Sprachschulen

Puškin-Institut Moskau


Auslandssemester

Staatliche Universität Tomsk

Briefe aus Tomsk

Der erste Brief aus Tomsk – Vom sibirischen Wetter

 Maria Luft

Sibirien ist vor allem dafür bekannt… kalt zu sein. Praktisch alle meine Bekannten, Verwandten und Freunde hätten über meine Wahl, nach Tomsk zu gehen nicht erstaunter sein können. Mehr als einer hat mich gefragt, ob es da überhaupt jemals Sommer wird. An diese Begebenheit musste ich mich unwillkürlich erinnern, als ich Mitte August das Flugzeug verließ, und 31 Grad und strahlenden Sonnenschein vorfand. Dieser hielt dann auch bis Mitte September an, was mich vor eine große T-Shirt-Knappheit stellte. Wollpullis hatte ich natürlich genügend mit.

Etwa Mitte September ging dann aber doch der Herbst los, und Mitte Oktober fiel der erste Schnee. Überrascht stellte ich dann aber Mitte Dezember bei minus 23 Grad fest, dass ich immer noch in (mehreren Lagen) Strumpfhosen herumlaufen konnte. Den Mythos von der „trockenen Kälte“ hatte ich auch schon gehört und kann ihn jetzt offiziell bestätigen. Immerhin klingt es auch logisch – keine Nässe, die sich in Kleidung festsetzt bedeutet, dass diese auch zu 100% wärmen kann… unangenehm wird es erst, wenn man sich feuchten Atem ins Gesicht pustet und auf einmal doch die Eisfaust Väterchen Frosts im Gesicht spürt. Ab minus 28/30 Grad kann ich empfehlen, beim Hinausgehen eine Skihose anzuziehen, damit lässt sich auch das gut aushalten, falls man nicht zufällig gerade eine Stunde in der Kälte herumläuft. Bisher war das kälteste, was ich hier erlebt habe, minus 42 Grad – da gefriert einem schon mal gerne das Naseninnere und alle aus der Kleidung hervorlugenden Haare werden weiß vom Raureif. Länger als eine halbe Stunde will man da auch nicht mehr an einem Stück laufen, aber ansonsten geht es.

Nun wird es schon wieder wärmer und fast sommerliche Temperaturen treten auf (- 4 Grad: Himmel!). Es ist interessant zu beobachten, was nun mit dem ganzen Schnee passiert, der inzwischen baggerweise von den Straßenrändern und Gehwegen entfernt wird. Der erste Tag, an dem ich wieder Gras unter meinen Füßen hatte, ist auf jeden Fall mit einem dicken roten X im Kalender markiert. Mittlerweile ist es allerdings lebensgefährlich geworden, unter Dächern entlangzulaufen, von denen sich Schneelawinen oder Schlimmeres auf ahnungslose Fußgänger ergießen können. Mit dem blauen Himmel kommen aber auch die legendären Sonnenuntergänge wieder. Letztens habe ich mich mit einer kasachischen Freundin darüber gestritten, ob diese in Tomsk nun grandioser sind, als überall sonst, oder nicht. Für mich sind sie jedenfalls immer noch magisch.

Sibirische Lektüre :)


Eugen Esch

Ein knappes Jahr voller Emotionen, Eindrücke und wertvoller Erfahrungen im sibirischen Reich bereichert nun meine studentische Biografie. Eine durch diese Zeitspanne bedingte Euphorie, die von jeglichem Pathos meilenweit entfernt ist und auf einer allwöchentlichen Sehnsucht nach „Wiedererleben“ fußt.

