Exposé zur Dissertation über die Bauornamentik und Baukultur des Quattrocento im Veneto

Bearbeiter: Ina Gutzeit M.A.

Betreuer: Prof. Dr.-Ing. Stefan Breitling

Im Veneto haben sich seit dem ausgehenden 14. Jahrhundert Gutshöfe entwickelt, die sich vor allem durch ihre Funktion von den Villen des übrigen Italien und Nordeuropa abheben. Aus der Funktion heraus entwickelte sich eine Struktur, die einen eigenen Gebäudetyp hervorge-bracht hat, der in engem Zusammenhang zur Kulturlandschaft des Festlandes und dem Ein-fluss der Stadt Venedig steht. Der zu unterscheidende Faktor ist ein historisch-ökonomischer und zeigt sich hauptsächlich im 15. Jahrhundert, als sich die Villen im Veneto entfalteten. Sie dienten nicht in erster Linie dem Entfliehen aus der Stadt, um auf dem Land Stunden der Mu-ße zu verbringen, sondern der Nutzung des Territoriums, wovon wiederum der materielle Wohlstand und die soziale Stellung des Bewohners abhingen.

Während des 15. Jahrhunderts vollzog sich auf dem Gebiet der Region Veneto ein kultureller Wandel, der sich an der Bauornamentik der Villen deutlich zeigt. Diese soll mit der ange-strebten Dissertation untersucht werden. Ziel der Arbeit ist es, mittels gewonnener stilistischer und datierbarer Fakten, Rückschlüsse auf eine zeitliche Einordnung der Bauten zu erreichen und gleichzeitig die Baukultur dieser Zeit zu beleuchten. Bei den bisherigen Betrachtungen der Architektur wurde die Bauornamentik bislang keiner eingehenden Untersuchung unterzo-gen. Über die Analyse und den stilistischen Vergleich der dekorativen Elemente der Villen, wie Fensterbögen, Kapitelle, Basen und Gesimse als künstlerisches Ausdrucks- und Identifi-kationsmittel einer Epoche, aber auch einer Kulturlandschaft soll geklärt werden, inwiefern die unterschiedliche Gestaltung der Bauornamentik Aufschlüsse über den kulturellen Wandel auf der Terraferma geben kann.

Das wissenschaftliche Interesse an den Villen und Gutshöfen im Veneto wurde erst durch eine in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts von Giuseppe Mazzotti in Europa und Amerika ge-zeigte Fotoausstellung geweckt, welche sowohl die Fachwelt als auch die breite Öffentlichkeit auf das historische und künstlerische Erbe, das sich in den Villen der Region Veneto zeigt, aufmerksam machte. Mit den Bildern, die nicht nur den kunsthistorischen Wert, sondern zugleich den beklagenswerten Zustand der Villen zeigten, gelang es, die ernsthafte Beschäfti-gung mit dem Thema anzustoßen. 1958 wurde das heutige Istituto regionale per le ville vene-te, eine Institution die sich mit der Identifizierung, Rettung und wissenschaftlichen Aufarbei-tung der Villen befasst, gegründet. Im gleichen Jahr entstand in Vicenza das Centro interna-zionale di studi di architettura (CISA) Andrea Palladio, welches vor allem in Form von Kur-sen und Seminaren didaktisch-wissenschaftlich tätig ist und regelmäßig das „Bollettino del CISA Andrea Palladio“ mit Fachartikeln herausgibt. Damit trug es in den 60er Jahren wesent-lich dazu bei, auf die für die aus kunst- und architekturhistorischer Sicht interessante Entwick-lung der Villen des Veneto im 15. Jahrhundert aufmerksam zu machen. So verfassten u. a. Bernhard Rupprecht, Marco Rosci und Maria Antonietta Zancan interessante Beiträge zu den Forschungen zur Villa des Quattrocento.

Die Studien zu den Anfängen des oberitalienischen Villenbaus, die Wolfram Prinz mit einer Studentengruppe durchführte, gehören zu den ersten grundlegenden Untersuchungen zur Villa im Veneto. Prinz hat dabei die Villen nicht als isolierte Bauten gesehen, sondern versucht ih-ren Zusammenhang mit allen zum Wirtschaftskomplex gehörenden Gebäuden sowie unter Berücksichtigung ihrer Lage und Beziehung zu Verkehrswegen zu betrachten. Ziel der Unter-suchung von 13 Villen war ihre Einteilung in Gruppen. Er hat schließlich vier Villentypen ermittelt.

