„Demokratie ist nicht mit Ketten am Himmel gesichert“

Hegelforum I: Über die politische Reichweite der Moral

Von Julian Müller

Passen Moral und Politik zusammen? Und wenn ja, wie? Der Historiker und Philosoph Prof. Dr. Michael Stürmer versuchte im Auftaktvortrag des Hegelforum Moral und Politik – bestenfalls ein schräges Verhältnis – eine Antwort.


Der Hörsaal im Erdgeschoss der Universität 2 war voll besetzt. Bei weitem nicht nur Philosophieprofessoren und -studierende kamen am 11. Mai zusammen, um sich auf das Thema der bevorstehenden Hegelwoche, Moral und Politik, einzustimmen. In Zeiten, in denen die Verhaltensweise mancher Spitzenpolitiker Gegenstand moralischer Diskussionen ist, scheint die Beleuchtung dieses ambivalenten Verhältnisses relevanter denn je.
Als ehemaliger Berater des Altkanzlers Helmut Kohl bekam der 73-jährige Michael Stürmer Einblick hinter die Kulissen der politischen Bühne und ist damit bestens geeignet, über Moral und Politik zu referieren: Im Laufe seiner Karriere habe er dieses eigenartige Zusammenspiel moralischer und politischer Ansprüche immer wieder „live und in Farbe“ beobachten können.

„Ein Drama ohne Happy End“

Dass Moral und Politik schwer unter einen Hut zu bringen seien, verriet Stürmer bereits im Titel seines Vortrages – es sei „bestenfalls ein schräges Verhältnis“. Gleich zu Beginn nahm er damit unvermittelt das Ergebnis seines Vortrags vorweg und warnte alle Anwesenden davor, dass es sich bei diesem Thema um ein „Drama ohne Happy End“ handle. Denn käme man auf die gefährliche Idee, das Eine ohne das Andere auszuführen, wäre das Resultat entweder eine Katastrophe oder fortschrittsfeindlich. Im Klartext: Politik ohne Moral würde früher oder später skrupellos. Moral ohne Politik dagegen scheine zwar positiver, werde aber keinen Fortschritt bringen.

„Absolute Moral gibt es nicht“

Der Illusion von absoluter Moral ließ Stürmer keinen Raum. „Schon die Forderung danach ist falsch“, stellte er klar. Derartige Versprechungen und Vorhaben seien „demokratie-inkompatibel“ und damit eine Gefährdung demokratischer Werte. Man solle bedenken: „Demokratie ist nicht mit Ketten am Himmel gesichert.“
Das Gegenteil, also Politik ohne Moral in einer allgemein akzeptierten Definition, finde sich häufig in Diktaturen, führte der emeritierte Professor weiter aus. Stalin und Hitler hatten „extreme Moralvorstellungen“, die ihnen auch „Blutdurst, Massenmord und Bereicherungslust“ erlaubten. Sie waren, wie auch Lenin, für ihre „brutale Machtausübung“ bekannt und handelten ganz nach Robespierres Motto "Mögen sie uns hassen, wenn sie uns nur fürchten".
Wie sehr Moral und Politik im Konflikt stehen, hielt der Historiker seinen Zuhörern mithilfe rhetorischer Fragen vor Augen: Gibt es einen gerechten Krieg? Gibt es gerechte Abschreckung? Und ist es moralisch, Nordkorea oder dem Iran Geschenke aus aller Welt zu machen, damit sie ihre Nuklearrüstung aufgeben? „Es gibt Zeiten, da muss man mit dem Teufel Suppe essen. Dazu braucht man aber einen langen Löffel“, sprach Stürmer sich für Kompromisse aus und resümierte: „Moral und Politik, das ist ein Problem ohne Ende“. Das mag einerseits zwar schlecht für die Lösung des Problems sein. Andererseits liefere es natürlich die bestmögliche Grundlage für Diskussionen, wie sie das Hegelforum und die Hegelwoche bieten.