ACNS’09 ‐ Paris‐Rocquencourt (France) here I come …

- Mit dem Ergebnis der eigenen Bachelorarbeit als Absolvent auf einer internationalen Tagung –

Über Emails tauscht man sich mit Bekannten und Freunden aus, Emails können Arbeit verursachen oder auch einfach nur Freude, manchmal sogar Beides! Die Email, die Jörg Lenhard (mittlerweile BSC Wirtschaftsinformatik) am 12. März 2009 erreichte, gehörte mit Sicherheit zu letzterer Kategorie: “It is our pleasure to inform you that your paper entitled "Performance Measurements of Tor Hidden Services in Low-Bandwidth Access Networks" has been accepted for ACNS 2009. Congratulations. ….”

Angenommen! Puh! Natürlich gab es auch Kritik und Verbesserungsvorschläge zu dem Artikel, der zwei Monate vorher nach Paris geschickt worden war, um für die International Conference on Applied Cryptography and Network Security begutachtet zu werden, aber die Annahme der Ergebnisse einer Bachelorarbeit auf einer international renommierten Tagung mit ziemlich harter Annahmequote (unter 20%) war natürlich in erster Linie eine ganz positive Überraschung.

Erst die Arbeit …

Aber von vorn: Begonnen hatte das Ganze für den damaligen Bachelorstudenten Jörg Lenhard im Sommer 2008 mit der Vorbereitung und Durchführung seiner Bachelorarbeit am Lehrstuhl für Praktische Informatik (Distributed Systems Group) unter maßgeblicher Betreuung von Karsten Loesing im Kontext des Tor-Projekts (Projekt finden sich auch auf www.torproject.org); Hintergründe zum http://www.uni-bamberg.de/kommunikation/news/hintergrund/artikel/keinhaeut/

Aufgabe war es, die Auswirkungen von leistungsschwachen Zugangsnetzen wie z.B. Handy-Verbindungen zum Internet auf das Anbieten und Anfragen von versteckten Diensten zu messen. Versteckte Dienste, das sind zunächst gewöhnliche Dienste wie wir sie jeden Tag nutzen, zum Beispiel Webseiten und Blogs. Diese werden jedoch so angeboten und abgefragt, dass weder der Anbieter noch der Nutzer seine Identität und seinen Aufenthaltsort preisgeben muss, wie es sonst normalerweise der Fall ist. Dies ist von hoher Bedeutung, beispielsweise für Bürger von Ländern in denen keine Pressefreiheit herrscht und die so von ihrer Situation berichten können oder sich informieren können, ohne zensiert zu werden oder Strafen fürchten zu müssen. Die Situation in China oder aktuell auch im Iran sind eindrucksvolle Beispiele für den Nutzen solcher Dienste.

Anonyme Kommunikation erfordert jedoch, aufgrund ihrer Komplexität, eine belastungsfähige Verbindung zum Internet und diese ist, besonders in weniger entwickelten Ländern, in denen auch aufgrund von politischer Instabilität eine stärkere Tendenz zur Unterdrückung der Meinungsfreiheit herrscht, absolut kein Regelfall. Die Quantifizierung und Analyse dieses Dilemmas wurde so noch nicht vorgenommen und war das Innovative an der Arbeit.

Die Ergebnisse der exzellenten Arbeit waren so nah am aktuellen Stand der Forschung und überzeugend, dass sie auch für die internationale Fachwelt (in Informatik ‚community‘) von Interesse sein konnten, was dann zum Entschluss führte, daraus ‚ein Paper zu machen‘. Die ACNS’09 war schnell identifiziert, die Deadline (scheinbar) noch hinreichend weit entfernt und das Zusammenfassen begann: 60 Seiten auf 18 Seiten zu komprimieren, war nicht so einfach – gottseidank war auch die Bachelorarbeit schon in Englisch, was das Artikelschreiben deutlich erleichterte. Nach mehreren Überarbeitungsdurchläufen war das dann zwar knapp aber doch so weit – das Paper wurde ‚submitted‘ und der schlimmste Teil begann: das Warten – aber wie es ausging, wissen wir jetzt schon. Das Einarbeiten der Änderungswünsche waren noch ein paar Tage Arbeit, aber dann war es so weit: anmelden, registrieren und Endversion abschicken.