Als Standardwerk kann die 1977 von Martin Kubelík in zwei Bänden veröffentlichte Disserta-tion zur typologischen Entwicklung der Villa des Quattrocento im Veneto gelten. Er hat damit einen umfangreichen Katalog erstellt und darin fast alle Villen der Region zwischen Gardasee und Adria des 15. Jahrhunderts fotografisch erfasst und beschrieben. Diese Dissertation wird in einer von Sibylle Appuhn herausgegebenen Kritik neben anderen kritisch eingeschätzt. Da-bei werden vor allem der unzureichend erklärte Begriff der Villa, die historische Abgrenzung des Betrachtungszeitraums und die einer Dissertation unwürdige Sprache negativ angemerkt.

Einen Überblick über den heutigen Bestand der noch erhaltenen Villen in den einzelnen Pro-vinzen der Region Veneto bieten verschiedene Sammelpublikationen, unter denen besonders die der Provinz Vicenza von Renato Cevese hervorzuheben ist.

Die bisherigen Forschungen zu den Villen im Veneto konzentrieren sich auf die Villa als Ge-bäudekomplex, der sich im Laufe der Jahrzehnte infolge seiner Funktion in einer bestimmten Weise und Ausprägung entwickelt hat. Von dieser Betrachtungsweise heben sich jedoch zwei Werke ab: zum Einen das zwischen 1853 und 1858 von John Ruskin veröffentlichte Werk „The Stones of Venice“, in dem der englische Wissenschaftler einen Vergleich von Bogen-formen und Bauornamentik venezianischer Paläste vorgenommen hat. Er untersuchte zahlrei-che Fenster der Venezianischen Gotik und stellte sie in seinem dreibändigen Werk in einer Ordnung gegenüber. Für die Betrachtung und den Vergleich der Bauornamentik auf der Ter-raferma bietet Ruskins Werk, in dem er die Architektur zeitgebunden und stilistisch einstuft und wertet, eine unverzichtbare Forschungsgrundlage. Er betrachtet die venezianischen Paläs-te weniger als komplexe Gebilde, sondern interessiert sich besonders für die architektonischen Einzelelemente und Details. Er ist bislang der einzige, der mit dieser Betrachtungsweise die venezianischen Palastbauten miteinander vergleicht und eine Ordnung entwirft, die heute ei-ner kritischen Betrachtung bedarf aber immer noch eine Datierungshilfe darstellt.

Zum Anderen ist für die Untersuchung der Baukultur im Veneto, dem Verhältnis zwischen Auftraggebern und den ausführenden Steinmetzen die Dissertation von Susan Connell ein wichtiges Hilfsmittel. Susan Connell forschte in den 70er Jahren zur Anstellungssituation von Bildhauern und Steinmetzen im Venedig des 15. Jahrhunderts. Im ersten Teil der Arbeit stellt sie einige Biografien von Steinmetzen vor und vermittelt damit einen Einblick in die Arbeit und die geschäftlichen Aktivitäten der Handwerker und Künstler der Zeit. Der zweite Teil beschreibt die Zusammenarbeit von verschiedenen Steinmetzen und die Art von Zusam-menschlüssen in Gemeinschaften oder Werkstätten. Die Arbeitsweisen und Werkzeuge, sowie in besonderem Maße auch die Verarbeitung und der Abbau der regionalen Materialien Kalk-stein und Marmor werden im dritten Teil behandelt. Im vierten und letzten Teil der Arbeit stellt sie die unterschiedlichen Verhältnisse unter denen ein Steinmetz angestellt sein konnte, vor. Außerdem wird anhand exemplarisch ausgewählter Verträge zwischen Steinmetzen, an-deren Handwerkern und Arbeitgebern die Organisation der Arbeit auf der Baustelle diskutiert. Die Untersuchungen dieser Dissertation beschränken sich zeitlich auf die Jahre zwischen 1380 und 1480 und beleuchten ausschließlich die Situation in der Stadt Venedig.

Die Untersuchungen der architektonischen Einzelelemente und Details, wie sie John Ruskin vorgenommen hat und die Beleuchtung der Arbeitsweise und Bearbeitung solcher Einzelele-mente, die von Susan Connell vorgelegt wurde, beschränken sich auf Venedig und lassen sich nicht ohne weiteres auf die Terraferma übertragen, da es sich hierbei um eine Kulturland-schaft mit einer eigenständigen Entwicklung handelt. Für die Forschungen zur Bauornamentik und Baukultur auf der Terraferma muss deren Geschichte und Entwicklung beachtet werden. Daher können die für Venedig vorgenommenen Untersuchungen nur Anhaltspunkte sein. Gleichzeitig dienen sie jedoch als wichtige Vergleichsmittel, um wiederum die Eigenständig-keit der Terraferma hervorzuheben.