Als Kind einer Spätaussiedlerfamilie empfing mich der mitteleuropäische Staat Deutschland zwischen Kindergarten- und Schulzeit aus dem steppenreichen Kasachstan. Obgleich mich wohl typische Integrationsprobleme in dieser Zeit bewegten, entkeimte in mir eine gedankenlose, kindliche Illusion über die Lebensumstände in den postsowjetischen Staaten. Denn dort im asiatischen Zentralgebiet standen Probleme wie Freunde, Sprache und Ähnliches nicht an der Tagesordnung. Damit erkläre ich mir auch mein reges Interesse an der slawischen Sprache, Kultur und jeglicher Verbindungen bis heute, die mich in dieser Zeit prägten und distanzierte Idealisierungen formten. Wie auch? Wenn immense Menschenschlangen vor Lebensmittelläden als Folge der Sowjetunionauflösung erst im reifen Alter reflektiert werden können und erst dann als eine Mühseligkeit zu identifizieren sind. Diese Illusion und zugleich das daraus resultierende Verlangen zu erfahren, wie es tatsächlich im Leben der russischsprachigen Menschen aussieht, waren meine Beweggründe, um mich für ein Auslandsstudium in Tomsk zu entscheiden. Bei der Wahl der Universität entschied ich mich bewusst für unsere universitäre Partnerinstitution: die Staatliche Universität (TGU) in Tomsk. Zum einen gab ich den wiederholten Hinweisen: „Tomsker haben eine speziell-angenehme Art,“ meines Jugendfreundes, der aus dieser Stadt stammt. Zum anderen reizte mich Sibirien auch als geheimnisvoller Fleck auf der Weltkarte voller Mythen, Klischees und Stereotypen. „Wo finde ich wahrhaftig den Zugang zur russischen Seele, wenn nicht in der Provinz dieses Landes, weit weg von den Hauptstädten dieses großflächigen Landes“, fragte ich mich? Tomsk, Sibirien – ein Kindheitstraum wurde wahr!

Angekommen in „Sibiriens Athen“, wie der Fürst Vjazemskij Tomsk wegen seiner Bedeutung für Kultur und Bildung auf der asiatischen Seite Russlands im 19. Jhd. tituliert hat, war ich angetan von der russischen Architektur („Russkoe zodčestvo“) dieser Stadt. Beim Erkunden meiner neuen Heimat verspürte ich regelrecht den Hauch eines russischen Märchens; dafür sorgten diverse Holzarchitekturdenkmäler (ca. 1800 Stück), wobei auch der prächtige Leninplatz und etliche orthodoxe Bauwerke, wie die aus der Barockzeit stammende Bogojavlenski-Kathedrale einen pittoresken Vorgeschmack boten. Nach anfänglichen, womöglich, trotz der Relativierung durch Herzlichkeit und Mühe der Mitarbeiter, nicht immer dem europäischen Standard würdigen Organisationsproblemen meiner Lehranstalt, begann meine Studienzeit an der TGU. Hier in der ersten sibirischen Universitätsstadt, bei einer Einwohnerzahl von ca. 500.000 Menschen, wo jeder fünfte Tomsker ein Student ist, besuchte ich gleichzeitig zwei Fakultäten: die Philologie und Philosophie. Als ich am ersten Tag meiner sibirischen Lehrzeit an der Türe eines Seminarzimmers in der Literatur anklopfte, stand mir eine fast unangenehme, aber im Nachhinein wohltuende Begegnung bevor. Diese Veranstaltung besuchte auch die Tochter eines Nobelpreisträgers für Literatur, die zu dieser Zeit in Tomsk weilte und wie viele weitere Schriftsteller (u. a. Pelevin) nicht den Gang zur TGU scheute. Wir stellten uns gegenseitig vor, wobei ich etwas verlegen ihren Nachnamen Brodskaja registrierte und sie somit als Familienmitglied des russisch-US-amerikanischen Dichters Iosif A. Brodskij identifizierte. Des Weiteren empfand ich es als interessant, weitere Informationen „aus erster Hand“ im Literaturbereich zu bekommen. Auch wenn uns in den Einführungsveranstaltungen der Literaturwissenschaft in Bamberg schon einiges über die sibirische Dorfprosa erzählt worden war, so hatte ich aufschlussreiche Begegnungen mit Lehrkräften an der TGU, die Schriftsteller dieser Literaturströmung wie Rasputin oder Astaf‘ev persönlich kannten und teilweise mit ihnen zusammenarbeiteten. Insgesamt, meine ich, kann die Staatliche Universität in Tomsk jedem Slavistikstudenten aus dem Ausland, unabhängig vom Sprachniveau, die Möglichkeit einer adäquaten Weiterbildung bieten, . In den Sprach- und Literaturkursen für ausländische Studenten der philologischen Fakultät unterrichten meist erfahrene Lektoren. Ihr Erfahrungshorizont in diesem Sektor macht es möglich im Nachhinein einen rasant angewachsenen Entwicklungsstand in den Bereichen Sprache und Allgemeinwissen festzustellen. Abgesehen von den Seminaren speziell für ausländische Studierende, bei denen unbestritten ein zufriedenstellendes Niveau erreicht werden kann, empfehle ich etwas Mut bei der Entscheidung für Veranstaltungen, die für einheimische Studenten gedacht sind, zu beweisen. Die vermuteten Sprachdifferenzen sollten hier nicht als Hindernis gesehen werden, da Erfahrungswerte weiterer deutschstämmiger Studenten zeigen, dass sich alle Kursteilnehmer samt Lehrkräfte unheimlich auf die „Bamberger Zugänge“ freuen. Dabei wird euch von den Teilnehmern jegliche Hilfe angeboten. Dies bestätigt auch mein Werdegang, denn meine Russischkenntnisse, bedingt durch meinen Hintergrund, sind wohl durchaus ausreichend für den Tomsker Alltag, doch in den philosophischen und soziologischen Vorlesungen tat ich mich teilweise schwer. Dabei wurde ich immer von meinen Kommilitonen, die Professorinnen und Professoren und einem mich stets begleitenden Universitätstutor unterstützt. Wobei gesagt werden muss, dass das Interesse an Menschen, die aus dem europäischen Gebiet kommen, allgemein deutlich zu spüren ist. Auch in Zeitungs- oder Fernsehinterviews wurden Studienkollegen mit einer fast mütterlichen Sorge gefragt: „Vam nravitsja v Tomske?“ (Gefällt es Ihnen in Tomsk?). Die Wahl der Nebenfächer bat mir auch die Möglichkeit an soziologischen und philosophischen, russlandweiten Konferenzen teilzunehmen. Diese Besonderheit sehe ich heute noch als eine zentrale Eigentümlichkeit dieses Auslandsjahres. Zu konstatieren wäre nicht nur der professionelle Standard dieser Hochschule, die sich nicht ohne Stolz als eine der 100 besten universitären Einrichtungen weltweit präsentiert, sondern auch vor allem der menschliche Umgang und die Mühe der Beteiligten mir gegenüber sind unbestreitbar Anhaltspunkte, um eine Weiterempfehlung auszusprechen. 

