Ein Zoo-Besuch mit Kant

Hegelforum Teil III: Zwischen Politikern, Moralisten und Gesinnungsterroristen

Von Matthias Waha

Warum das düstere Menschenbild das gesündere ist und warum es nur eine Herrschaft des Rechts geben darf: Prof. Dr. Harald Seubert spaziert mit Kant durch die politische Philosophie und versucht ihre Möglichkeiten auszuloten.

Wenn von etwas sehr viel in verschiedenen Ausführungen vorhanden ist, verspürt der Wissenschaftler den Drang, Einzelheiten zu bestimmen und Gruppen zuzuordnen: Das Prinzip der Simplifikation erleichtert das Verständnis der Welt. Eine solche Artenbestimmung nahm Harald Seubert (Bamberg / Posen) am 25. Mai beim dritten Vortrag des Hegelforums vor, und zwar für den homo politicus. Unter dem Titel „Moralische Politiker oder politische Moralisten. Ein philosophisches Bestiarium“ folgte Seubert zunächst der klassischen kantischen Unterscheidung: Auf der einen Seite politische Moralisten, also Real- bzw. Machtpolitiker (z.B. Bismarck, Franz Josef Strauß). Auf der anderen moralische Politiker, also solche, für die Sittlichkeit immer Zweck, niemals nur Mittel ist (eine Seltenheit, mit Wohlwollen z.B. Helmut Schmidt). Den beiden Gattungen stellte Seubert eine dritte hinzu, die des Gesinnungspolitikers oder, deutlicher, des Gesinnungsterroristen (z.B. die Jakobiner). Dieser verfolgt seine Überzeugungen dermaßen konsequent, dass aus Moral letztlich Ideologie und Fanatismus wird. Wenn das nun die Landkarte der politisch Handelnden ist, wie kann ein friedliches Zusammenleben funktionieren? Und wie viel Einfluss kann eine normative politische Philosophie überhaupt haben?

Das Recht ist der Mittler zwischen Moral und Politik

Im Spannungsfeld zwischen Moral und Politik ist für Kant wie Seubert das Recht der Mittler. Denn das Recht – wenn es eines ist, das den Namen verdient – beherrscht die Politik. Und das Recht stellt auch sicher, dass ein Zusammenleben zwischen verschiedenen Moralvorstellungen möglich ist. Das Recht sei die negative Minimalformel einer jeden Gesellschaft. Braucht man die Moral also in der Politik gar nicht, zudem in einer, die einen liberalen und pluralistischen Staat verwaltet? An dieser Stelle wendet Seubert ein, dass eine Politik, die nur auf das Funktionieren aus ist und ethische Diskussion außen vor lässt, blutleer sei und zur „Eunuchenrepublik“ verkomme. Moral ist also Bestandteil der Politik, nur muss man sich dafür hüten, anzunehmen, moralische Erkenntnisse und Urteile seien eins zu eins in operative Politik zu überführen. Das nur auf den ersten Blick banal klingende Hegelsche Diktum vom „sich anerkennen als sich gegenseitig anerkennend“ sei die dialektische Zauberformel, die so manchen Ärger ersparen würde, sowohl in den parlamentarischen und außerparlamentarischen Diskursen wie auch im Verhältnis von Moral und Politik.

Viel Skepsis macht viel Hoffnung

Neben unzähligen weiteren Denkern (Rousseau, Max Weber, Machiavelli, Fichte etc.) und Themen (das Politische vs. das Private, die Rechtfertigung von Recht usw.) war die Frage nach dem politischen Menschenbild in Seuberts Vortrag von entscheidender Bedeutung, leitet dies doch über zu den Möglichkeiten der politischen Philosophie per se. Am gesündesten sei es, Kants düsterem Menschenbild zu folgen. Denn: „Das ist Anthropologie des worst case in pragmatischer Absicht.“ Schließlich ist der Mensch zu allem fähig, zu allem Schlechten, aber eben auch zu allem Guten. Das heißt, dass Frieden immer gestiftet werden muss, nie naturwüchsig ist, aber der Frieden immerhin Bestand haben kann. Eine politische Philosophie muss nach Seubert also derart beschaffen sein: „Normativ und deskriptiv, idealistisch und zuinnerst skeptisch, universalistisch und den Kulturdifferenzen, Diversitäten und Partikularitäten Rechnung tragend. […] Sie muss die Sachlagen beschreiben, wie sie sind, ohne das Sollen darüber preiszugeben.“