Tagungen und Kongresse

Aktuelle Termine

Digital | 11.–12. Juni 2021

in Zusammenarbeit mit dem LVR-Freilichtmuseum Kommern (Mechernich).

Aufgrund der aktuellen Situation wird es eine reine Online-Veranstaltung, zu der Sie sich bequem über folgenden Link anmelden können: https://bit.ly/32xNRJh

Zur Website der Kommission: https://religiositaet.wordpress.com/

 Inhalt

„Nur in der Stadt kannst du rein religiös sein“, behauptete der Ethnologe Werner Schiffauer 2011 in einem Gespräch mit dem katholischen Priester Leo Penta. Schiffauer äußerte damit die Vermutung, dass nur die Stadt genügend sozialen und kulturellen Freiraum zur Gestaltung ganz eigener Vorstellungen des Religiösen wie Spirituellen biete, die lediglich dort mit Gleichgesinnten umgesetzt werden könnten. „Auf dem Dorf“ sei Religion dagegen immer stärker in soziale Lebenszusammenhänge eingebettet und tendenziell gesellschaftlichen Repressionen unterworfen. Dieser Stoßrichtung einer behaupteten größeren Vielfalt des Religiösen und Spirituellen im urbanen Raum folgten seither thematisch einschlägige Tagungen und Publikationen. Religiöse und spirituelle Transformationsprozesse im ländlichen, nicht selten als peripher wahrgenommenen Raum gerieten dagegen in den letzten Jahren etwas aus dem Fokus der kulturanthropologischen Forschung.

Die Mehrfachnutzung und Umwidmung sakraler Bauten, unerwartete interreligiöse Zusammenarbeiten und Allianzen, die bewusste Ansiedlung religiöser Gemeinschaften, die historische Bedeutung des „Landjudentums“, die Anwendung alternativ-spiritueller Kulturtechniken, die Präsenz neureligiöser und neuheidnischer Bewegungen sowie hybrider Formen des Religiösen und die generelle Bedeutung religiöser Institutionen als zivilgesellschaftliche Akteure zeigen, inwiefern der ländliche Raum mitnichten lediglich ein Hort von Bewahrung und Beharrung ist. Vielmehr finden wir auch hier Möglichkeitsräume religiös-spiritueller Hoffnungen und Fragen vor, Orte religiöser Auf- und Umbrüche sowie der Diversität. Die Suche nach und das Entdecken von Entschleunigung, innerer Zufriedenheit und neuer Kreativität stellen zwar einerseits Topoi dar, die gerade im ländlichen Kontext befördert werden. Allerdings motivieren und provozieren sie andererseits vielfältige religiöse und spirituelle Sinnentwürfe, Lebensstile und Topographien, die einer dichten Beschreibung und differenzierten Kulturanalyse bedürfen. Um einer Reproduktion romantischer Stereotype vorzubeugen, darf dabei natürlich nicht übersehen werden, dass die ländlich geprägten Regionen Europas trotz etwaiger politischer Förderlinien mitunter schwer mit den Folgen des demografischen Wandels und infrastrukturellen Defiziten zu kämpfen haben – was sich u.a. im Zustand der religiösen Institutionen widerspiegelt. Diesen Aspekten soll auf der 5. Tagung der Kommission für Religiosität und Spiritualität in historischer wie gegenwartsorientierter Perspektive nachgegangen werden.

Programm

Freitag, 11. Juni

ab 12.30 Uhr    Virtuelles Ankommen

13:00-13:30 Uhr         Begrüßung   

   Josef Mangold (Kommern), Christine Bischoff (Kiel), Mirko Uhlig (Mainz)

                                  

   Aushandlung sakraler Räume

13:30-14.15 Uhr         Gemeinschaft und Gesellschaft im Kirchenraum

   Jens Wietschorke (Wien/München)

14:15-15:00 Uhr         Was bleibt vom Notkirchenprogramm? Transformationsprozesse in den evangelischen Notkirchengemeinden seit 1948

   Alina Hilbrecht und Raphael Thörmer (Kommern)

15:00-15:30 Uhr         Auf einen (virtuellen) Kaffee/Tee

 

                                   Wa(h)re Region – wa(h)re Religion?

15:30-16:15 Uhr         Ritual, Opfer, Kulte. Zum populärmedialen Othering des Ländlichen über das Religiöse

                                   Manuel Trummer (Regensburg)

16:15-17:00 Uhr         Religiöser Protest in Stadt und Land – und darüber hinweg

                                   Claudia Willms (Frankfurt a. M.)