Die Klasse der Universität zeigte sich auch in den Unterkünften. Eine objektiv hohe Einstufung der Wohnmöglichkeiten im „Parus“, einem segelähnlichen Bau, bestätigten die häufigen euphorischen Auslegungen der Tomsker: „Ty v Paruse živesh!“ (Du lebst im Parus!), aber auch der Fakt, dieses privilegierte Quartier nur den Europäern und „otličnikam“ (Einserkandidaten) zur Verfügung zu stellen. Die Freizeitgestaltung in Tomsk bietet ein opulentes Angebot an Aktivitäten um das Studentenwohnheim herum. Beispielsweise wird jedes Jahr gegenüber davon ein natürlicher See zur größten Eisfläche Sibiriens umfunktioniert und stellt afrikanische, asiatische und europäische Studenten beim dilettantischen Schlittschuhlaufen auf die Probe. Seitlich und entlang des Segelhauses eröffnet sich ein charmanter Blick auf den Fluss Tom‘ und kann im Sommer für eine amüsante, musikalische Schiffsfahrt genutzt werden. Das kulturelle Programm während meines Auslandsaufenthalts genoss ich in den Konzerthallen Tomsks. Dabei war eine vielfältiges Angebot vom russischen Chanson bis zur Klassik (u. a. Allegrova, P‘eha, die Gruppe Ljube, Bilan, Gergiev) vorhanden. Zugleich kam auch die slavische Hochkultur nicht zu kurz. Ein Pflichttermin sollte hier das Puppentheater (Theater der lebendigen Puppen „2 plus Ku“) sein. Abgesehen davon bereicherten auch renommierte Größen wie Puschkin („Pikovaja dama“, Pik Dame), Turgenev (Bezdenež’e) oder Bulgakov („Master i Margarita“, Meister und Margarita) meine Ausflüge ins Theater. Doch das prägnanteste Erlebnis war eine moderne Breakdance-Gruppe namens Judi, die ursprünglich von Waisenkindern gegründet wurde und heute weit über die Grenzen Russlands durch ihre Tanzbegabung für Aufsehen sorgt. Die kontroverse Entstehungsgeschichte dieser Jungs aus Tomsk und die restlos ausverkauften Konzerthallen verleiteten auch mich zu einer Judi-Manie.

Die Stadt Tomsk hatte in ihrer Vergangenheit immer einen starken Bezug zum Deutschen. Etwa die Hälfte der Russlanddeutschen leben auch heute noch im Stadtgebiet (ca. 9000). Dadurch sind Deutsche aus der BRD für die Einheimischen unheimlich interessant. Einen Taxifahrer zu treffen, der nicht nach seinem mittlerweile in Wiesbaden oder Rosenheim lebenden Schulbankfreund fragt, entspricht eher der Ausnahme. Daher kann bei Sehnsucht nach der Heimat/Heimweh auch ein Kaffee im Café Klaus oder ein Bier in der Brauerei Krüger getrunken werden, was dort auch in den regelmäßig organisierten Germanistenrunden erfolgen kann. Wobei das Zusammenkommen der Deutschen in Tomsk eher im russisch-deutschen Haus oder der deutsch-evangelischen Kirche stattfindet. Beide Bauwerke gehören zu den architektonischen Highlights dieser Stadt und wurden regelmäßig bei deutschsprachigen Veranstaltungen (Feste, Gottesdienste) von mir besucht.

Das Denkmal der Stadt Tomsk ist eine Statue, die von Einheimischen A. P. Čechov gewidmet wurde. Ein „Anton Pavlovič Čechov in Tomsk mit den Augen eines betrunken in einer Pfütze liegenden Mannes“ als Antwort auf seine kritischen Äußerungen gegenüber dieser Stadt. Auf der Durchreise nach Sachalin hielt sich der Autor im Jahre 1890 eine Woche in Tomsk auf und bis auf die Mittagsessen im Slavjanskij bazar („Obedy horošie“/Mittagsessen sind gut), auf der Tom‘-Promenade gegenüber vom heutigen Čechov-Denkmal, äußerte er sich in seinen Notizen nur missbilligend über die Universitätsstadt. Wer jedoch touristische Vorzeigerestaurants wie den Slavjanskij bazar meidet, lernt das ausgiebige Sortiment der Tomsker Kulinarikwelt erst wirklich kennen. Freilich kann ein Wiener Schnitzel auch im Restaurant München verspeist werden, doch eineAffinität zu deutschem Essen kann einem die Möglichkeit verwehren, z.B. georgische Hinkali oder armenischen Schaschlik zu kosten. Generell solltet ihr nicht immer den Schwärmereien armenischer Taxifahrer mit durchaus auch sympathischer Gestik nachgehen, nur im „Armenischen Haus“ zu dinieren, denn das könnte euch zu Gute kommen.

Meine Reisephilie konnte in Russland teilweise gestillt werden, denn das Studium in Tomsk gab mir die Chance von Burjatien über Sibirien, Kasachstan und Kirgisistan bis nach Zentralrussland zu reisen. An vielen Orten meiner Reise wurde ich durch verschiedene Assoziationen netterweise an die Slavistiklehrstunden in Bamberg zurückerinnert. In Ulan-Ude der Hauptstadt der Region Burjatiens sah ich förmlich die Karte Russlands aus der Sprachwissenschaft-Übung: „Die slawischen Länder und Sprachen im Überblick“ - dort an der mächtigsten Lenin-Büste (42 t) der Welt wurde ich an unsere russlandweite Zuordnung der Föderationssubjekte in Bamberg erinnert. Auf der gegenüberliegenden, sibirischen Seite des Baikalsees war ich beim Besuch der Stadt Krasnojarsk etwas irritiert, als einige Krasnojarsker beim Nachfragen, wo das Museum Surikovs liege, mich verwundert fragten, wer Surikov sei. Wobei ich das Unwissen natürlich nicht tragisch fand, sondern erstaunt darüber war, dass Surikov, den ich als eine Identifikationsfigur dieser Stadt und einen Künstler der Peredvižniki aus der Kunstwissenschaft kannte, im Herzen der Ennisej-Stadt jemandem fremd erscheint. Ebenso war mein Ausflug nach Bischkek und in die ästhetische Gebirgsumgebung dieser zentralasiatischen Metropole informativ. Hier stammt auch der kirgisische Schriftsteller Čingiz Ajmatov her, mit dessen literarischer Schöpfung ich erstmalig in einem Bamberger Literaturseminar in Berührung kam. Mein anschließender Flug in meine langersehnte Geburtsstadt an der euroasiatischen Grenze wurde von der Lektüre der herzbewegenden, international angesehenen Liebeserzählung Ajtmatovs „Džamilja“ begleitet und erleichterte das emotionale Wiedersehen. Ich blieb einige Tage, bevor es wieder in fränkische Gefilde zurückging und stellte dabei fest: „Nichts war dort wie zuvor. Vielleicht hätte ich die kindliche Illusion noch weiter aufschieben sollen…“.

Insgesamt ist festzuhalten, dass die Studienzeit in Tomsk meine Wünsche und Vorstellungen positiv bestätigten und ich es allen Slavistikkollegen weiterempfehlen möchte. Hiervon sollte euch auch die Durchschnittstemperatur von 0°C im Jahr nicht abhalten….