Erst der Marxismus, dann die Moral

Hegelforum II: Eine Analyse der Auswirkungen der marxistischen Theorie auf die politische Praxis

Von Jörg Döbereiner

Im zweiten Vortrag des Hegelforums erläuterte Dr. Gerhard Stamer weshalb der Marxismus in der Praxis so brutal sein konnte, warum Kritik am Kapitalismus trotzdem wichtig ist und wie diese jenseits von Marx aussehen könnte.

Ein Blick auf das bewegte Leben Dr. Gerhard Stamers genügt, um zu erkennen: Wenn dieser Mann einen Vortrag zur „paradoxen Identität von Moral und Politik bei Karl Marx“ hält, weiß er, wovon er spricht. Nach dem Studium bei Adorno und Habermas führte Stamers Weg in die Praxis der Arbeiterschaft. Acht Jahre lang war er Schiffbauer in Hamburg, bevor er zum Thema Erkenntniskritik und Arbeiterbewegung  promovierte. 1994 gründete er mit „REFLEX“ ein Institut für praktische Philosophie, das er seither leitet.

Kein Wunder also, dass die praktische Philosophie auch in Stamers Beitrag zum diesjährigen Hegelforum im Mittelpunkt stand. „Wie ist es gekommen, dass die marxistische Theorie – deren innerster Impuls Moral und Humanität ist – im Verlauf ihrer praktischen Umsetzung in Inhumanität und Barbarei hat umschlagen können?“, formulierte Stamer gleich zu Beginn die entscheidende Frage seines Vortrags. Und gab sogleich seine Antwort: „Weil in dieser Theorie die Moral in die Politik aufgehoben wurde.“

Revolution statt moralischer Erziehung

Ausgangspunkt Marx' ist, so Stamer, eine zutiefst moralische Regung: die Empörung über das Elend der arbeitenden Bevölkerung. Die verwerfliche Herrschaft der „toten Arbeitskraft“ (des Kapitals) über die „lebendige, produktive Arbeitskraft“ (die Arbeiter) ist verantwortlich für eine ganze Reihe von Entfremdungen. Da ist beispielsweise die Entfremdung des Menschen von sich selbst, wenn die eigene Arbeitskraft zur Ware wird; aber auch die Entfremdung gegenüber anderen Menschen aufgrund der existierenden Klassenunterschiede. Um diesen inhumanen Zustand aufzuheben, müssen nach Marx die wirklichen gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse hergestellt werden, das heißt die gesamte Gesellschaft soll bekanntermaßen nach dem Vorbild des Kommunismus revolutioniert werden.

Wie Stamer eindrücklich und nachvollziehbar analysierte, hat in dieser Theorie das Böse nun seinen Ursprung nicht mehr, wie dies traditionell gesehen wurde, im einzelnen Menschen und in dessen Wollen und Tun. Stattdessen liegt der Ausgangspunkt des moralisch Schlechten für Marx in der unmenschlichen Gesellschaftsordnung. Will man die Welt moralisch besser machen, so darf man also konsequenterweise nicht länger an die Seele oder das Gewissen des Einzelnen appellieren, sondern man muss die Gesellschaft verändern. Damit aber, so formuliert Stamer prägnant, „tritt das politische Kalkül an die Stelle ethischer Entscheidung; die Revolution der Gesellschaft ersetzt die Erziehung des Menschengeschlechts.“

Moralische Kapitalismus-Kritik

Um die Gewalt zu verstehen, die Millionen von Menschen unter Stalin oder Mao Zedong das Leben kostete, bedarf es jedoch auch eines Blicks auf die marxistische Geschichtsauffassung. Geschichte versteht Marx als eine sich vollziehende, mehrstufige Entwicklung, an deren Ende der Kommunismus steht. Jede einzelne Stufe ist deshalb auf dem Weg zum Kommunismus als notwendig anzusehen. Mit dieser Auffassung aber, so Stamers Analyse, kann alles gerechtfertigt werden, solange es dem Fortschritt dient, der zum Kommunismus führt – auch die größten Unmenschlichkeiten.

Hier hätten Stamers Analysen enden können – doch der virulente Redner bezog abschließend selbst Stellung und plädierte für einen dritten Weg jenseits von Kommunismus und Kapitalismus. Denn dass letzterer durch das Scheitern der Alternative noch lange nicht gerechtfertigt ist, daran besteht für Stamer mit Blick auf die zahlreichen Probleme des Kapitalismus´ kein Zweifel. Die Moral, so argumentierte er im Anschluss an Kant, ist entgegen aller marx'schen Theorie eine eigenständige Dimension des menschlichen Lebens. Deshalb gelte es, den Kapitalismus nicht – wie Marx – mit einer wiederum ökonomischen Theorie anzugreifen, sondern von einer genuin moralischen Warte aus Kritik zu üben. Der Frage aus dem Publikum, wie dies ganz konkret praktisch auszusehen hätte, entzog sich der Philosoph Stamer allerdings an diesem Abend. Nicht nur bei Marx besteht eben ein großer Unterschied zwischen praxisbezogener Theorie und theoriebezogener Praxis.