17:00-17:45 Uhr         Erleuchtung auf dem Lande: Von Gurus, Stupas, Tantrakursen und Meditations-Retreats in der deutschen Provinz

                                   Martin Papenheim (Bochum)

 

17:45-18:30 Uhr         Pause

 

18:30-19:30 Uhr         Filmvorführung und Diskussion mit den Filmautor*innen

                                   Dagmar Hänel (Bonn), Carsten Vorwig (Kommern)

 

ab 19:30 Uhr              Virtuelles Beisammensein und Kommissionstreffen (offen für alle)

 

 

 

Samstag, 12. Juni

 

   Erinnern und Erneuern

09:00-09:45 Uhr         Die Synagoge bleibt im Dorf! „Vervollständigung" als Argumentationsfigur bei der Initiierung neuer Dokumentations- und Sanierungsmaßnahmen an ehemaligen     

                                   Orten jüdischen Lebens im ländlichen Franken

                                   Jochen Ramming (Würzburg)

09:45-10:30 Uhr         Eine Synagoge zieht um – Der Wiederaufbau der Allersheimer Synagoge im Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim

                                   Jonas Blum (Bad Windsheim)

 

10:30-11:00 Uhr         Austausch bei (virtuellem) Kaffee/Tee

 

   Materialität und Medialität

11:00-11:45 Uhr         Schreiben, um gehört zu werden. Zur Materialität religiöser Kommunikation im Medium des Anliegenbuchs

                                   Sabine Kienitz (Hamburg)

11:45-12:30 Uhr         „...von meinen Händen geschrieben". Materialität und Alltagspraxis von Himmelsbriefen im Ersten Weltkrieg

                                   Theresa Müller (Hamburg)

12:30-13:15 Uhr         Die spanische ländliche Region von Las Hurdes: vom „rauen Tal voller Dämonen" zum „Paradies des Übernatürlichen"

                                   Marina Jaciuk (Eichstätt-Ingolstadt)

 

13:15-14:30 Uhr         Mittagspause

 

   Empfangen und Entsenden

14:30-15:15 Uhr         Die Kirche im Dorf und der Kindersegen: Vorurteile über die Familienplanung von Pfarrehepaaren während des Fertilitätswandels

   Katerina Piro (Mannheim)

15:15-16:00 Uhr         „Vom Dorf auf einen fremden Kontinent". Missionarinnen aus ländlichen Familien und ihre Art der Emanzipation

                                   Christine Aka (Cloppenburg/Vechta)

 

16:00-17:00 Uhr         Abschlussdiskussion, Resümee und Verabschiedung

Digital | 11.-13. August 2021

Längst ist der Begriff des Narrativs in der politischen Welt angekommen. Nicht nur in der Politikberatung spielt der Begriff eine zentrale Rolle, auch Politiker*innen nutzen den Begriff strategisch, u.a. um ihr Tun zu plausibilisieren und um Wähler*innenstimmen zu gewinnen: Etwa, wenn die SPD in Deutschland ein neues Narrativ fordert, das ihre Abkehr von den sog. Hartz IV-Reformen vermittelt, oder wenn die ehemalige deutsche Verteidigungsministerin beim Rekruten-Gelöbnis 2018 ein neues Narrativ für die Bundeswehr vorschlägt, das ein Bewusstsein für die demokratischen Grundwerte fördern soll.

Das politische Erzählen als kulturell kodierte Praxis und politische Narrative als Formate des Erzählens haben dabei je spezifische Funktionen – sie sind ein machtvolles Instrument der Vermittlung politischer Ideen. Und gleichzeitig ist das politische Erzählen eine alltägliche, lebensweltliche Praxis des Sprechens, in dem Positionen verhandelt und Weltdeutungen artikuliert werden. Diese Janusköpfigkeit des politischen Erzählens, die jüngst auch die von Stefan Groth herausgegebene Ausgabe der Zeitschrift Narrative Culture mit dem Titel „Political Narratives/Narrations of the Political“ pointiert kulturwissenschaftlich ausbuchstabiert hat, steht im Zentrum der 11. Tagung der Kommission für Erzählforschung innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde.

