Exposé zur Dissertation:

Adelssitze des 16. Jahrhunderts in Thüringen - Wohnkultur und Herrschaftstradition zwischen Innovation und Kontinuität

Bearbeiter: Andreas Priesters M.A.

Betreuer: Prof. Dr.-Ing. Stefan Breitling, Prof. Dr. phil. Alexander Markschies

Forschungsstand

Der Adelssitz des 16. Jh. stellt sich als ein komplexes Gefüge dar, welches von Tradition, Funktion, Moden und Geschmack, politischen, wirtschaftlichen und militärischen Einflüssen geprägt wurde und in einer umfassenden adeligen Baukultur aufging.

Die frühneuzeitliche Wohn- und Repräsentationskultur kann als recht gut erforscht gelten (z.B. Wartburg-Gesellschaft 2010, Deutsche Burgenvereinigung 2009, Rudolstädter Arbeitskreis 2006). Dem zugrunde liegt eine umfassende Betrachtung der lange nur über die Architektur definierten Schlossbauten, die u.a. Raumstruktur und -nutzung (Hoppe 1996) oder Wehrfunktion (Schütte 1994) einbezog.

Führt man die Beobachtungen der Residenzforschung mit objektorientierter Bauforschung zusammen, lassen sich Erkenntnisse für eine kulturhistorisch ausgerichtete, regionale Baugeschichte des Adelssitzes gewinnen (Breitling 2005).

Vor dem Hintergrund der schriftlichen wie materiellen Überlieferung der frühen Neuzeit sollen aus dieser Forschungslage heraus die bisher v.a. an hochrangigen Beispielen gemachten Beobachtungen in der Breite, d.h. auch an weniger bedeutenden Bauten des niedrigeren Adels, untersucht werden.

Gerade hier kann der Frage nach individuellen sowie allgemeinen Abhängigkeiten nachgegangen werden. Was waren die Intentionen der Bauherren, mit welchen architektonischen Mitteln wurden sie zum Ausdruck gebracht und in welchem Kontext stehen diese? Wie wurde auf gestiegene Ansprüche an Wohnkomfort, Funktionalität und Repräsentation reagiert? Mit welchen Absichten wurde an architektonischen oder ideellen Konstanten festgehalten? Eine entwicklungsgeschichtliche Betrachtung soll ermöglichen, Fragen nach Tradition, Kontinuität und Innovation zu stellen und diese am Bau zu belegen.

 

Untersuchungsgebiet Thüringen

Für die Untersuchung dieser Fragestellungen bietet sich die reiche Kulturlandschaft Thüringens an, die durchaus als modellhaft gelten kann (Wirth 1995). Im 16. Jh. war diese geprägt von einer hohen Dichte von Adelshäusern und Herrschaftsgebieten. Trotz der Dominanz der Wettiner konnten sich verschiedene Grafenfamilien (Schwarzburg, Reuß, Henneberg, Gleichen u.a.) und geistliche Herren behaupten (Laß 2001) und mit ihren Bauten (re)präsentieren. In Folge interner Streitigkeiten der Wettiner sowie Verschuldung oder Aussterben einiger adeliger Familien kam es im 16. Jh. im thüringischen Raum zu vielen Besitzerwechseln. Damit wandelten sich Nutzungs- und Repräsentationsansprüche, die Umbauten und architektonische Neudefinitionen durch die neuen Eigentümer nach sich zogen. Nicht folgenlos dürften auch die hier im 16. Jh. durch Reformation und Bauernaufstand erfolgten Umwälzungen gewesen sein.

Trotz dieser Ausgangslage erstaunt es, dass die an ca. 150 thüringischen Schlössern durchgeführten Umbaumaßnahmen, Erweiterungs- und Neubauten des 16. Jh. bisher kaum untersucht sind. Selbst die ambitionierten Bauten der in direkter Konkurrenz zu den Wettinern stehenden thüringischen Grafenfamilien können als wenig erforscht gelten.

Eine bauhistorische Einordnung der thüringischen Anlagen in die mitteleuropäische Schlösserlandschaft und folglich eine denkmalkundliche Neubewertung von bisher unterschätzten Bauten und Befunden wird mit dieser Arbeit angestrebt.

Die folgenden Beispiele liefern erste Ansätze dafür, wie unterschiedliche Intentionen, bauliche Rahmenbedingungen und Beweggründe der Bauherren zu individuellen Aus-führungen und Konzepten führten, die in einer komplexen Baukultur des Adels münden: 

Residenzverlegung – Burg Gräfentonna

Ein Familienzweig der Grafen von Gleichen baute im 16. Jh. die mittelalterliche Wasserburg in Gräfentonna zur zeitgemäßen Residenz aus. Es erfolgte ein stufenweiser Um- und Neubau, bei dem die mittelalterlichen Gebäude innerhalb des Berings zu einer geschlossenen Vierflügelanlage ergänzt wurden. Um 1522 werden die Baumaßnahmen mit dem zunächst wohl frei stehenden „Hohen Haus“ (Saalbau), der Hofstube und dem Küchenflügel begonnen (Abb.1). Der gotische Bergfried wurde um 1535 zu repräsentativen Zwecken aufgestockt und mit einer Schweifhaube versehen. Zuletzt wurden die Verbindungsbauten und um 1555 der Ostflügel mit hofseitigem Erker fertig gestellt. Bereits gegen Ende des 16. Jh. wurde Gräfentonna zum Verwaltungsbau und Amtssitz umfunktioniert. Der Saalbau diente nun als Kornboden und der Westflügel mit weiteren Amtsstuben und Wirtschaftsräumen wurde errichtet (Abb. 2).

