Promotionsthema: "Sprachwahl und Populärkultur in moderner arabischer Prosa aus dem Maghreb"

Peter Konerding

Die Literatur des Maghreb zeichnet sich seit Ende der Kolonialzeit durch eine besondere sprachliche Vielfalt aus. Ihre auf Arabisch, Französisch oder Tamazight verfassten Texte können sich dem starken Einfluss der hochkomplexen und konfliktbeladenen Sprachsituation heutiger maghrebinischer Gesellschaften nicht nur nicht entziehen, sondern entfalten auch selbst eine starke Wirkung auf die allgegenwärtige Sprachenfrage in der Region.

In Rahmen meines Dissertationssprojekts „Sprachwahl und Populärkultur in moderner arabischer Prosa aus dem Maghreb“ untersuche ich vor diesem Hintergrund die vier Romane Aṣābiʿ Lūlītā (Lolitas Finger) von Wāsīnī Al-Aʿraǧ, Al-Qāhira al-ṣaġīra (Kleinkairo) von ʿAmāra Laḫūṣ, Lā yutraku fī mutanāwalal-aṭfāl (Außerhalb der Reichweite von Kindern aufbewahren) von Sufyān Miḫnāš und Wūǧūh (Gesichter) von  Muḥammad Šukrī  im Hinblick auf ihren formalen und inhaltlichen Bezug zum Sprachkonflikt im Maghreb und zur modernen arabischen Literatursprache.

Die dabei gewonnenen Kenntnisse stellen bisherige Annahmen über Begriffe wie Muttersprache und Diglossie im maghrebinischen Kontext und darüber hinaus in Frage. Wesentlich sind dabei die Darstellung einer internationalen Populärkultur und die unterschiedlichen Stilregister der Texte: Das verwendete Arabisch fungiert als Instrument der kulturellen Öffnung und untermalt gleichzeitig die sprachliche Verankerung in örtlichen Kulturtraditionen.

Anders als die sich mit der französischsprachigen Literatur Nordafrikas beschäftigende Literaturwissenschaft, hat sich die arabistische Literaturwissenschaft der Sprachenfrage im Maghreb bis heute nur am Rande angenommen. Von ihrem Standpunkt aus jedoch stellt sich der Konflikt zwischen den verschiedenen Sprachen und ihren jeweiligen Varietäten anders dar als in bisherigen sprachwissenschaftlichen und philologischen Studien. Insbesondere der Status des Arabischen als reiner Literatur- und Sakralsprache muss hinterfragt werden.

Schließlich werden die behandelten Werke selbst auf diese Weise einer literaturhistorischen Neubewertung unterzogen, die ihnen sowohl die einheimische als auch die nichtarabische Literaturkritik und -wissenschaft bisher verwehrt hat.