Die Sprache der Psalmen

Eine form- und gattungskritische Studie

In 150 Psalmen im Text der Biblia Hebraica Stuttgartenisa liegt uns eine gewaltige Sammlung an kunstvoller Poetik vor, die im Juden- und Christentum eine beeindruckende Rezeptionsgeschichte erfahren haben. Psalmen zeichnen sich einerseits durch ihre Inhalte, andererseits aber genauso durch ihre planvolle sprachliche Gestaltung aus. Poetische Texte unterscheiden sich von narrativen Texten durch ihre formalen Merkmale, ihre ungebundene, klangvolle Sprache, die es dem Leser/Hörer sofort möglich macht, einen lyrischen von einem epischen Text abzugrenzen. 

Mit Hinblick auf eine Sammlung von 150 Einzelpsalmen drängt sich die Frage auf, ob und wie diese miteinander in Bezug gesetzt werden können. »Psalm« ist dabei ein Überbegriff, der sich jedoch selbst in vielfältige Gattungen ausdifferenzieren lässt. Zwar gilt die Erforschung der Gattung in der Literaturwissenschaft als »[…] trübseligste Kapitel der Literaturwissenschaft««, jedoch bietet sie auch ein bisher unausgeschöpftes Potential für die Literaturwissenschaft und die Erforschung der hebräischen Bibel. 

Oftmals werden Psalmen nach ihren inhaltlichen Gemeinsamkeiten, nach Themen, in Gruppen zusammengefasst (Geschichts-, Weisheitspsalmen-, Königspsalmen, Klagelieder, Danklieder etc.). Dabei bleibt aber, vor allem bei der Arbeit mit Übersetzungen, verborgen, wie stark der Einfluss der formal-sprachlichen Gestaltung auf die Wahrnehmung von Texten ist. Die Hebräische Sprache verfügt über zahlreiche, manchmal deutlichere, manchmal subtilere Mittel, um Inhalt und Form miteinander zu verknüpfen und Lese-/Hörererwartung zu beeinflussen. Daher stellt sich die Frage, inwiefern die Parameter, Form, Gattung und Inhalt innerhalb der Psalmen miteinander korrespondieren. Daher beschäftigt sich meine Dissertation mit folgenden Ansätzen: 

  • Gattungstheorie in der alttestamentlichen Wissenschaft und in der Literaturwissenschaft
  • Formkritische Betrachtung (Einleitung, Abschluss, Gliederung durch Refrains, Reden oder Konjunktionen)
  • Gattungskritische Frage: Welche Rolle spielt die formale Gestaltung bei der Festlegung der Textgattung? Auf welche Weise haben sich Gattungen weiterentwickelt (Gattungsgeschichte)?
  • In welchem Verhältnis steht diese neue Gattungsbestimmung mit rein inhaltlichen Gruppen der Psalmen? 

Ziel dieser Untersuchung ist es, die Gattungsbestimmung für die wissenschaftlichen Beschäftigung mit hebräischen, poetischen Texten für Interpretation und Rezeptionsgeschichte wieder tragfähig zu machen. Sie bietet neues Interpretationspotenzial für die Frage danach, ob Form und Inhalt miteinander korrespondieren oder möglicherweise bewusst differieren, um dem Text eine eigene Pointe zu verleihen. Die Bestimmung der Psalmengattung kann somit auch eine Brücke zu deutscher/hebräischer Lyrik schlagen, die formale und inhaltliche Gestaltung der Psalmen rezipiert, weiterentwickelt und literarisch neu ausgestaltet. Ein weiterer fruchtbarer Anknüpfungsunkt ist die Frage nach der Auswahl von Psalmen für liturgische Kontexte im Judentum. Es ist durchaus vorstellbar, dass bestimmte Psalmen sowohl aufgrund des Inhalts aber auch bewusst aufgrund ihrer Gattung, ihrer literarischen Form für die Liturgie ausgewählt wurden.