Die Tagung knüpft an die vorangegangene Tagung zu Verschwörungserzählungen an, möchte den spezifisch erzählforscherischen Blick mit gegenwartsorientierten und historisch argumentierenden Perspektiven jedoch analytisch und thematisch weiten und einen Dialog zwischen der Erzählforschung und der Anthropology of Policy intensivieren.

Organisatorische Informationen

Die Tagung findet online via Zoom statt. Anmeldungen sind ab sofort möglich mit einer formlosen Mail an: sekretariat(at)kaee.uni-freiburg.de. Die Teilnahme ist kostenlos.

Informationen zur Tagung finden Sie auch unter: https://www.kaee.uni-freiburg.de/sciencetopublic/politisches-erzaehlen-narrative-genres-strategien.

Programm im Überblick

(Stand: 12.05.2021)

Keynotes:

  • Stefan Groth: Kontext und politisches Erzählen
  • Sebastian Dümling: Der märchenhafte Populismus oder: Die Politik der Gattung

Sektion 1: Narrative Dimensionen politischer Geschichte

  • MakotoYokomichi: Politisches und unpolitisches Erzählen über die NSDAP in Japan
  • Siegfried Becker: Blumen des Bösen. Faschistische Narrative und politische Verantwortung aus Perspektive und Geschichte der Erzählforschung 
  • Brigitte Frizzoni: „Moskau einfach!“ Die narrative Aufarbeitung des Fichenskandals in der Schweiz

Sektion 2: Narrative Strategien I

  • Samuel Wegmann: „Zürich – Millionärin der Vielfalt“ 
  • Kathrin Pöge-Alder: Oberbürgermeisterwahl in der „Boomtown“ Leipzig. Eine empirische Studie zu den Narrativen der Auseinandersetzung

Sektion 3: Narrative Strategien II

  • Mirko Uhlig: Erzählen über und in der Krise - ein Projektbericht.
  • Bernd Rieken: Die Hl. Corona, Tirol und das „liebe Geld“.
  • Malte Völk: „Inhalte überwinden!“ Politisches Erzählen im Modus des Humors 
  • Dieter Herz: „So geht sächsisch“: Eine Erzählung in Zeiten gesellschaftlicher Transformation

Sektion 4: Genres und Gattungen politischer Narrative

  • Wilhelm Solms: Gedenkreden. Reden von deutschen Politikern zum Gedenken an die Sinti und Roma, die im Dritten Reich deportiert und vernichtet wurden
  • Barbara Gobrecht: Hier spricht der König! Politische Narrative im Märchen
  • Christine Shojaei-Kawan: Revolutionäre Narrative um Marie-Antoinette oder: wie mit Liedern, Spottversen, Gerüchten und Anekdoten bis heute Politik gemacht und Geschichte erzählt wird 
  • Dennis-Marius Thieme: Untersuchung der Debattenkultur des Deutschen Bundestages in der 19. Legislaturperiode

Sektion 5: Zur strategischen/instrumentellen Dimension politischer Narrative

  • Ove Sutter: Experientiality, personal action frames und epistemische Sozialitäten. Zur Bedeutung des Narrativen in gegenwärtigen Protestmobilisierungen
  • Inga Klein: „Ich bedaure zutiefst…“ Narrative Strategien des Invektiven und der Entschuldigung in politischer Skandalkommunikation 

Sektion 6: Objekte und Materialitäten als Gegenstand politischer Narrative

  • Lars Winterberg: „Fleischnarrative“ – politisches Erzählen im Umgang mit Tier und Fleisch
  • Meret Fehlmann: Heimelige Pfahlbaudörfer auf paradiesischer Höhe – vom Mythos der Pfahlbauer als idealisierte Vorfahren des Schweizer Volkes

Regensburg |  24.–26. September 2021

Die 123. Jahrestagung der Görres-Gesellschaft findet vom 24. bis zum 26. September 202 (in Regensburg oder digital) statt unter dem Rahmenthema 'Toleranz? Herausforderungen und Gefahren'. Die Jahrestagung reflektiert damit das Spannungsfeld zwischen der Verpflichtung zu Toleranz als einer unhintergehbaren zivilisatorischen Errungenschaft, auch wenn diese zu leisten beträchtliche Herausforderungen mit sich bringt, und den Grenzen der Toleranz, die dort zu finden sind, wo das gesellschaftliche Grundverständnis – etwa die Grundlageneiner freiheitlichen Gesellschaft – in Frage gestellt werden.

Diesen Zwiespalt gilt es bei der Jahrestagung der Görres-Gesellschaft in seinen unterschiedlichsten Dimensionen auszuloten und dabei auch die vielfältigen Formen des Umgangs mit Toleranz in ihrer gesamten historischen sowie kulturellen Breite zu reflektieren. Wie in den Vorjahren wurde mit der Wahl des Rahmenthemas eine gesellschaftlich virulente Debatten aufgegriffen, das die Möglichkeit bietet, ein in der Gegenwart zwar vielleicht besonders drängendes, aber eigentlich historisch wie geographisch geradezu universelles Thema mit den interdisziplinären Ansätzen zu bearbeiten, die kennzeichnend für die Görres-Gesellschaft sind.

In offenen und zugleich ausdifferenzierten Gesellschaften, in der zahlreiche Ethnien, Religionen, politische Überzeugungen und verschiedenste individuelle Lebensstile vor einer Vielzahl kultureller Hintergründe ihren Platz beanspruchen, ist die Frage, wie tolerant die Menschen miteinander umgehen, von zentraler Bedeutung. In der Vergangenheit haben sich Fragen des toleranten Miteinanders in vielen Gesellschaften mit unterschiedlicher Dringlichkeit gestellt, insbesondere dort, wo es zu einem intensiven Kontakt unterschiedlicher Ethnien, Kulturen und Religionen kam. Gesellschaftliche Aushandlungs-, aber auch Selbstbehauptungsprozesse haben ihren Niederschlag in politischen oder wirtschaftlichen (Neu-)Ordnungen ebenso wie in synkretistischen Welt- und Glaubensvorstellungen oder in den ästhetischen Formen der gesellschaftlichen Selbstvergewisserung gefunden. Auf die Gegenwart bezogen, haben sich im Zeichen der Globalisierung in den vergangenen Jahren indes viele Gemeinwesen in einem Maße verändert, wie dies wohl kaum zuvor der Fall war. Dies stellt immense Anforderungen an die Gesellschaften weltweit und an die Menschen, die in diesen Gesellschaften zusammenleben. Auf Europa und Deutschland bezogen,stellt sich etwa im Hinblick auf die aus dem arabischen Raum und aus Afrika nach Deutschland Geflüchteten die Frage nach dem Umgang mit Menschen, die oftmals eine gänzlich andere Sozialisation, Religion und Kultur mitbringen.

Im Sinne der oben angesprochenen differenzierten Gesellschaft gilt der Primat der Toleranz anderen Religionen, Kulturen etc. gegenüber. Es gilt jedoch in gleichem Maße, das Selbstverständnis, auf dem etwa unsere westliche Kultur gründet, zu bewahren und weiterzuentwickeln, und sie in kulturelle Aushandlungsprozesse einzubringen. Toleranz wird in diesem Kontext nicht nur als Herausforderung zu sehen sein; es wird in zunehmendem Maße auch deutlich, dass Toleranz ihre Grenzen dort erfährt, wo die offene und tolerante Gesellschaft selbst gefährdet ist. (vgl. Expose)

 

Gemeinsames Programm der Sektionen Europäische Ethnologie und Soziologie
Ambiguitäten verhandeln. Tolerieren als soziale und kulturelle Praxis

(Stand: 17.05.2021)

Freitag, 24. Sept. 2021

14:30-14:45 Uhr

 

Prof. Dr. Heidrun Alzheimer, Bamberg:

Begrüßung und Einführung

Vorsitz: Prof. Dr. Silke Steets, Erlangen

14:45-15:30 Uhr

Prof. Dr. Horst Helle (München):

Toleranz und Glaubwürdigkeit – eine Spannungsbeziehung.

15:30-16:15 Uhr

Dr. Kai Unzicker (Gütersloh):

Sozialer Zusammenhalt und Toleranz in der vielfältigen

Gesellschaft.

16:30-17:15 Uhr

Prof. Dr. Michaela Pfadenhauer und Dr. Christopher

Schlembach (Wien):

Toleranz als Interaktionsregel kommunikativer

Wissenskulturen im Wien der Zwischenkriegszeit – Das

Privatseminar Ludwig von Mises’ im Kontrast zum Seminar

von Othmar Spann.

17:15-18:00 Uhr

Prof. Dr. Prosser, Michael (Freiburg i.Br.):

Der ethnologische Toleranzgedanke im Kronprinzenwerk:

„Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild“

– eine Blaupause für die Europäische Union?

Samstag, 25. Sept. 2021

Vorsitz: Prof. Dr. Heidrun Alzheimer, Bamberg

09:00-09:45 Uhr

Dr. Nina Gorgus (Frankfurt/Main):

Mein Park, meine Bank, meine Wiese –

Aushandlungsprozesse in Frankfurter Parks in Vergangenheit

und Gegenwart.

09:45-10:30 Uhr

 

Prof. Dr. Joost van Loon (Eichstätt):

Covid-19 und die Grenzen der Toleranz.

11:00-11:45 Uhr

 

PD Dr. Silke Gülker (Leipzig):

Ist Gesundheit verhandelbar? Werte und Normen in der

Corona-Krise.

11:45-12:30 Uhr

 

Dr. Lars Winterberg (Regensburg):

Des Vegetariers verbotene Frucht? Über (In-)Toleranzen im

Umgang mit Tier und Fleisch.

Vorsitz: Prof. Dr. Joost van Loon, Eichstätt

14:00-14:45 Uhr        

 

Prof.Dr. Karin Scherschel (Eichstätt):

„Also da sehe ich schon, dass wir Unterschiede machen“ –

Journalistische Wahrnehmungen des Islams.

14:45-15:30 Uhr

 

Katja Boser M.A. (Augsburg):

"18 Jahre alt, männlich, unverheiratet“: Der Schäfflertanz

Dinkelscherben als Beispiel gelebter Brauchpraxis im

Spannungsfeld von Toleranz und sozialer Kontrolle.

15:30-16:15 Uhr

Prof. Dr. Daniel Drascek (Regensburg):

Augsburgs Hohes Friedensfest. Kontroverspredigten und die

Grenzen religiöser Toleranz.

Regensburg  |  neuer Termin: 4.–7. April 2022

"Kultur und Zeit sind untrennbar verbunden. Kultur verändert sich innerhalb der Zeit und strukturiert zugleich Vorstellungen von Temporalität. Die Speicherung und Weitergabe von Wissen über lange Zeiträume hinweg organisieren kulturelle Handlungen, Identitäten und deren Transformationen. Diese Praktiken ermöglichen überhaupt erst Positionierungen des Menschen gegenüber der Welt, der Vergangenheit und der Zukunft, gegenüber kulturellen Prozessen und gesellschaftlichen Konventionen. Die Zeitlichkeit von Kultur ist eine grundsätzliche Prämisse empirisch-ethnografischer und historisch ausgerichteter kulturwissenschaftlicher Forschung.

Zeit ist aus Sicht einer empirischen Kulturwissenschaft eine grundsätzliche kulturelle Ordnungsleistung und – anders als in anderen Disziplinen – keine präexistente, der Kultur vorgängige physikalische Größe.

Temporalität fundiert die Auffassung von Kultur als prinzipiell geschichtlichem Phänomen. Zeitliches Handeln und Wissen sind immer raum- und sozialspezifisch. Die Wahrnehmung und Bedeutung von Zeit in Alltagskulturen unterliegt somit ständigem Wandel und soziokulturellen, politischen, räumlichen, ökonomischen oder biografischen Differenzierungen. Kontinuitäten, aber auch Konflikte zwischen divergierenden Zeitpraxen formieren in komplexer Wechselwirkung mit raumbezogenen und sozialen Kategorien individuelle und kollektive Identitäten. Zeitkulturen verleihen Gesellschaften ihren Rhythmus: Erinnerungspolitiken und Zukunftspraxen, Altersvorstellungen und Ereignisse des Lebenslaufs, die unterschiedlichen Tempi gegenwärtiger Arbeits-, Wirtschafts-, Konsum- und Freizeitwelten. Nicht zuletzt haben zeitliche Taktungen auch eine ökonomische Dimension der Wertschöpfung, sowohl in der Arbeitszeit wie in der Freizeit.

Aktuell illustrieren verschiedene Entwicklungen, welche hohe Bedeutung einerseits Retrotopien und Revisionen des Vergangenen, andererseits auch Utopien, Nachhaltigkeitsvisionen und zukunftsgerichtetes Handeln besitzen. Klimawandel, reaktionäre politische Systeme oder „Heritage-Boom“: Zahlreiche globale Konflikte des Anthropozäns entfalten sich entlang gegenläufiger kultureller Bewertungen von Kontinuität und Wandel, von Tradition und Moderne, von Fortschrittseuphorie und Zukunftsangst, von zyklischen und linearen Zeitmodellen, von Vergänglichkeit und Verlust. Die großen Individualisierungsschübe des 20. und 21. Jahrhunderts und die neoliberale Transformation sozialer Systeme und Arbeitswelten haben dabei zu einer Pluralisierung zeitlicher Ordnungen, historischer Erinnerungskulturen, Zukunftspraxen und etablierter Zeitregime geführt.

Das Interesse an Zeitlichkeit, der Gewordenheit und dem Werden gegenwärtiger Alltagswelten ist ein zentraler Ausgangspunkt von Forschung im Kontext Europäischer Ethnologie. So formierte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht nur eine erste ethnografische Epistemologie in der Auseinandersetzung mit der Zeitlichkeit von kulturellen Phänomenen – hier in erster Linie Kontinuitäten und Traditionen –, sondern auch ein breites öffentliches Bewusstsein für die wachsende Bedeutung von Zeitregimen in der entstehenden industriellen Welt. Nicht zuletzt aufgrund jenes fachspezifischen Interesses an Traditionen und Transformationen, verfügt die Empirische Kulturwissenschaft / Kulturanthropologie / Europäische Ethnologie als historisch fundierte und gegenwartsorientierte Disziplin über besondere theoretische und methodische Kompetenzen in der Auseinandersetzung mit zeitlichen Ordnungssystemen, die etwa Thesen vom „Fall des Zeitregimes der Moderne“ (Ass-mann 2013) empirisch reflektieren kann.

Zeitvorstellungen und -wahrnehmungen sind zugleich von langer Dauer und hochgradig dynamisch, teilweise universell und doch immer lokalisiert. Die Perspektive „Zeit“ eröffnet Blicke auf Phänomene von Verdichtung, Be- und Entschleunigung sowie Resonanzen und Dissonanzen in makro- und mikrosozialen Kontexten. Die Durchdringung individueller und kollektiver Lebenswelten durch Rhythmisierungen und Wertzuschreibungen bildet hier einen Fokus. Zeit als kulturelle Ordnungsleistung bleibt dabei nicht lediglich eine immaterielle Größe, sondern manifestiert sich vielfältig auch in der Materialität von Kultur. Die Entwicklung von Kalendarien und Uhren etwa verweist dabei ebenso auf naturräumliches Erfahrungswissen (Klimaperioden, Vegetationszyklen, Mondphasen). Über die Etablierung von Mess- und Vergleichstechniken entwickeln Zeitregime in ihrer kulturellen Dinghaftigkeit vermehrt Macht als Taktgeber globaler Welten. Zeitmessungen und -kontrollen sind wichtige Kulturtechniken im Alltag. Jüngere digitale Regime entchronologisieren aktuell viele dieser traditionellen Muster und etablieren neue (A-)Synchronizitäten zum Beispiel von Arbeit und Freizeit, dem Lokalen und dem Globalen.

Moden und Trends bieten alltägliche Rhythmen und biografische Orientierungen, indem sie Kulturen der Unterhaltung und des Vergnügens, der Körperlichkeit, aber auch der Kleidung und Ernährung strukturieren. Der „Zeitgeist“ misst kulturellen Phänomenen aus geschichtlich-sozialen Kontexten heraus Wertigkeit und Bedeutung zu und steht dabei selbst beständig im Mittelpunkt der Frage eines „guten“ oder „zeitgemäßen“ Lebens – etwa auch dann, wenn es um Fragen der Beschleunigung und der gefühlten zeitlichen Verdichtung unserer Alltage geht, um Freizeit und Muße oder der Vorstellung von „Zeitverschwendung“. So besteht zwischen der Fremd- und Selbstbestimmtheit zeitlicher Regime eine breite Kluft, die historische und gegenwärtige Identitäten grundsätzlich formiert, besonders in Bereichen wie den Arbeits- und Freizeitkulturen mit ihren Formen und Formaten der Selbstorganisation und Selbstoptimierung, aber auch im Alltag wie in Mahlzeitensystemen und im Konsum.

