszentren Europas einnehmen. Durch flexible Spezialisierung waren sie in der Lage, diese Positionen über längere Zeiträume hinweg zu erhalten. Verstreut über ganz Europa entstanden in Spätmittelter und Früher Neuzeit regional konzentrierte vorindustrielle Transportgemeinschaften. Durch ihre Dienstleistungen waren diese Transportgemeinschaften über Generationen hinweg in den internationalen Warenverkehr integriert. Sie waren die Träger der vorindustriellen Transportlogistik.

Trotz ihrer Einbettung in zum Teil weit voneinander entfernte Regionen weisen die Arbeits- und Organisationsformen sowie die gesellschaftlichen Strukturen der vorindustriellen Transportgemeinschaften auffällige kulturelle Gemeinsamkeiten auf. Einerseits gehörte die Findigkeit, mit der logistische Herausforderungen gemeistert wurden, zu den gemeinsamen Merkmalen vorindustrieller Transportgemeinschaften. Andererseits wurden sie auch geprägt von einer geringen Anpassungsfähigkeit an wechselnde Marktbedingungen und die Neigung zur Erstarrung in gefestigten Verhaltens- und Operationsmustern, egal ob sie nun im Landtransport, in der Flößerei oder in der Schifffahrt tätig waren. Die Motorisierung des Transportwesens und die Entwicklung des Schienenverkehrs lösten daher ab dem 19. Jahrhundert den raschen Verfall vorindustrieller Transportgemeinschaften aus und leiteten langfristige Peripherisierungsprozesse in zunehmend abgehängten Regionen ein. Heute bleibt eine allenfalls vage, meist nur lokal sichtbare Erinnerung an die „unsichtbaren Träger“ des vorindustriellen internationalen Warenverkehrs.

Um den Beitrag der „unsichtbaren Träger“ am internationalen Warenverkehr in der vorindustriellen Zeit zu rekonstruieren und sichtbar machen zu können, werden die spezialisierten Transportgemeinschaften als ein Kulturphänomen der vorindustriellen Zeit betrachtet. Mithilfe von einschlägigen Methoden für die Analyse von Bewegungsmustern werden digitale Quellen für die Ostsee-, Rhein- und Mainschifffahrt angewandt, um die Einbettung ausgewählter vorindustrieller Transportgemeinschaften im internationalen Warenverkehr in ihrer langfristigen Entwicklung zu erörtern. Der Fokus der Analyse von Bewegungsmustern richtet dabei auf ‚die sich bewegende Einheit‘ (moving entity) und erfordert den Einsatz (1) von Techniken und Tools für die (teil-)automatisierte Vereinheitlichung von historischen Personen- und Ortsnamen, (2) von Nominal Record Linkage-Verfahren für die (teil-)automatisierte Verknüpfung von registrierten Bewegungen innerhalb einer Datenbank oder zwischen mehreren Datenbanken, und (3) von Semantic Enrichment-Verfahren für das ‚Anreichern‘ der Daten und für die darauffolgende Analyse von Gewohnheiten, Usancen und Strategien auf der Ebene des einzelnen bewegenden Subjektes sowie auf der Ebene der occupational community.

Darauffolgend wird mithilfe der Konzepte Findigkeit, Anpassungsfähigkeit und Erstarrung und unter Berücksichtigung der Historiographie über diese vorindustriellen Transportgemeinschaften die Analyse der Bewegungsmuster so verdichtet, dass nicht länger die einzelnen Ortschaften, Berufe oder Spezialisierungen, sondern die kulturellen Gemeinsamkeiten zwischen vorindustriellen Transportgemeinschaften in verschiedenen Teilen des nördlichen Europa als zentrale Kategorien der Analyse in den Vordergrund treten. Abschließend wird die weitere Entwicklung der vorindustriellen Transportgemeinschaften angesichts der im späteren 18. Jahrhundert einsetzenden Industrialisierung und der Transportrevolution des 19. Jahrhunderts analysiert. Einschlägige quantitative Daten zu sozialen, politischen, demographischen und ökonomischen Ungleichheiten zwischen vorindustriellen Transportgemeinschaften und dem ‚industriellen’ Transportgewerbe in den europäischen Ballungszentren werden mit dem Ziel zusammengefügt, den Bedeutungsverlust, die De-Integration und die Peripherisierung der vormaligen vorindustriellen Transportgemeinschaften erklären zu können.

Ziel des thematischen Fokus ist es, den „unsichtbaren Trägern“ der vorindustriellen Transportlogistik einen ihrer Leistung angemessenen Platz in der vorindustriellen europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte zu geben. Zugleich liefert das Vorhaben eine neue Perspektive auf die europäische Geschichte der Neuzeit, welche die vielen kleinen, heute oft als peripher, abgehängt und überholt wahrgenommenen Dörfer und Flecken im nördlichen Europa erstmals in der einzigartigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung des modernen Europas einordnet. Zudem wird dabei auch die in einem großen Teil der Literatur explizit oder implizit vorgenommene Trennung zwischen See-, Fluss- und Landtransport überwunden.