Rechnungslegung und Prüfung nicht kapitalmarktorientierter Unternehmen

Obwohl in Deutschland 99 % aller Unternehmen als klein bzw. mittelgroß zu klassifizieren sind, beschäftigen sich im Bereich Rechnungslegung und Prüfung die meisten Studien mit großen, kapitalmarktorientierten Gesellschaften. Allerdings lassen sich die für börsennotierte Konzerne gewonnenen Erkenntnisse nur bedingt auf nicht kapitalmarktorientierte Unter­nehmen übertragen. Denn im Vergleich zu börsengelisteten Gesellschaften weisen nicht kapitalmarktorientierte Unternehmen regelmäßig einen kleineren, überschaubaren Gesellschafterkreis auf, verfügen i. d. R. über geringere Ressourcen und Rechnungslegungskompetenzen, sind stärker durch Fremdkapital finanziert und besitzen üblicherweise eine kleinere Produktpalette. Die Erforschung der Anforderungen an die Rechnungslegung und Prüfung kleiner und mittelgroßer Unternehmen steht deshalb besonders im Forschungsfokus des Lehrstuhls. Fragestellungen, die uns in diesem Zusammenhang beschäftigen, sind u. a: Welchen Nutzen messen kleine Unterneh­men einer freiwilligen Abschlussprüfung bei? Haben nicht-kapitalmarktorientiere Unternehmen einen Be­darf zur Bereitstellung international vergleichbarer Rechnungslegungsinformationen?

Projektleitung:
Prof. Dr. Brigitte Eierle

Beteiligte:
Prof. Dr. Brigitte Eierle
Dr. David Shirkhani (ehem. Otto-Friedrich-Universität)
Dr. Christiane Helduser (ehem. Otto-Friedrich-Universität)

Laufzeit:
2010-2018

Teilprojekt 1

Der Bedarf nicht kapitalmarktorientierter Unternehmen zur Anwendung der IFRS


Inhalt und Ziele:

Das Teilprojekt untersucht, inwieweit nicht kapitalmarktorientierte Unternehmen einen Bedarf sehen international vergleichbare Rechnungslegungsinformationen bereitzustellen und ob jene Unternehmen, die einen Bedarf sehen die IFRS anwenden. Die Ergebnisse sollen somit Aufschluss darüber geben, ob in Deutschland ein Bedarf für den im Vergleich zu den vollumfänglichen IFRS vereinfachten IFRS for SMEs besteht und welche Unternehmen von der Einführung des IFRS for SMEs profitieren könnten.

Methode:

Postalische Befragung von 4000 nicht kapitalmarktorientierten Unternehmen in Deutschland, die im Frühsommer 2010 durchgeführt wurde. Die Auswertungen basieren auf 322 verwertbaren Fragebögen.

Ergebnisse:

Die empirischen Ergebnisse des Teilprojekts zeigen, dass vor allem jene Unternehmen einen Bedarf sehen international vergleichbare Rechnungslegungsinformationen bereitzustellen, die über ausländische Eigenkapitalgeber verfügen oder in einen internationalen Konzernabschluss einbezogen sind. Import- bzw. Exportbeziehungen lösen dagegen keine Notwendigkeit zur Veröffentlichung international vergleichbarer Abschlussinformationen aus. Ferner ergeben unsere Analysen, dass vor allem kleinere Unternehmen, die einen Bedarf sehen international vergleichbare Rechnungslegungsinformationen bereitzustellen von einer Anwendung der IFRS absehen. Insofern könnte vor allem für diese Unternehmen der IFRS for SMEs bei gegebenen Rahmenbedingungen eine attraktive Alternative darstellen.

Relevanz:

Die empirischen Erkenntnisse sind insbesondere für den internationalen, europäischen und deutschen Gesetzgeber von Bedeutung. So hat die EU erst kürzlich in ihrer öffentlichen Konsultation zur Eignung des EU-Vorschriftenrahmens im Bereich der Unternehmensberichterstattung erneut die Frage aufgeworfen, ob die Einführung des IFRS for SMEs zum Abbau grenzüberschreitender Hindernisse befürwortet wird und auch das IASB hat jüngst eine Überarbeitung des IFRS for SMEs angekündigt. Die Ergebnisse des vorliegenden Teilprojekts können hierfür einen wichtigen Input liefern, da es Aufschluss darüber gibt, für welche Typen von nicht kapitalmarktorientierten Unternehmen eine Internationale Rechnungslegung von Bedeutung ist.

Veröffentlichungen:

  • Eierle, B./Shirkhani, D./Helduser, C. (2018): The need to provide internationally comparable ac­counting information and the application of IFRS – Empirical evidence from German private firms, in: Accounting in Europe, 15 Jg., Heft 3, S. 323-346.