Idealisierender Neubau - Schloss Kannawurf

Das Schloss in Kannawurf zeigt sich als nahezu regel-mäßige Dreiflügelanlage, d eren östliche Seite mit Mauer und Uhrturm geschlossen ist. Bauherr war Georg II. Vitzthum von Eckstädt, der es 1563 bis 1565 auf geringen Resten des Vorgängerbaues eines Gläubigers errichten ließ. Trotz schlichter Bauausführung und Ausstattung ist in dem Gestus der Gesamtanlage, die auch den Ort mit einbezieht, erkennbar, dass sich der Bauherr bestens mit aktuellen Schlossbauprojekten der Landesherren auskannte. Die recht gut rekonstruierbare Raumdisposition der Bauzeit zeigt zum einen das obligatorische Raumprogramm mit stützenfreiem Saal, Hofstube, Amtsstube, Stubenappartements usw. Zum anderen zeigt sich hier eine durchdachte Grundrissorganisation, die die Räumlichkeiten auch hierarchisch ordnet.

Neudefinition – Schloss Beichlingen

Die Grafen von Beichlingen mussten 1519 ihre Stammburg verschuldet an die Grafen von Werthern verkaufen. Diese gingen bald daran, die Burg mit großem Aufwand und Anspruch umzugestalten. Dem zentralen, spätmittelalterlichen Hohen Haus wurde ein Treppenturm vorgestellt und die Wohnräume repräsentativ gestaltet (Abb.5). Die südliche Schauseite des Burghügels wurde mit neuen Bauten versehen (Kapelle, sog. Neue Schloss, Torbau und Lehnshaus) und das architektonische Erbe der Vorbesitzer überformt. Die Geschichte des Ortes wurde dennoch nicht negiert: Die neuen Besitzer ließen eine Portalinschrift anbringen, die mit „Beichlingum a Romanis conditum…“ eine fiktive, aber legitimierende Reminiszenz nennt und zugleich eine starke Kontinuität zwischen Ort und neuem Besitzer suggerieren will.

 

Traditionsinszenierung – Burg Denstedt

Die kleine Anlage auf einem flachen Sporn über der Ilm wurde wohl einheitlich Anfang des 16. Jh. durch die Familie von Gans erbaut (Abb. 6). Erstaunlich ist, dass die breite Ostansicht gleichsam einem Kulissenbau mit Bergfried, Schildmauer, Ecktürmen und Wohnturm das Bild einer mittelalterlichen Burg liefert. Nach Westen hin schließen sich jedoch keine weiteren Gebäude auf dem Burgplatz an, auch eine den landschaftlichen Ausblick beeinträchtigende hohe Mauer scheint nie bestanden zu haben. Hier inszenierte man durch mittelalterliche Bauformen eine legitimierende Traditionskonstante.

 

Literatur (Auswahl):

Breitling, Stefan: Adelssitze zwischen Elbe und Oder 1400-1600. Braubach 2005

Deutsche Burgenvereinigung (Hrsg.): Von der Burg zur Residenz. (Veröffentlichungen der Deutschen Burgenvereinigung e.V., Reihe B: Schriften, Bd. 11), Braubach 2009

Hoppe, Stephan: Die funktionale und räumliche Struktur des frühen Schlossbaus in Mitteldeutschland. Untersucht an Beispielen landesherrlicher Bauten der Zeit zwischen 1470 und 1570, Köln 1996

Laß, Heiko (Hrsg.): Von der Burg zum Schloss. Landesherrlicher und Adeliger Profanbau in Thüringen im 15. und 16. Jahrhundert. Jena 2001

Rudolstädter Arbeitskreis zur Residenzkultur (Hrsg.): Zeichen und Raum. Ausstattung und höfisches Zeremoniell in den deutschen Schlössern der frühen Neuzeit. Reihe: Rudolstädter Forschungen zur Residenzkultur, Band 3, Berlin 2006

Wartburg-Gesellschaft zur Erforschung von Burgen und Schlössern (Hrsg.): Die Burg zur Zeit der Renaissance. Forschungen zu Burgen und Schlössern, Bd.13., Eisenach / Nürnberg 2010

Wirth, Hermann: Residenzorte und Residenzschlösser in Thüringen. In: Sobotka, Bruno J. (Hrsg.): Burgen, Schlösser, Gutshäuser in Thüringen. (Veröffentlichungen der Deutschen Burgenvereinigung e.V., Reihe C), Witten / Stuttgart 1995, S.40-47