Chresiology – Chresiologie

Kurzbeschreibung / short presentation

Chresiologie

Die Hermeneutik hat der Moderne die “Kunst des Verstehens” gelehrt, der Strukturalismus hat der Wissenschaft Instrumente und Methoden für die Untersuchung von Systemen und Strukturen gegeben, und der Poststrukturalismus hat beiden ein multiformes, kritisches Nachdenken über Bedeutung und Ordnung hinzugefügt. Von diesen Theorien aus- und weitergehend bietet die Chresiologie ein philosophisches Dach für Theorien und Methodologien, die sich mit Relationen und Relationalität beschäftigen.

Relationen und Relationalität spielten schon in der frühen Hermeneutik und im ersten Strukturalismus eine wichtige Rolle, die im post-hermeneutischen und post-strukturalistischen Denken noch bedeutsamer wurde. Gegenwärtig ist Relationalität ein zentrales theoretisches Thema in einer rasch wachsenden Zahl von wissenschaftlichen Disziplinen. Die Beschäftigung mit dieser Thematik und Problematik verändert die Wissenschaft. Dennoch, da Relationen zu untersuchen, selbstverständlich das Bestimmen von Objekten voraussetzt, bleibt die stillschweigend geltende Prioritätenreihenfolge zwischen Bedeutung und/oder Ordnung, z.B. Systemen und Strukturen, auf der einen Seite und Relation auf der anderen Seite unangetastet. Sie lautet: Bedeutung und/oder Ordnung vor Relation.

Die Chresiologie verfolgt nicht das Ziel, diese Rangfolge permanent aufzuheben oder die (Post-)Hermeneutik bzw. den (Post-)Strukturalismus abzulösen – Paradigmenwechsel ergeben sich kaum, weil ein Einzelziel verfolgt wird. Eher “Relationierungskunst” als Relationalitätstheorie ermöglicht die Chresiologie, die Prioritätenreihenfolge zwischen Bedeutung und/oder Ordnung und Relation umzukehren und anschließend frei und verantwortungsvoll zwischen Prioritäten zu modulieren. Sie ermöglicht eine neue Art, Wissenschaft zu betreiben, ohne die bisherige zwangsläufig verlassen zu müssen.

Das Signet der Chresiologie, „chresis“, ist kein Begriff. Es behält weder, noch erhält es, eine Bedeutung im Rahmen dieser Theorie. Ebenso wenig bezeichnet es ein Untersuchungsobjekt. In Chresiologie fungiert „chresis“ als Kennzeichen – und gegebenenfalls als „hashtag“ –, das von einem lang ungebräuchlich gewordenen, antiken Wort, recycelt und neu verwendet wird. Deshalb wird am Ende dieser Kurzbeschreibung nicht erläutert, was chresis „ist“ oder „bedeutet“, sondern ein Hinweis darauf gegeben, was mit „chresis“ getan werden kann.

Wenn die Chresiologie etwas „ist“, dann „ist“ sie eine Modulation von Perspektiven und Herangehen, die auf der Nachhaltigkeit dessen basiert, was wir unseren „Thesaurus“, unseren „Wort-Schatz“ nennen. Es geht in der Chresiologie nicht darum, eine (weitere) Wende einzuleiten und (nur) eine andere Richtung einzuschlagen, sondern darum, sich zu wenden, nicht um nicht um Evolution, sondern um – „Verwenden“ („wie der wind die windmühlen“ und anders als Odysseus bei Spreng) .

Chresiology

Hermeneutics has introduced the “art of understanding” into modern scholarship, structuralism has provided the humanities in particular with a methodology of systems and structures, and post-structuralism has added to both a dimension of critical thought on meaning and order. Building on these earlier approaches of producing, classifying, and scrutinizing knowledge and meanings, Chresiology offers a new philosophical roof for theories and methodologies concerned with relations and relationality.

Relations and relationality already played an important role in traditional hermeneutics and structuralism. This importance has only increased in post-hermeneutical and post-structuralist thought. At present, relationality is a central theoretical issue in the sciences and the humanities alike. Exploring this issue further promises to effect deep changes in many, and potentially in all, disciplines. However, since analyzing relations requires that we determine (sets or parts of) objects, the tacit hierarchy between meaning and/or order—e.g. systems and structures—on one side and relation/s on the other side remains frequently unexamined and ultimately unchallenged: it is meaning and/or order first, relation/s second.

The purpose of Chresiology is not to invalidate this hierarchy permanently, nor to supplant (post-)hermeneutics or (post-)structuralism—such changes of paradigm are results of developments, hardly of singular pursuits. More a critical “art of relating” than a theory of relationality, Chresiology enables scholars to prioritize temporarily relation/s over meaning and order. Ultimately, it allows them to modulate carefully at what precise moments in their analysis they want to prioritize either meaning, order, or relations, without leaving their own fields of study and without rejecting, or renouncing, their respective fields’ extant theories and methods.

The signet of Chresiology, “chresis”, is not a concept. It does not retain, or receive, a meaning within or from this theory, nor does it designate an object of analysis. Within Chresiology, “chresis” works as a tag—and eventually as a hashtag—recycled from a disused ancient term and redesigned for present use. Therefore, this short presentation does not end with an explanation of what chresis “is” or “means”, but with a cue for what it can “do”.

If Chresiology “is” anything, then it “is” a modulation of perspectives and approaches based on the sustainability of what we call our “thesaurus”, our “word shrine”. It is not about taking one more methodological turn and moving into one (other) direction, but about turning around, not about evolving, but about revolving.

Aktuelle Publikation

Current work in progress: "Mind over Meaning: On Chresiology", excerpt preprint: https://romlit1.academia.edu/research.