Die Würde des Ortes erhalten

Bamberg. „Die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten ist eine staatliche – aber nicht nur eine staatliche Aufgabe“, eröffnet Karl Freller seinen Vortrag an der Universität Bamberg in der Vorlesung „Gedenkstättendidaktik“. Freller ist seit Dezember 2007 Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten und schon in seiner Zeit als Lehrer mit dem Erinnerungsdiskurs beschäftigt gewesen.

Der Inhaber der Professur für Didaktik der Geschichte, Prof. Bert Freyberger, freute sich über den Besuch des ehemaligen Kultusstaatssekretärs: „Mit Ihnen haben wir einen Referenten, der für die Verantwortung des Staates für die Erziehung zur Demokratie steht“, so Freyberger. Freller nahm den Ball auf: „Als junger Lehrer bin ich mit einem Kollegen schon Ende der 70er Jahre nach Flossenbürg gefahren. Damals war es tatsächlich ‚die vergessene Gedenkstätte’“, führt Karl Freller seine ersten Begegnungen mit der Gedenkstättenthematik aus. Als er 1982 in den Landtag gewählt wurde, kam er abermals mit dem sensiblen Thema in Kontakt: Im Bildungsausschuss wurde er von den Kollegen beauftragt, sich des Themas anzunehmen. „Seither zieht sich das Engagement für Gedenkstätten wie ein roter Faden durch meine Tätigkeit“, so Freller. Als Staatssekretär im Kultusministerium von 1998 bis 2007 war er dann im Hause verantwortlich für die Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, die für die inhaltliche Zuarbeit im Gedenkstättenbereich zuständig ist.

Dass die beiden großen Gedenkstätten Dachau und Flossenbürg lange Zeit bei der Staatlichen Verwaltung der Schlösser, Gärten und Seen angesiedelt war, kann Freller auch heute nicht nachvollziehen. „Vor mehr als 20 Jahren wurden sie dann unter die Aufsicht des Kultusministeriums gestellt. Und 2002 entstand dann endlich die Stiftung Bayerische Gedenkstätten“, führt Freller die weitere Entwicklung aus. „Die Rechtsform der Stiftung soll auch deutlich machen, dass wir weitere gesellschaftliche Gruppierungen unbedingt einbinden wollen und auch müssen, um das Gedenken an die schrecklichen Verbrechen des Holocausts in angemessener Weise zu gewährleisten.“ Doch nicht nur die beiden großen Gedenkstätten Dachau und Flossenbürg stehen im Fokus der Stiftung. In Bayern gab es zahlreiche Außenlager, die nach 1945 in Vergessenheit gerieten. Auch diese Gedenkorte, darunter etwa Hersbruck, Kaufering oder Mühldorf, topografisch sichtbar zu machen und auch dort effektive Erinnerung zu ermöglichen, ist Aufgabe der Stiftung.

Die Gedenkstätten als Zeugen und Lernorte zu erhalten und zu gestalten ist deshalb als Stiftungszweck festgeschrieben und wird von Stiftungsdirektor Freller sehr ernst genommen: „Wir müssen uns auch bemühen, die Würde des Ortes zu erhalten und aus dieser sensiblen Thematik keinen Touristen-Anziehungspunkt machen, den man einfach mitnimmt.“ Deshalb seien für Karl Freller Besucherzahlen auch sekundär und kein Argument für oder gegen einen Standort. Zwar ziehe die Gedenkstätte Dachau viele Besucher jährlich an, das Gedenken an die Opfer müsse aber im Zentrum stehen.

Das direkte Gespräch mit den Studierenden, zumeist in Lehramts-Studiengängen eingeschrieben, erbrachte weitere Erhellung. Die Tatsache, dass die meisten Zeitzeugen in den nächsten Jahren sterben werden, macht die Arbeit an den Gedenkstätten schwieriger, weil viel Wissen, dass bis heute nicht konserviert ist, unwiederbringlich verloren sein wird. Deshalb sei es derzeit eine vordringliche Aufgabe, dass an den Gedenkstätten und in deren Archiven biografische Daten und Lebensberichte gesichert und für die Nachwelt aufbereitet werden.