Lehrstuhl für Alttestamentliche Wissenschaften

Prof. Dr. Klaus Bieberstein

 

»Muss nicht jedes Operieren mit überlieferten Texten der historischen Kritik aller näheren Umstände, der Produktions- wie der Rezeptionsbedingungen, unterzogen werden, wenn es nicht dem Aberglauben verfallen will?«
Pierre Bourdieux

 

I.

Die Texte der Hebräischen Bibel des Judentums, des Alten Testaments des Christentums, sind Zeugnisse eines Jahrhunderte währenden Ringens um Sinnbildung und wurden (nicht erst) seit ihrer Kanonisierung in werkimmanenten Sinnbezügen gelesen.

II.

Doch eine solche werkimmanente »kanonische« Lektüre reicht nicht, denn die Texte sind nicht kontextlos vom Himmel gefallen, sondern wurden in konkreten Problemkonstellationen formuliert, um sich mit diesen auseinanderzusetzen und Antworten zu formulieren.

Daher war ihr Sinn in ihrem Wortlaut allein noch nicht definiert, sondern wurde erst im Zusammenspiel mit ihren Bezugsrahmen konstituiert und ist mit rein philologischen Mitteln folglich nicht zu ergründen, sondern erschließt sich erst, wenn vorausgesetzte Kontexte rekonstruiert und im Lesen einbezogen werden.

Diese Einbeziehung vorausgesetzter Kontexte mag für zeitnahe antike Leserinnen und Leser kein Problem gewesen sein. Doch wenn antike Texte über Tausende von Jahren überliefert werden, gehen ihre ursprünglichen Kontexte verloren und werden von modernen Leserinnen und Lesern stillschweigend durch deren eigene Kontexte substituiert, wodurch sich der Sinn der Texte mitunter erheblich verschiebt oder gänzlich verloren geht.

Darum kann und darf eine wissenschaftliche Exegese nicht in einer ahistorischen Lektüre biblischer Texte im biblischen Kanon verharren, sondern muss die kulturellen Kontexte einbeziehen. Daher bemüht sich die exegetische Forschung seit der Aufklärung, biblische Texte nicht nur ahistorisch-kanonisch zu lesen, sondern in ihre historischen Kontexte einzuordnen.

III.

Wenn diese Arbeit geleistet ist, werden in den Texten Geschichten untereinander konkurrierender Sinnentwürfe greifbar, die in unterschiedlichen Schöpfungserzählungen, rivalisierenden Texten zur Theodizee oder alternativen eschatologischen Visionen ausgetragen werden, und in die sich auch moderne Leserinnen und Leser in einer »Horizontverschmelzung« (Gadamer) oder – besser noch – in einer reflektierten »Horizontabgrenzung« (Jauß) einordnen können.

IV.

Erst wenn der gesamte Bogen von der Textproduktion zur Textrezeption erfasst wird, wird die Geschichtlichkeit religiöser Sinnentwürfe offenbar, und es wird möglich, systematisch nach Formen und Funktionen religiöser Sinnbildung zu fragen und die Grammatik religiöser Sinnbildung zu erheben. Dieses Ziel zu erreichen, muss das erkenntnisleitende Interesse der alttestamentlichen Forschung sein.

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Zwei Fallstudien von Klaus Bieberstein umreißen den hermeneutisch zu leistenden Weg und stehen auf www.academia.edu zum Download zu Verfügung:

Text und Kontext. Hermeneutische Reflektionen am Beispiel der biblischen Rede vom einen Gott, in: Karin Finsterbusch / Michael Tilly (Hg.), Verstehen, was man liest. Zur Notwendigkeit historisch-kritischer Bibellektüre, Göttingen 2010, 34–58.

Sargon und Mose im Binsenkörbchen. Geschichten schreiben und lesen, in: Konstantin Lindner (u. a. Hg.), Erinnern und Erzählen. Theologische, geistes-, human- und kulturwissenschaftliche Perspektiven (Bamberger Theologisches Forum 14), Münster 2013, 125–136.

Man kann das Aufgabengebiet der Alttestamentlichen Wissenschaften etwas humoristisch aber auch so umschreiben: