Brauchlexikon Unterfranken

  • Leitung: Prof. Dr. Heidrun Alzheimer

Ein Brauchlexikon – von der Idee zum Projekt

Medienvertreter begreifen Volkskundler und Volkskundlerinnen gerne als Dienstleister, die nach dem Motto “Bei Anruf: Fakt” [1] Informationen über Brauch und Aberglaube ausspucken: Was macht Sankt Martin mit der Gans? Warum hilft der heilige Blasius gegen Halsschmerzen? Warum schenken Verliebte sich zum Valentinstag Blumen? Wie kommen die Heringe zum Aschermittwoch? Warum fürchten wir uns vor „Freitagdemdreizehnten“ und vor schwarzen Katzen, die von links unseren Weg kreuzen? Warum gilt das vierblättrige Kleeblatt als Glücksbringer und wie viele Menschen in Deutschland glauben daran?

Solche Fragen soll demnächst ein „Kleines Lexikon der Brauch- und Festkultur in Unterfranken“ klären, das unter Leitung von Prof. Dr. Heidrun Alzheimer zur Zeit am Lehrstuhl für Europäische Ethnologie der Universität Bamberg entsteht.

Es wird sich mit alphabetisch angeordneten Artikeln zu einzelnen Brauchterminen an Journalisten, Nebenfach-Volkskundler, Seelsorger und Heimatpfleger wenden, die rasche Informationen über Bräuche im Jahres- und Lebenslauf benötigen. Nach Möglichkeit verweist jeder Artikel sowohl auf falsche mythologische, romantisierende, als auch auf mentalitätshistorische und aus den Archivalien heraus mögliche Deutungen eingehen. Beispiele aus der Region sollen helfen, die Entwicklung aufzuzeigen, die der Lebensstil der unterfränkischen Bevölkerung im Laufe der Geschichte genommen hat.

Moderne archivalische Forschung wie sie Hans Moser und Karl-Sigismund Kramer seit den 1950er Jahren mit ihrer sogenannten „Münchner Schule“ betrieben haben, begreift die Ausbildung von Bräuchen als einen geschichtlichen Vorgang, der seinen Ursprung hat in den Festlegungen von Landesherrn und Grundherrschaften. Auch wir wollen in dem geplanten Lexikon historisch erklären, was anhand seriöser Quellen belegbar ist. Ein Großteil heute noch bekannter Bräuche ist auf gesetzliche Verordnungen zurückzuführen. Da man das Erlassdatum der Gesetze kennt, ergeben sich Rückschlüsse auf die Erhaltungsdauer der Bräuche. So kommt man immer mehr davon ab, möglichst jeden Brauch auf einen germanischen Kult zurückzuführen.

Das von der Romantik übernommene Bild von Schollentreue und Naturverbundenheit als Motor für heutige Brauchträger, kann so nicht stehen bleiben. Die archivalische Arbeit zeigt schnell die Scheinwelt auf, die sich städtische Schwärmer von Dorf und Landleben zurechtgebastelt haben. Worte wie „Bauernmöbel“, „Tracht“, „Volkstum“, „einfach“, „echt“ und „typisch" stehen in keinem dörflichen Aktenband. Die Begeisterung für aus dem Zusammenhang gerissene, umfunktionierte Arbeitsgeräte (Kaffeemühlen mit „Bauernmalerei“) ist auch nicht auf dem „Mist“ des Bauern gewachsen. Das Dorf war und ist nicht die heile Welt, sondern nüchtern betrachtet, ein Ort sozialer Kontrolle, an dem die Bewohner festlegen, was normal und wer Außenseiter ist.

Doch nicht nur Althergebrachtees findet in dem geplanten Buch Platz, sondern auch verschiedene neuere Gestaltungselemente wie zum Beispiel Friedenslichter oder der Würzburger Residenzlauf und Anti-Bräuche, die nicht ins heimattümelnde Schema passen wie die Silvester-Aktionen „Brot statt Böller“ oder „Kerzen statt Raketen“. Modellhaftes soll bekannt gemacht und zum kreativen Umgang mit Riten und Sitten angeregt werden.

[1] [i. H:] Bei Anruf Fakt. In: FAZ, Montag, 21.12.1998, Nr. 296, S. 41.

Hier finden Sie das vorläufige Inhaltsverzeichnis(7.6 KB) der Begleitpublikation.