 

 

Projektleitung:
Prof. Dr. Brigitte Eierle

Beteiligte:
Prof. Dr. Brigitte Eierle
Dr. Andreas Weik (ehem. Otto-Friedrich-Universität)
Prof. Hannu Ojala (Aalto University Helsinki)

Teilprojekt 2

Freiwillige Abschlussprüfung kleiner Unternehmen

 

Inhalt und Ziele:

In diesem Teilprojekt wird untersucht, inwieweit kleine nicht kapitalmarktorientierte Kapitalgesellschaften und diesen gleichgestellte Personenhandelsgesellschaften trotz der Befreiung von einer gesetzlichen Abschlussprüfungspflicht ihren Jahresabschluss freiwillig prüfen lassen. Die Ergebnisse sollen somit Aufschluss darüber geben, ob kleine Unternehmen einen Nutzen in der Abschlussprüfung sehen und welche Faktoren die Entscheidung für eine freiwillige Abschlussprüfung determinieren.

Methode:

Postalische Befragung von 6000 kleinen Kapitalgesellschaften/haftungsbeschränkten Personenhandelsgesellschaften in Deutschland. Die Auswertungen basieren auf 405 verwertbaren Fragebögen.

Ergebnisse:

Die Ergebnisse zeigen, dass sich in Deutschland im Unterschied zu anderen Ländern nur sehr wenige kleine Kapitalgesellschaften/haftungsbeschränkte Personenhandelsgesellschaften freiwillig prüfen lassen. So entscheiden sich in Deutschland nur in etwa 5% der haftungsbeschränkten, prüfungsbefreiten kleinen Unternehmen für eine freiwillige Prüfung ihres Abschlusses während in anderen Ländern freiwillige Prüfungsquoten von 26 % - 80 % festgestellt wurden. Folglich scheint nur ein sehr geringer Anteil an kleinen Unternehmen in Deutschland der Jahresabschlussprüfung einen Nutzen beizumessen, der die mit einer Prüfung verbundenen Kosten übersteigt. Als wichtige Faktoren für die Inanspruchnahme einer freiwilligen Abschlussprüfung konnten in der vorliegenden Untersuchung die Unternehmensgröße, der Anteil der nicht im Management vertretenen Eigentümer, die Firmierung in der Rechtsform der AG, die Beherrschung durch ein Mutterunternehmen, die Wichtigkeit der Jahresabschlussinformationen für das Management sowie die Auslagerung von Rechnungslegungsaufgaben an einen externen Wirtschaftsprüfer identifiziert werden. Die Übertragung von Rechnungslegungsaufgaben auf einen externen Steuerberater wirkt sich hingegen negativ auf die Entscheidung aus, den Jahresabschluss freiwillig prüfen zu lassen. Im Gegensatz zu bisherigen Studien aus anderen europäischen Ländern zeigt sich in der vorliegenden Untersuchung darüber hinaus kein Zusammenhang zwischen dem Verschuldungsgrad eines Unternehmens und der Inanspruchnahme einer freiwilligen Abschlussprüfung.

Abschließend kann festgehalten werden, dass – trotz der europäischen Bestrebungen die Anforderungen an die Finanzberichterstattung von Unternehmen zu harmonisieren – bestehende empirische Erkenntnisse den Schluss nahelegen, dass der Nutzen einer Abschlussprüfung sowohl von den nationalen Gesetzgebern als auch den Unternehmen selbst in Abhängigkeit der jeweils individuellen Gegebenheiten und institutionellen Rahmenbedingungen sehr unterschiedlich beurteilt wird

Relevanz:

Die Studie ist insbesondere für den europäischen Gesetzgeber sowie für den Berufstand der Wirtschaftsprüfer von Relevanz, da die Ergebnisse Aufschluss darüber geben, inwieweit sich Unternehmen bei einer Befreiung von der gesetzlichen Prüfungspflicht weiterhin freiwillig einer Abschlussprüfung unterziehen. 

Veröffentlichungen:

  • Weik, A./Eierle, B./Ojala, H. (2018): What drives voluntary audit adoption in small German compa­nies?, in: International Journal of Auditing, 22 Jg., Heft 3, S. 503-521, DOI 10.1111/ijau.12134.
  • Weik, A./Eierle, B. (2018) What drives voluntary audit adoption in small German companies?, in: Global Knowledge Gateway Audit & Assurance, www.ifac.org.
  • Weik, A./Eierle, B./Ketterer, S. (2017): Häufigkeit und Determinanten einer freiwilligen Abschluss­prüfung in Deutschland: Ergebnisse einer empiri­schen Untersuchung, in Der Betrieb, 70. Jahrgang, Heft 42, S. 2429-2435.