Lehrstuhl für Alttestamentliche Wissenschaften

Prof. Dr. Klaus Bieberstein

 

»Muss nicht jedes Operieren mit überlieferten Texten der historischen Kritik aller näheren Umstände, der Produktions- wie der Rezeptionsbedingungen, unterzogen werden, wenn es nicht dem Aberglauben verfallen will?«
Pierre Bourdieux

 

Die Texte der Hebräischen Bibel des Judentums, des Alten Testaments des Christentums, sind Zeugnisse eines Jahrhunderte währenden Ringens um Sinnbildung und wurden nicht erst seit ihrer Kanonisierung in werkimmanenten Sinnbezügen gelesen.

Dabei sind sie nicht kontextlos vom Himmel gefallen, sondern wurden in konkreten Problemkonstellationen formuliert, um sich mit diesen auseinanderzusetzen und Antwortmodelle zu formulieren.

Daher war ihr Sinn in ihrem Wortlaut allein noch nicht definiert, sondern wurde erst im Zusammenspiel mit ihren Bezugsrahmen konstituiert und ist mit rein philologischen Mitteln allein nicht zu ergründen, sondern erschließt sich erst, wenn stillschweigend vorausgesetzte Kontexte rekonstruiert und im Akt des Lesens einbezogen werden.

Diese Einbeziehung der Kontexte mag für zeitnahe antike Leserinnen und Leser kein Problem gewesen sein. Doch wenn antike Texte über Tausende von Jahren überliefert werden, gehen ihre Kontexte verloren und werden von modernen Leserinnen und Lesern stillschweigend durch deren eigene Kontexte substituiert, wodurch sich der Sinn der Texte mitunter erheblich verschiebt oder gänzlich verloren geht.

Daher ist die Rezeptionsästhetik durch eine Rezeptionsethik zu ergänzen. Während die Rezeptionsästhetik den Akt des Lesens und die Prozesse der kreativen interpretierenden Weiterschreibung rein phänomenologisch beschreibt, ohne sie zu werten oder gar vorzuschreiben, wie Texte zu lesen seien, entwirft und entwickelt die Rezeptionsethik Kriterien, wie Texte gehört oder gelesen werden sollen, damit Verstehen glücken kann.

Wenn sich zwei Menschen im Gespräch persönlich gegenüber stehen und ihre Horizonte einander ähneln, kön­nen sich Sprecherinnen und Sprecher in einem Vorschuss an Vertrauen darauf einlassen, dass ihre Hörerinnen und Hörer ihre Hintergründe teilen, ihre Äußerungen angemessen kontextualisieren, stillschweigend Vorausgesetztes kontextgemäß einbinden, Unbestimmtheiten zutreffend konkretisieren und ein gegenseitiges Missverstehen und Scheitern der Verständigung ver­hindern, oder (wenn sie jene Äußerungen unangemessen zu kon­textua­li­sie­ren und folglich misszuverstehen scheinen, so dass die gegenseitige Verständigung zu scheitern droht) versuchen, zunächst stillschweigend vorausgesetzte Hintergründe nachholend zu erläutern, damit Begegnung gelingen kann.

Wenn Äußerungen jedoch schriftlich niedergelegt werden und auf zeitlich, räumlich und kulturell weit entfernte Leserinnen und Leser treffen, werden diese mit zunehmender Wahrscheinlichkeit nicht mehr über die selben Hintergründe verfügen (und sich der Verschiedenheit ihrer Hintergründe nicht einmal bewusst sein) und vorausgesetzte historische Kontexte (notgedrungen) aus ihren eigenen, aktuellen Kontexten substituieren. Dann entsteht seitens der Leserinnen und Leser die Pflicht, sich vorausgesetztes Hintergrundwissen zu holen und Kontexte zu rekonstruieren, um antiken Texten gerecht zu werden.

Darum darf sich die Exegese nicht in einer werkimmanenten Lektüre biblischer Texte in ihren kataphorischen und anaphorischen Sinnbezügen im biblischen Kanon erschöpfen, sondern muss die kulturellen Kontexte einbeziehen.

Daher bemüht sich die exegetische Forschung seit der Aufklärung, biblische Texte nicht nur kanonisch, sondern auch literaturgeschichtlich einzuordnen. Dann zeigt sich in den Texten eine offene Geschichte mitunter konkurrierender Sinnentwürfe, die in Form alternativer Schöpfungserzählungen, Texten zur Theodizee oder eschatologischen Visionen ausgetragen werden und in die sich Leserinnen und Leser in einer »Horizontverschmelzung« (Gadamer) oder besser noch: in einer »Horizontabgrenzung« (Jauß) einordnen können.

Wenn ein Lehrbuch der »Methoden alttestamentlicher Exegese« von 2017 der »historischen Kontextualisierung« auf Seite 162 nur eine halbe von 170 Seiten widmet und feststellt, dass »sich hier ein nahezu unendliches Forschungsgebiet eröffnet«, mag man rufen: Sapere aude! Lest Droysen! Lest Dilthey! Lest Gadamer! Legt die Scheuklappen innerbiblischer Exegese ab und betretet dieses unendlich weite Feld!

Daher erstreckt sich das Aufgabenfeld des Bamberger Lehrstuhls für Alttestamentliche Wissenschaften – es ist nicht ohne Grund im Plural formuliert – von der Archäologie und Kulturgeschichte der biblischen Welt und der Exegese biblischer Texte in ihren historischen Kontexten über ihre Einordnung in theologische Diskursgeschichten bis zur Analyse ihrer kanonischen Endform und deren Rezeption und Transformation in modernen Kontexten.

Zwei Fallstudien von Klaus Bieberstein umreissen den hermeneutisch zu leistenden Weg und stehen auf www.academia.edu zum Download zu Verfügung:

Text und Kontext. Hermeneutische Reflektionen am Beispiel der biblischen Rede vom einen Gott, in: Karin Finsterbusch / Michael Tilly (Hg.), Verstehen, was man liest. Zur Notwendigkeit historisch-kritischer Bibellektüre, Göttingen 2010, 34–58.

Sargon und Mose im Binsenkörbchen. Geschichten schreiben und lesen, in: Konstantin Lindner (u. a. Hg.), Erinnern und Erzählen. Theologische, geistes-, human- und kulturwissenschaftliche Perspektiven (Bamberger Theologisches Forum 14), Münster 2013, 125–136.

Man kann das Aufgabengebiet der Alttestamentlichen Wissenschaften humoristisch aber auch so umschreiben: