Exkursionen der Slavischen Literaturwissenschaft

Manchmal trifft Unerwartetes in einem Blick aufeinander.

Der Pfeiler aus zerfallendem Beton in einem verwahrlosten Teil von Sankt-Petersburg,

das Graffiti „Gogol’ lebt“ und im Auge des Betrachters eine ganze Welt aus Literatur,

grotesk und poetisch, tragisch und komisch.

Im Zwiespalt von Realität und Imagination, stürmischer Geschichte und leidenschaftlicher Literatur, Machtdemonstration und Kunst, Pracht und Elend schiebt sich eine großartige Stadt zwischen Himmel und Wasser.

Diese Stadt kann ihren Erbauer – Zar Peter I. –  nicht vergessen.

Wer Petersburg gesehen und erlebt hat, versteht die russische Kultur und Literatur besser: Aleksandr Puškin, Nikolaj Gogol’, Fëdor Dostoevskij, Aleksandr Blok und viele andere Dichter und Schriftsteller.

Der aus Deutschland nach Polen Reisende erlebt, wie nah ihm dieses Land, seine Kultur und Literatur sind. Er erkennt und fühlt, dass polnische und deutsche Menschen einen gemeinsamen Kulturraum bewohnen, der sich auf vielen Gebieten, aber besonders in der Literatur ausdrücken kann.

Illyrer, Kelten, Römer, Byzantiner, Slaven, Venedig, das Osmanische Reich, Österreich, Italien und Frankreich brachten nicht nur Unruhe, Machtanspruch und Leid in das Land zwischen Gebirgen und Meer, sondern hinterließen auch heute noch gut sichtbare kulturelle Spuren.

Kultur, Literatur, Sprachen und Kunst gedeihen gut in Räumen, die dazwischen liegen, so wie Dalmatien zwischen Westen und Osten, zwischen dem Mittelmeer und dem Balkan.

Wer „Fischen und Fischergespräche“ (Venedig, 1568) des Poeten und Universalgelehrten Petar Hektorović (1487 – 1572) von der Insel Hvar heute liest, erlebt, wie literarische Imagination, Landschaft, Lebensart und Kultur zu einem hinreißenden Bild verschmelzen.

Seit über 200 Jahren hinterlassen Russen – Dichter, Schriftsteller, Maler und Künstler – weit sichtbare Spuren im deutschsprachigen Kulturraum: Fёdor Tjutčev, Ivan Turgenev, Fёdor Dostoevskij, Vasilij Kandinskij, Marina Cvetaeva und viele andere.

„Германия – моя любовь!..“ – Deutschland – meine Liebe! (Cvetaeva, 1914)

Heute verblassen die gewohnten Grenzen zwischen Sprachen und Kulturen. Neben vielen Übersetzungen aus dem Russischen schreiben und veröffentlichen Schriftsteller russischer Herkunft in deutscher Sprache in Deutschland, z.B. „Der Engelherd“ (2016) von Olga Martynova, Werke von Vladimir Kaminer (seit 2000) und andere.