… dann das Erlebnis: ACNS’09 – Paris – 2. - 5. Juni 2009

Der einzige Bachelor-Student auf einer internationalen Tagung mit Teilnehmern aus allen Erdteilen – darunter hoch-renommierte Wissenschaftler – zu sein, ist dann natürlich eine Erfahrung für sich. Mit diesen Leuten, trotz des Wissensunterschiedes, diskutieren und ohne Vorbehalt freundschaftlich reden und scherzen zu können und Kontakte zu knüpfen, eine weitere. Unmittelbar vor dem eigenen Vortrag vor dem gesammelten Plenum ist die Anspannung natürlich groß, aber hat man das Podium einmal betreten und beginnt zu reden, ist es nicht viel schwieriger, als würde man im Bamberger Seminarraum vor den Studenten stehen und eine Übung halten. Der Zwang zum produktiven Arbeiten mit englischsprachigen Texten in der Informatik, aber auch das im Bachelorstudiengang untergebrachte Auslandssemester (University of Skövde, Schweden) erweist sich im Nachhinein als gute Vorbereitung für die internationale ‚Bühne‘.

Es zeigt auch, dass man als Bamberger Student durchaus in der Lage ist, auch in Fachgebieten wie der Kryptographie, die hier nicht schwerpunktmäßig gelehrt werden, mit Informatikern von Universitäten mit Weltruf, zu konkurrieren. Eine Woche lang neun Stunden täglich den, nicht gerade trivialen, Vorträgen der anderen Konferenzteilnehmer beizuwohnen ist dann sicher auch keine leichte Angelegenheit. Zwar versteht man sicher nicht alles auf Anhieb, aber doch mehr als zu Beginn erwartet und man erhält äußerst interessante Einblicke in viele Teildisziplinen, zu denen man bisher so noch keinen Kontakt hatte.

Diese Erfahrungen zahlen alle Arbeit und Mühen, die der Prozess des Publizierens erfordert, tausendfach zurück.

Forschungsorientiertes Lehren und Lernen in Zeiten des Bachelor – geht also doch?

Landauf, landab häufen sich die Klagen über die Umstellung vom klassischen Diplom- oder Magister-Abschluss zu gestuften Bachelor- und Master- Programmen. Erste Professoren quittieren den Dienst, unter anderem weil sie zur Modularisierung ihrer Lehrinhalte gezwungen werden. Komplett verschulte und inhaltlich vollgestopfte Bachelor-Studiengänge, die mit dem Versuch kläglich scheitern, ganze Diplomstudiengänge in 6 Semester zu packen, und statt schnellerer Studienabschlüsse nur gestresste Studierende, höhere Studienabbruchsquoten, frustrierte Lehrende und letztlich Bachelorabsolventen hervorbringen, mit denen die Arbeitgeber evtl. (noch) nicht viel anfangen können, werden als direkte Folge des Bologna-Prozesses dargestellt. Es wird nach einer ‚Reform der Reform‘ gerufen, ehe die Umstellungen flächendeckend greifen und die sich umstellenden Hochschulen und Fakultäten auch nur die geringste Chance bekommen, die typischen Anfangsschwierigkeiten neuer Studiengänge zu erkennen und zu beheben.

Dass es auch anders gehen kann, zeigen mittlerweile eine ganze Reihe von erfolgreichen Studiengängen, wie auch die Bamberger Wirtschaftsinformatik. Von vorneherein auf 7 Semester angelegt mit dem explizit als Profilbildung integrierten Modul ‚Internationalität‘, gelingt es, eine solide Ausbildung für Bachelor anzubieten, die durch frühe Integration der Studierenden in die Forschungsarbeit der verschiedenen Professuren auch Bachelor-Absolventen bis an den aktuellen Stand international konkurrenzfähiger Forschung bringen kann. Im optimalen Fall – wie hier geschildert – gelingt dies auch innerhalb der Regelstudienzeit und mit Bestnoten. Und das selbstverständlich als nächstes Ziel anvisierte Master-Angebot wartet schon mit neuen Herausforderungen.

Jörg Lenhard(1.0 MB), Guido Wirtz

Der Artikel zum Vortrag findet sich als download (pdf) unter www.unibamberg.de/pi/bereich/forschung/publikationen/09_2_loesing_wirtz_lenhard/