Zeitliches Handeln findet in der Gegenwart statt, richtet sich aber – etwa in Festen und Ritualen – oft auf Vergangenheit oder Zukunft und impliziert so Planen und Hoffen ebenso wie Erinnern und Vergessen. Der politische und religiöse Rekurs auf Geschichte etabliert Vergangenheiten, die zeitlich in die Gegenwart hineinragen und diese fundamental prägen und in Wert setzen – nicht zuletzt auch über die Materialität von Kultur, etwa in Retro-, Vintage- oder Sammelpraktiken. Die Konjunktur von Cultural Heritage fällt ebenso unter diese aktiven Zeitpraxen wie die auf eine lebenswerte Zukunft gerichteten Proteste der „Fridays for Future“-Bewegung oder Praktiken der Nachhaltigkeit, etwa im Bereich der Ernährung und der Landwirtschaft. Gerade das Bewusstsein der Eigenzeit von Ressourcen und Narrative der Vergänglichkeit und Endlichkeit bilden einen basso ostinato gesellschaftlicher Debatten zum Anthropozän, der globale Produktions- und Konsumkulturen an-gesichts einer fragilen Zukunft grundsätzlich infrage stellt.

Als machtvolle kulturelle Ordnungskategorie steht Zeit also im Mittelpunkt konkurrierender Wissens- und Werteordnungen und ist damit selbst ein Gegenstand kulturwissenschaftlicher Wissens-produktion.  Vor allem die scheinbar unendlichen Möglichkeiten digitaler Wissensspeicher leiteten in den letzten Jahrzehnten einen Paradigmenwechsel in der Sichtbarkeit von Vergangenem ein. Vor allem kulturhistorische Museen stehen vor dem Hintergrund dieser zunehmenden Synchronizitäten historischer Repräsentationen, Utopien und Dystopien inmitten einer wachsenden politischen und nationalkulturellen Aneignung von Geschichte vor gewaltigen Herausforderungen. Zeitlichkeit als strukturgebende Bedingung wird dabei in den Museen anhand des Sammelns und Kuratierens, des Erzählens und Erinnerns, aber auch im Kontext von Public History und Citizen Science deutlich, darüber hinaus fordert sie auf der Ebene methodologischer Diskussionen und im Forschungsprzess eine fortwährende Auseinandersetzung ein.

 

Aus aktuellem Anlass

In Krisenzeiten brechen unbekannte und unvorhersehbare Entwicklungen etablierte und vertraute Strukturen auf; Alltagsroutinen, Sicherungssysteme und materielle Existenzbedingungen verlieren ihre Basis; politische, ökonomische und soziokulturelle Systeme formieren sich neu. Auch zeitliche Ordnungen verschieben sich massiv, wie sich in der aktuellen CORONA-Krise zeigt: Zeit wird – je nach Lebenszusammenhängen – be- oder entgrenzt, persönliche und gesellschaftliche Planungen verlieren ihre Verbindlichkeit oder erhalten nun besondere Dringlichkeit, Bezüge zwischen Zeit und Raum müssen neu definiert werden, neue (Un-)gleichzeitigkeiten entstehen und bestehende werden verschärft. Soziale Beziehungen lösen sich teilweise von nahräumlichen Bezügen und sind verstärkt an Wissen über und Verfügbarkeit von technischen Geräten gebunden. Die Folgen von Beschränkungen auf der einen und Freiräumen auf der anderen Seite sind ebenso Verlust von Vertrauem und Verlässlichkeit wie verstärkte Hoffnungen auf eine Zukunft mit solidarischen Vergemeinschaftungsprozes-sen. Dystopische und utopische Vorstellungen überlagern sich und illustrieren die Widersprüchlichkeit und Offenheit der gegenwärtigen Herausforderung.
Eine kulturwissenschaftliche, theoretisch informierte Auseinandersetzung mit Zeit und der Zeitlichkeit von Kultur scheint gerade angesichts der globalen Pandemie mit den politischen, sozialen, ökonomischen Verwerfungen dringlicher denn je." (aus dem Call for Papers)

Vergangene Tagungen

Digital  |  13. - 16. Mai 2021

Themenschwerpunkte:

  • Sex. und Geschlecht/Identität
  • Sex. und Moral/Ethik
  • Sex. und Pathologie/Gesundheit
  • Sex. und Arbeit
  • Sex. und Institutionen/Politik
  • Sex. und Technologie
  • Sex. und Ästhetik

>>> Zur Homepage der Studierendentagung 2021

EKWKAEEVKWDGV MMXXI Welche Gegenwart – welche Zukunft? Hochschultagung der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde in Tübingen

25. bis 27. März 2021 via Zoom

Bei der diesjährigen Hochschultagung sollen folgende drei Themen schwerpunktmäßig im Vordergrund stehen:

  1. Entwicklungen in der Forschung vor dem Hintergrund von Inter- und Transdisziplinarität; Drittmittelfinanzierung, Großforschung und Exzellenz; Vernetzung mit außeruniversitären und internationalen Partnern; Umgang mit Daten und Quellen
     
  2. Entwicklungen in der Lehre vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit der Einführung neuer Studiengänge; dem Rückgang von Studierenzahlen und der Sichtbarkeit des Faches für nachkommende Generationen; Reflexion der Lehre in der Selektion von Inhalten und Didaktik zwischen kritischer Wissensvermittlung, Politisierung und Berufsausbildung
     
  3. Entwicklung des Fachs in einer sich rasant verändernden Hochschullandschaft; Selbst- und Fremdwahrnehmung

Der Zoom-Link zur Tagungsteilnahme wird an alle angemeldeten Personen versandt. Es wird kein Tagungsbeitrag erhoben.
>>> Zum Programm

Ausrichter

Institut für Empirische Kulturwissenschaft
der Universität Tübingen
Burgsteige 11 (Schloss)
72070 Tübingen

Veranstalter

Deutsche Gesellschaft für Volkskunde e.V. (dgv)
c/o Institut für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft
Deutschhausstr. 3
35037 Marburg

Hamburg (Universität) | 7.–10. Oktober 2019

"Globale Dynamiken und grundlegende Transformationsprozesse verändern gegenwärtige europäische Gesellschaften. Es sind vielfältige Einflusskräfte am Werk, die teils eigenen Logiken folgend, teils interdependent und verflochten zur Dynamisierung beitragen: Migration, Armut und soziale Ungleichheit, Bedeutungsverlust von Nationalstaaten (jedoch auch das Entstehen neuer Nationalismen), Technologie-entwicklung, kapitalistische Wirtschaftsweisen mit ihren permanenten Innovations-zwängen, Klimawandel, Biodiversitätsrückgang.

Für die Erforschung dieser Dynamiken bringt die Europäische Ethnologie / Empirische Kulturwissenschaft / Kulturanthropologie / Volkskunde mit ihren historischen und gegenwartsbezogenen Zugangsweisen und aufgrund ihrer spezifischen Forschungs-perspektiven besondere Expertise mit.

Das umfangreiche Programm des 42. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde möchte sich vom 7. bis 10. Oktober 2019 in Hamburg diesen und vielen weiteren Herausforderungen des Themas in ca. einhundert Plenar­, Sektions­ und Panelveranstaltungen widmen. Darüber hinaus werden Pre­Conference­Workshops, zahlreiche Kommissionstreffen und weitere Rahmenveranstaltungen und ­aktivitäten angeboten."
>>> Weitere Infos zu Programm und Aufzeichnungen finden Sie auf der Website zur Tagung.

Marburg | 20. - 23. September 2017

"Wirtschaften gehört zu den zentralen Themen empirisch forschender Kulturwissenschaften. Sowohl in historischer Perspektive als auch hinsichtlich gegenwärtiger Verhältnisse lassen sich vielfältige Fragen adressieren: Neben Praktiken der Existenzsicherung, des Verwaltens und sparsamen Haushaltens, des Ordnens und Kalkulierens, des Handelns und Tauschens sind Praktiken des Gebens, Schenkens und Teilens, des Wünschens und der Suche nach dem ‚guten Leben‘ zu bedenken.

Wirtschaftliches Agieren spannt sich von global strukturierten Prozessen über Nischen- und Milieu-Ökonomien bis zu ganz individuellen und privaten Praktiken. Es ist immer ein Entscheidungshandeln auf der Grundlage vorhandener Ressourcen und unter spezifischen gesellschaftlichen Verhältnissen.

Wirtschaftliches Handeln befriedigt jedoch nicht nur grundlegende Bedürfnisse, trägt zur Sicherung sozialer Systeme bei oder kreiert Innovationen. Es bewegt sich zwischen der Schaffung von Wohlstand und der Ausbeutung von Menschen und Natur, es ist in Machtverhältnisse eingebunden, in denen Exklusion und Distinktion stattfindet, es ist krisenanfällig und kann scheitern – es zeigt stets eine Janusköpfigkeit funktionaler und dysfunktionaler Elemente."

>>> >>> Weitere Informationen finden Sie auf der Kongresswebsite: www.wirtschaften-kongress.de