Bereits eine erste Auseinandersetzung mit einer der so genannten präpalladianischen Villen, also der Gutshöfe, die vor der großen Landnahme durch die Venezianer im Veneto entstan-den, im Rahmen einer Masterarbeit zeigte, dass die innere Entwicklung der Villen des 15. Jahrhunderts auf der Terraferma sehr komplex und einer eingehenden Betrachtung würdig ist. In der Masterarbeit wurde die Villa Spessa - eine der am besten erhaltenen Villen des 15. Jahrhunderts auf der Terraferma - hinsichtlich ihrer Bauornamentik eingehend untersucht und beschrieben. Durch die Untersuchungen konnte die wechselvolle Baugeschichte der Villa be-leuchtet und ihre Bedeutung als anschauliches Beispiel einer Quattrocento-Villa der Terra-ferma dargestellt werden. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die historische Entwicklung, der künstlerische Wert und der baugeschichtliche Einfluss der Villa im Veneto sehr vielschichtig sind.

Angesichts dieser ersten Untersuchungen drängt sich die Frage auf, wie sich die Baukultur einer Kulturlandschaft, die über einen langen Zeitraum zwischen dem Einfluss des italieni-schen Kernlandes und dem der Lagunenstadt stand, charakterisieren lässt? An die Problematik des Einflusses von zwei Seiten her knüpfen sich weitere Fragen: Wer waren die Protagonisten dieser Baukultur und Baupraxis und welche Ziele verfolgten sie? Sind einzelne Namen von Steinmetzen und Werkstätten sowie deren Auftraggeber nachweisbar? Wofür steht die Bauor-namentik an den Villen des Veneto, die einerseits viele Ähnlichkeiten zu der der veneziani-schen Paläste aufweist und gleichzeitig ganz eigene Formausprägungen hervorgebracht hat?

Da die Dissertation zur Bauornamentik und Baukultur im Veneto des Quattrocento keinen Katalog darstellen soll, in dem alle Villen der Region aufgenommen sind, werden einige be-sonders aussagekräftige Objekte exemplarisch ausgesucht. Die Auswahl erfolgt nach den Kri-terien ihrer Erbauungszeit, ihrer Lage, ihrer Funktion und dem Erhaltungszustand der jeweili-gen ornamentalen Bauteile. So sollen Villen sowohl aus der Anfangsphase, der Mitte und der Endphase des Betrachtungszeitraums, aber auch aus jeder der fünf verschiedenen Provinzen der heutigen Region Veneto vorgestellt und untersucht werden. Die Untersuchungen an den Objekten werden die fotografische und zeichnerische Aufnahme dekorativer Bauteile wie Fenster, Kapitelle und Basen umfassen.

Um diese Fragen zu beantworten, soll zunächst eine Auswahl der in den Staatsarchiven von Vicenza, Padua und Treviso, sowie Belluno und Bassano del Grappa vorhandenen Archiva-lien gesichtet und ausgewertet werden. Neben Katastern und Notariatsakten in den Staatsar-chiven müssen auch die örtlichen Bauämter aufgesucht und eine Einsicht in historische Bau-akten genommen werden.

Mit dem Promotionsprojekt wird an bereits erfolgte Forschungen angeknüpft und in besonde-rem Maße die Eigenheit der Villa des Quattrocento im Veneto sowie die daraus resultierende Bedeutung der Terraferma als Kulturlandschaft herausgestellt. Dazu werden sowohl die stilis-tisch vergleichenden Methoden der Kunstwissenschaft als auch Untersuchungen an den Ob-jekten selbst, mittels der Arbeitsweisen der Bauforschung angewendet. Über die stilistischen und baugeschichtlichen Aspekte hinaus, werden mit dieser Dissertation im Unterschied zu bereits vorliegenden Forschungen, die sich auf die Villa als einzig kunsthistorisches und ar-chitektonisches Phänomen im Veneto beschränken, interdisziplinär auch kulturwissenschaftli-che Gesichtspunkte, wie politische, regionale und soziale Einflüsse auf das Baugeschehen des Quattrocento im Veneto in die Betrachtung einbezogen.

Literatur (Auswahl)

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  • HEIL, Elisabeth: Fenster als Gestaltungsmittel an Palastfassaden der italienischen Früh- und Hochrenaissance. Hildesheim 1995.
  • HOWARD, Deborah: Venice & The East. The Impact of the Islamic World on Venetian Architecture 1100-1500. London 2000.
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Internetquellen

Ina Gutzeit

IX/2008